Wenn Bewertungslöschung, Spam und Einschüchterung zusammenkommen
Es gibt E-Mails, die löscht man ungelesen. Und es gibt Mails, bei denen man kurz innehält, weil sie so komisch formuliert sind, dass man sich fragt, ob das wirklich ernst gemeint ist. Genau so eine Mail landete heute bei mir im Postfach.
„Sehr geehrter Herr Steier, gerne entfernen wir die 5 negativen Rezensionen aus Ihrem Unternehmensprofil.“
Kein vorheriger Kontakt. Keine Anfrage. Keine Einwilligung. Also eine astreine wettbewerbswidrige Spam-Mail.
Stattdessen ein vollständig ausgearbeitetes Angebot, inklusive Angebotsnummer, namentlich aufgeführter Bewertungen, Preis pro Rezension und der beruhigenden Zusicherung, dass alles völlig risikofrei sei. Bezahlt werde schließlich nur, was erfolgreich gelöscht wurde. Als Sahnehäubchen obendrauf der Hinweis, die Rezensenten würden nach der Löschung blockiert und könnten mir „nie wieder Schaden zufügen“.
Inhaltsverzeichnis
Absender dieser Mail ist die Junghans GmbH aus Osnabrück, vertreten durch den Geschäftsführer Adrian Holt. Der konkrete Ansprechpartner: Felix Lindwehr. Ob es den tatsächlich gibt, wer weiß das so genau.
Das Entscheidende ist nicht nur, dass diese Mail unerwünscht ist. Entscheidend ist der Eindruck, den sie erzeugt. Sie ist so formuliert, dass man beim flüchtigen Lesen meint, es habe bereits eine Kontaktaufnahme gegeben. Genau dieser Anschein ist es, der den Geschäftsbetrieb stört. Man prüft, man sucht, man fragt sich, ob etwas ausgelöst wurde, was man übersehen hat. Zeit und Aufmerksamkeit werden gebunden – und genau darauf zielt diese Art von Mail ab.

Versprechen, die nur auf Angst basieren
Ärgerlich sind die inhaltlichen Zusagen. Rezensenten blockieren. Dauerhafte Löschung. Keine künftigen Schäden. Bis zu fünf Sterne. Das sind keine kleinen Übertreibungen, das sind Versprechen, die kein seriöser Anbieter geben kann.
Niemand außerhalb der Plattformen kann Rezensenten „sperren“. Niemand kann garantieren, dass Bewertungen dauerhaft verschwinden. Niemand kann verhindern, dass neue Kritik entsteht.
Trotzdem wird genau das suggeriert. Nicht, weil es stimmt, sondern weil es wirkt. Wer unter negativen Bewertungen leidet, ist empfänglich für Heilsversprechen. Hier wird kein Problem gelöst, hier wird Angst und Hoffnung monetarisiert.
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Dünnhäutig, wenn es um eigene Kritik geht
Aufschlussreich wird das Bild, wenn man sich anschaut, wie die Junghans GmbH selbst mit Kritik umgeht. Während man anderen Unternehmen anbietet, negative Bewertungen „entfernen zu lassen“, reagiert man auf Kritik am eigenen Geschäftsmodell nicht mit Transparenz oder Dialog. Ein eigenes Google-Business-Profil hat die Junghans GmbH nicht mehr. Da klappt es dann doch nicht so gut mit der Bewertungslöschung, darf gefragt werden.
Stattdessen folgen Abmahnungen . Forderungen nach strafbewehrten Unterlassungserklärungen. Kostennoten. Der Vorwurf angeblicher Boykottaufrufe. Der Verweis auf strafrechtliche Relevanz. Eine klassische Drohkulisse, die weniger der Rechtsdurchsetzung dient als der Abschreckung.
Die Botschaft ist klar: Kritik ist unerwünscht. Und wer sie äußert, soll möglichst schnell lernen, dass das unangenehm werden kann.
Wirtschaftlich erfolgreich – das macht es nicht besser
Man muss dabei nüchtern feststellen: Dieses Modell funktioniert. Laut veröffentlichten Zahlen hat die Junghans GmbH im Jahr 2023 einen Gewinn von rund 47.000 Euro erzielt. Das ist kein Zufall und kein Einzelfall. Solange Unternehmer aus Angst vor Bewertungen zahlen, bleibt dieses Geschäftsmodell lukrativ.

Genau deshalb ist es wichtig, das nicht als BlaBla abzutun. Es geht hier nicht um eine missglückte Werbeaktion, sondern um ein systematisches Vorgehen, das auf Verunsicherung, Druck, juristischer Einschüchterung und wettbewerblich unfairem Verhalten basiert.
Warum das hier nicht folgenlos bleibt
Diese Mail wird nicht ignoriert. Sie wird abgemahnt. Beauftragt ist Rechtsanwalt Malte Mörger von der Kölner Kanzlei HKMW-Rechtsanwälte. Nicht aus persönlicher Befindlichkeit, sondern weil solche Mails den eigenen Betriebsablauf stören. Und weil diese Art des Kundenfangs schlicht unfairer Wettbewerb ist.
Grundsätzlich: Bewertungen sind unbequem. Negative Bewertungen erst recht. Aber sie sind ein zentraler Bestandteil von Markttransparenz und Meinungsfreiheit. Wer stattdessen versucht, Kritik wegzuspammen, wegzukaufen oder wegzudrohen, hat kein Reputationsproblem, sondern ein strukturelles Problem im eigenen Geschäftsmodell.

Und wenn ihr Fake-Bewertungen auf eurem Google-Business-Profil seht, dann könnt ihr selbst die Löschung beantragen. Die Google Tools sind einfach zu bedienen.
Klartext
Wenn du so eine Mail bekommst, gilt nur eines: Nicht zahlen. Nicht reagieren. Nicht einschüchtern lassen.
Und vor allem: Glaube niemandem, der dir verspricht, Kritik dauerhaft verschwinden zu lassen. Sie kommt wieder. Spätestens dann, wenn jemand genauer hinschaut.
Solche Angebote und solche Unternehmen wie die Junghans GmbH aus Osnabrück wirken einfach unseriös. Macht einen großen Bogen um solche „Frittenbuden“. Wenn ihr ungerechtfertigt negativ bewertet worden seid, dann beauftragt nicht solche „windigen“ Unternehmer, sondern nutzt die Möglichkeiten, die euch Google gibt. Klappt das nicht, dann beauftragt euren Rechtsanwalt des Vertrauens.
Auch das ist eine Sichtweise
„Das kann ich nicht nachvollziehen. Werbemails sind manchmal tatsächlich nervig, aber die kann man doch einfach ignorieren. Ich habe zwar nichts mit dem Unternehmen zu tun, aber gerade für „junge“ Unternehmen wird die Neukundengewinnung heutzutage stark und unnötig erschwert. Da fragt man sich, warum es im deutschsprachigen Raum immer weniger Gründungen gibt und warum erfolgreiche Unternehmen/Unternehmer den Raum immer öfter verlassen.“, schreibt der Leser Steffen B. dem Autor in einer PN auf dieses Posting hier .
Ja, dieser Argumentation kann gefolgt werden. Jedoch bedeutet es, dass die Gesetze geändert werden müssen. Es bedeutet nicht, dass sich jeder Neu-Unternehmer über geltendes Recht stellen darf.






Mich erinnert dieses Vorgehen der Junghans GmbH an den früher einmal häufigeren Offertenbetrug diveser Verlage mit z.B. sog. „Bürgerinfo-Broschüren“, wo auch immer der Eindruck erweckt wurde, dass es vor dem Anruf, dem Fax oder der Mail schon einen Kontakt gegeben hätte. Gerade zu den Hochzeiten des Fax-Gerätes war es manchmal so, dass man montags erstmal meterweise solchen Müll vom Faxgerät reissen musste. Deshalb fing man damals an, wochenends das TAE- oder ISDN-Kabel vom Fax rauszuziehen
Die Bewertungsportale sind inzwischen ohnehin vielfach faktisch unbrauchbar. Warum? Weil die meistens sofort den Schwanz einziehen und löschen oder deaktiveren, sobald ein Unternehmen mit dem Anwalt droht oder ein Anwalt um die Ecke kommt. Die interessiertt es nicht, ob eine nur durchschnittliche oder gar schlechte Bewertung zutreffend ist, die interessiert nur, dass sie weder Kosten noch Arbeit damit haben. Den user-generated Content nehmen die immer gerne kostenlos, aber sobald es Arbeit oder Geld kosten könnte, will man damit nichts mehr zu tun haben.
Siehe zum Beispiel JTL bei Trustpilot:
„jtl-software.de hat 105 seiner Bewertungen insgesamt 106 Mal gemeldet.“
https://de.trustpilot.com/review/www.jtl-software.de/transparency
Der Hebel dafür ist offenbar häufiger die angebliche „falsche Tatsachenbehauptung“.
Erst lassen sie zahlreiche negative Bewertungen über das veränderte Kostenmodell, die endlosen Bugs und den schlechten Support per Anwalt wegschiessen, danach wird offenbar bei Stammtischen und sonstigen Veranstaltungen aus dem JTL-Umfeld (Service Partner etc.) dazu aufgerufen, positive Bewertungen abzugeben, die dann aber natürlich nichts mit der Software zu tun haben, sondern nur mit den Veranstaltungen. So will man offenbar einen ähnlichen Score wie xentral, plenty, weclapp und andere Mitbewerber erreichen. Ehrlich und seriös ist das dann aber nicht, was hinten rauskommt. Bei Kununu ähnlich, da waren es mal 86 Bewertungen inklusive kritischer und negativer Stimmen, inzwischen sind es nur noch 81 und alle nur noch über 4 Sterne. Wer alle kritischen Bewertungen – auch die berechtigten – weglöschen läßt, ist aber ein Lügner. Warum? Weil er einen Teil der Wahrheit zensieren läßt und eine halbe Wahrheit ist immer auch eine ganze Lüge.
Shopware hat inzwischen einen Trustscore von 1,4, den JTL ohne das Dauerlöschen negativer Bewertungen wohl auch so ähnlich hätte, nämlich irgendwo zwischen 1,x und bestenfalls 2,x. Allerdings bewertet bei Shopware wohl kaum noch jemand, denn ein Shop-Relaunch ist schneller und niedrigschwelliger erledigt als ein Wechsel des ERP und der zugehörigen Prozesse. Offenbar haben da spätestens seit dem GMV-Thema größere Fluchtbewegungen eingesetzt, andere haben vielleicht erst gar nicht auf Shopware 6 migriert, sondern gleich auf ein anderes System, weil der Aufwand gleich oder ggf. geringer war. Und bei Kununu stellen sie sich zumindest genauso auch schlechten Bewertungen bei einem aktuellen Score von 3,8.
Der Umgang mit kritischen / schlechten Bewertungen kann aber auch für das Unternehmen ein kritischer Faktor sein, denn Kritik und der konstruktve Umgang damit eröffnet Raum für Verbesserungen und Optimierungen. Sowas geht bei Firmen, die im Stil von JTL eher infantil bis pubertär agieren („Aber ICH finde mich soooo toll!!!“) und einfach alle Bewertungen unter 3 oder 4 Sterne anwaltlich wegschiessen lassen, eben nicht. Das sind dann eher Blender und Rosstäuscher. Und im Forum sind die kritischen und negativen Kommentare ja ohnehin sichtbar, z.B. https://forum.jtl-software.de/threads/unzufriedenheit-mit-dem-jtl-support.240617/
Besucher und Interessenten auf Bewertungsportalen sind ja auch nicht so dumm wie JTL und viele andere sie gerne hätten. Jeder weiß doch mittlerweile, dass es auch in jeder Firma und bei jedem Mitarbeiter dort durchschnittliche und schlechte Tage geben kann und daher auch gelegentliche schlechte und (unter)durchschnittliche Bewertungen dazugehören. Wichtig ist der konstruktive Umgang damit im Dialog und dass man im zeitlichen Verlauf der Bewertungen erkennen kann, dass sich etwas verändert bzw. verbessert hat. Wer das kapiert, der wird lieber bei einer ehrlichen Firma mit 3-4 Sternen Kunde oder Mitarbeiter anstatt bei einer Firma, wo mit Dauerlöschungen krampfhaft 4-5 Sterne „gestaltet“ werden.