Gastbeitrag von Dr. Roger Gothmann, Geschäftsführer TAXDOO

Was Private Equity in der Steuerberatung für Onlinehändler bedeutet. Und warum ihr jetzt die richtigen Fragen stellen solltet.

Ihr kennt mich von Wortfilter als den Typ, der euch seit Jahren mit Umsatzsteuer, OSS und E-Rechnung nervt. Heute geht es um etwas anderes. Um etwas, das die meisten von euch noch nicht auf dem Schirm haben, das aber direkt in euer Geschäft hineinwirkt. Es geht um euren Steuerberater. Genauer: um die Frage, wem er in Zukunft eigentlich gehört.

Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.

Was passiert gerade?

In weniger als 18 Monaten haben einige der größten Finanzinvestoren der Welt schätzungsweise über zwei Milliarden Euro in den deutschen Steuerberatungsmarkt investiert. KKR bei ETL. EQT bei WTS. Partners Group mit Afileon. Cinven bei Grant Thornton. Greenpeak mit Atania und LKC. ICG verhandelt gerade über eine Mehrheitsbeteiligung an Baker Tilly.

Hinter dem ETL-Netzwerk mit über 1.000 Steuerkanzleien in Deutschland, das viele von euch über die Online-Marke fynax kennen, stecken die beiden PE-Giganten KKR und Hg Capital. Und Hg Capital? Die sind zugleich der Investor bei JTL . Richtig gelesen: Derselbe Finanzinvestor, der Steuerkanzleien konsolidiert, investiert gleichzeitig in die ERP-Software, die ihr täglich nutzt.

Laut einem jüngsten Artikel des Handelsblatts haben sich bereits 15 bis 20 Prozent aller Steuerberatungsgesellschaften in Deutschland Finanzinvestoren an Bord geholt. Allein die Plattform Afileon hat über 100 Kanzleien zugekauft.

Das ist ein struktureller Umbruch, dessen Ausgang offen ist.

Was hat das mit euch zu tun?

Auf den ersten Blick: nichts. Ihr verkauft auf Amazon und in eurem Shop. Euer Steuerberater macht eure Buchhaltung. Was der an Gesellschaftern hat, ist euch egal.

Auf den zweiten Blick: sehr viel. Denn Private-Equity-Investoren kaufen keine Steuerkanzleien, weil sie sich für Umsatzsteuervoranmeldungen begeistern. Sie kaufen sie, weil Steuerkanzleien stabile, wiederkehrende Einnahmen haben, vorhersagbare Cashflows und eine fragmentierte Marktstruktur, die sich konsolidieren lässt.

Das Geschäftsmodell heißt Buy-and-Build: Eine Plattform-Kanzlei kaufen, dann Dutzende oder Hunderte kleinere Kanzleien dazukaufen, Backoffice zentralisieren, Prozesse standardisieren, mit KI automatisieren und nach einigen Jahren mit Gewinn weiterverkaufen.

Die Frage, die ihr euch stellen solltet: Passt dieses Modell zu dem, was ihr von eurem Steuerberater braucht?

Drei Fragen, die ihr eurem Steuerberater stellen solltet

1. Gehörst du noch dir selbst?

Das deutsche Steuerberatungsgesetz verbietet eigentlich, dass fachfremde Dritte Anteile an Steuerberatungsgesellschaften halten. Das sogenannte Fremdbesitzverbot. Es soll sicherstellen, dass euer Berater unabhängig ist und nur euren Interessen dient.

Die aktuellen PE-Beteiligungen umgehen dieses Verbot über EU-Auslandsholdings. Der Investor beteiligt sich nicht direkt an der Steuerkanzlei, sondern an einer vorgeschalteten Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Luxemburg, den Niederlanden oder Belgien, wo das Fremdbesitzverbot nicht gilt. Über diese Konstruktion fließen Kapital und Steuerungsimpulse in den deutschen Markt.

Am 19. März 2026 hat die Bundesregierung den Vorstoß des Bundesrats abgewiesen, diesen Umweg gesetzlich zu unterbinden. Die Debatte geht jetzt in den Bundestag.

Was das für euch bedeutet: Euer Steuerberater ist möglicherweise Teil einer investorengestützten Plattform, ohne dass ihr davon wisst. Fragt nach.

2. Wessen Interessen werden hier bedient?

Ein inhabergeführter Steuerberater hat ein Interesse daran, dass ihr als Mandant zufrieden seid und bleibt. Seine Einnahmen hängen von eurer Treue ab. Sein Ruf in der Region auch.

Ein Private-Equity-Investor hat ein zusätzliches Interesse. Er will den Unternehmenswert der Kanzlei-Plattform steigern, um sie nach drei bis sieben Jahren mit Gewinn zu verkaufen. Das bedeutet: Kosten senken, Umsatz pro Berater steigern, Prozesse standardisieren.

Das kann für euch gut sein, wenn die Kanzlei dadurch bessere Software bekommt und effizienter arbeitet. Es kann schlecht sein, wenn die individuelle Betreuung darunter leidet, die Ansprechpartner wechseln oder die Beratungstiefe sinkt, weil Standardisierung Vorrang vor Maßarbeit hat.

Besonders relevant für E-Commerce-Händler: Eure steuerlichen Sachverhalte sind komplex. Wer Pan-EU oder CEE bei Amazon macht, hat Umsatzsteuerpflichten in mehreren Ländern, braucht OSS-Kompetenz und muss ab 2027/2028 E-Rechnungen verarbeiten können. Das ist Spezialwissen, kein Standard. Ob ein zentralisiertes Plattformmodell dieses Spezialwissen liefern kann, ist eine offene Frage.

3. Was passiert mit euren Daten?

Das ist die Frage, die am wenigsten gestellt wird. Sie ist die wichtigste.

Euer Steuerberater hat eure komplette Finanzbuchhaltung. Er kennt eure Margen, eure Lagerumschläge, eure Umsatzentwicklung, eure Kostenstruktur. Er weiß, welche Produkte laufen und welche nicht. Bei vielen von euch hat er Zugang zu eurem Seller-Account oder zumindest zu den Transaktionsberichten.

Wenn eine Kanzlei Teil einer PE-gestützten Plattform wird, wandern diese Daten in eine zentralisierte Infrastruktur. Das muss kein Problem sein. Aber es stellt die Frage: Wer hat Zugriff? Welche Daten werden aggregiert? Werden sie anonymisiert für Benchmarking genutzt? Könnten sie für Due-Diligence-Prozesse beim Weiterverkauf der Plattform relevant werden?

Eure Finanzdaten sind sensibel. Sie sind das Röntgenbild eures Geschäfts. Ihr solltet wissen, wer sie sieht.

Warum Investoren Milliarden in Steuerkanzleien stecken

Steuerkanzleien sind für Finanzinvestoren aus drei Gründen attraktiv:

Stabile, wiederkehrende Umsätze. Ein Mandant, der einmal seine Buchhaltung bei einer Kanzlei hat, bleibt dort im Schnitt über zehn Jahre. Das sind vorhersagbare Cashflows, die eine Fremdfinanzierung tragen können.

Fragmentierter Markt. Es gibt in Deutschland über 40.000 Steuerkanzleien. Die meisten sind inhabergeführt, viele haben Nachfolgeprobleme. Ein Markt, der so fragmentiert ist, lässt sich konsolidieren. Genau das ist die Buy-and-Build-These.

KI als Produktivitätshebel. Die Investoren wetten darauf, dass generative KI die Produktivität pro Steuerberater verdoppeln oder verdreifachen kann. In einer zentralisierten Plattform lässt sich dieser Hebel besser nutzen als in einer Einzelkanzlei mit drei Mitarbeitern. Wenn die These aufgeht, steigen die Margen erheblich. Das wäre auch für Mandanten ein Vorteil, sofern die Effizienzgewinne in bessere Beratung fließen und nicht nur in höhere Renditen.

In den USA ist genau das seit 2020 passiert: Laut dem CPA Trendlines Playbook sind dort über 30 Milliarden Dollar in den Accounting-Sektor geflossen, verteilt auf über 118 Deals. Die Bewertungen liegen mittlerweile beim 12- bis 17-fachen EBITDA. Der deutsche Markt hat eine ähnliche Struktur. Die Investoren, die jetzt hier einsteigen, haben den US-Markt genau studiert.

Was ihr konkret tun könnt

Ich sage nicht, dass PE in der Steuerberatung gut oder schlecht ist. Ich sage: Ihr solltet wissen, was passiert. Und die richtigen Fragen stellen.

Fragt euren Steuerberater, ob seine Kanzlei Teil einer Investorenstruktur ist oder ob Gespräche laufen. Das ist keine unhöfliche Frage. Das ist die Frage eines Unternehmers, der seine Lieferantenbeziehungen versteht.

Prüft, wo eure Finanzdaten liegen und wer darauf Zugriff hat. Nicht weil ihr eurem Steuerberater misstraut, sondern weil ihr es wissen solltet.

Fragt, ob eure Kanzlei die Kompetenz für E-Commerce-spezifische Themen behält: OSS, Pan-EU-Registrierungen, E-Rechnung, Amazon-Transaktionsdaten. Oder ob das Spezialwissen im Zuge einer Zentralisierung verloren geht.

Und denkt darüber nach, ob ihr eure Buchhaltung langfristig an eine Struktur binden wollt, deren Eigentümer alle paar Jahre wechseln können. Denn Private Equity funktioniert in Zyklen: Der Weiterverkauf nach einigen Jahren ist Teil des Modells. Das ist weder gut noch schlecht. Aber es bedeutet, dass sich die Eigentümerstruktur eurer Kanzlei mehrfach ändern kann.

Die größere Einordnung

Die Steuerberatungsbranche transformiert sich gerade. Private Equity ist dabei der Beschleuniger. Gleichzeitig kommt von der EU-Seite mit ViDA (VAT in the Digital Age, Inkrafttreten Juli 2028) ein regulatorischer Beschleuniger: Echtzeit-Meldepflichten für Rechnungsdaten, die technische Infrastruktur in jeder Kanzlei und jedem Unternehmen erfordern.

Kapital von unten, Regulierung von oben. Das verändert nicht nur, wie Steuerkanzleien arbeiten. Es verändert, wer eure Finanzdaten verarbeitet, in welcher Infrastruktur das passiert und ob ihr als Unternehmer die Hoheit darüber behaltet.

Die Frage, die hinter all dem steht, ist größer als PE: Wer hat die Hoheit über eure Finanzdaten? Technologie macht es heute möglich, dass Unternehmen ihre Buchhaltung und Steuererklärungen in Echtzeit selbst im Blick behalten. Unabhängig davon, wem ihre Kanzlei gehört. Das ist die eigentliche Transformation, die gerade stattfindet. Die wichtigste Botschaft für Onlinehändler ist einfach: Euer Steuerberater ist ein Geschäftspartner. Behandelt ihn wie einen. Stellt die Fragen, die ihr auch jedem anderen Lieferanten stellen würdet.


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