In China und einigen asiatischen Ländern ist das Liveshopping schon längst kein Trend mehr, sondern bereits fest in den Einkaufsalltag im Internet integriert. Aber wie sieht es bei uns aus? Kann dieser Trend auch in Europa ankommen und sind die hiesigen Plattformen darauf vorbereitet?

(Bildnachweis: TechNode / Emma Lee)

Das chinesische Medium technode bezeichnet das Jahr 2019 als >Year of Livestreamer< und liefert einige gute Insights. Durch Liveshopping-Angebote wurde 2019 in China ein Umsatz von 63 Milliarden US $ erwirtschaftet, so die Schätzung verschiedener Experten. Das entspricht einen Anteil am gesamten E-Commerce-Umsatz von 9 %. Die bekannteste Liveshopping-Plattform ist die zum Alibaba Konzern gehörige >Taobao Live<. Über >Taobao Live< wurden alleine am Single Day über 2 Milliarden US $ umgesetzt, das entsprach 7,5 % vom Tagesumsatz auf dem Marktplatz Taobao.

Ähnlich wie wir es von Fernsehformaten wie QVC oder HSE24 kennen, funktioniert auch das Liveshopping. Entweder professionell mit mehreren Moderatoren und in einem >Studio< oder, und so machen es viele kleine Händler, einfach vor der PC-, Laptop- oder Handykamera. Die jeweiligen Produkte können dann über eingeblendete Links direkt geordert werden.

So funktioniert es in China

In China gibt es derzeit drei große Plattformen:  Kuaishou, Douyin und Taobao Live. Der Marktplatz Pinduoduo plant, glaubt man chinesischen Stellenausschreibungen, auch eine eigene Livestreaming-Plattform.

Die unterschiedlichen Plattformen differenzieren sich deutlich, wobei Taobao Live der größte und älteste Dienst ist. Douyin funktioniert vor allem mit Fashion- und Kosmetikartikeln und ermöglicht es dem Nutzer über TikTok einzukaufen, ohne die App zu verlassen. Auf Kuaishou werden oft Über- und Restbestände oder Frischwaren verkauft. L’Oréal hat auf Douyin mehr als 121.000 Follower.

Warum Liveshopping auch in Europa funktionieren wird

Dieses E-Commerce-Format wird sicher nicht das herkömmliche Onlineshopping ersetzen, aber das Liveshopping wird es ergänzen. In China macht diese Art des Einkaufens derzeit 1% des gesamten Einzelhandels Umsatz aus (Stand 2018).

Durch die besondere Art des Shoppingerlebnisses eignet sich das Live-Video-Format besonders für Zielgruppen, die viel Wert auf eine Bindung zum Produkt oder der Marke und einer hohen Interaktion mit dem Unternehmen legen. Entsprechend könnt ihr also damit erreichen, dass eure Kunden und Fans sich an euch binden und ihr so mit ihnen interagieren könnt.

Natürlich hilf diese Art des >kuratierten< Shoppings auch den Verbrauchern, sich im Dschungel der Angebote zu orientieren. Ihr überwindet damit das sogenannte ‚Auswahl-Paradoxon‘. Je mehr Fans live dabei sind, desto mehr Sales werdet ihr generieren können. Ihr merkt dann den sogenannten ‚Mitläufereffekt‘.

Liveshopping in Deutschland. Was kennen wir?

Vor allem kennen wir Liveshopping von >von Floerke< Gründer David Schirrmacher. Monatelang hat er uns jeden Abend mit seinen ‚Saufi sauf‘-Live-Shows beglückt. Innerhalb dieses Formates äußerte sich David zu aktuellen Themen, stellte Weine vor oder verkaufte Fashionartikel. Eigenen Angaben nach erzielte er in der Spitze damit Tagesumsätze von bis zu 20.000 €.

„Liveshopping war eine geniale Möglichkeit für VON FLOERKE, ohne Marketingbudget unglaubliche Umsätze zu erzielen. Dadurch habe ich nicht nur Produkte verkauft, sondern auch noch eine enorm aktive Fanbase geschaffen. Jedem Händler mit dem Willen etwas Neues auszuprobieren, würde ich empfehlen, dieses Format auszuprobieren“, so David Schirrmacher.

Er wählte dazu Facebook, YouTube und Twitch als Plattformen aus. Auf Facebook erzielte er bis zu 30.000 Videoaufrufe und fast 1.000 Live-Zuschauer sahen zu.

Sind die deutschen, europäischen oder amerikanischen Plattformen vorbereitet?

Nein, die großen Marktplätze wie ebay, real.de oder otto.de kennen diese Formate noch nicht. Rakuten hat in 2019 angekündigt mit einem Liveshopping-Format zu starten. Amazon auch, allerdings nur für ausgewählte Händler und Produkte in den USA.

https://www.amazon.com/live

Was sollten die Plattformen machen?

Grundsätzlich sollten Verbraucher an dem Ort abgeholt werden, an dem sie gerne einkaufen, das sind eben die Marktplätze. Daher wäre es wichtig, rechtzeitig auf den Zug aufzuspringen und den Händlern eine Lösung anzubieten. Es wäre sogar einfach, das zu monetarisieren. Die Marktplätze müssten nur gestatten, dass eigene Produktlinks gepostet werden dürften, plus eine kleine >Teilnahme<-Gebühr. Fertig! – Aber gleichzeitig ergeben sich dafür auch Chancen für die Social-Media-Kanäle, sich mehr im E-Commerce zu bewegen, wenn die etablierten Handelsplattformen nicht aus dem Quark kommen.

Welche Möglichkeiten haben wir jetzt?

Jede Plattform, die ein Livestreaming-Format mit Nutzerinteraktion anbietet, eignet sich grundsätzlich zum Liveshopping. Das wären dann also z. B. Facebook, YouTube, Instagram, Skype, TikTok (in Grenzen), aber auch Twitter und LinkedIn.

Natürlich solltet ihr die Plattformen wählen, auf denen sich eure Zielgruppe tummelt. Das wird wahrscheinlich eine der großen Drei sein, also Insta, YT oder FB.

Konkret, wie kann ich Liveshopping umsetzen?

Kurz und knapp: Entweder ihr nutzt die Reichweite und Größe existierender Facebook-Gruppen. Sprich, ihr haltet Rücksprache mit den Admins und sendet live in einer Gruppe. Oder ihr habt bereits eine große Fanbase, dann eignen sich auch Instagram, Twitch oder YouTube. Wenn ihr startet, dann solltet ihr euch ein kleines >Drehbuch< erstellen. In diesem sollten kurz die Produkte und Themen aufgelistet sein. Habt im >Backoffice< einen Mitarbeiter live dabei. Er soll Links posten und Kommentare bzw. Fragen beantworten.

Achtet aber auch auf die rechtlichen Fallen, dass sind z. B. die Preisangabenverordnung oder Zusicherungen, die ihr im Rahmen des Livestreamings gebt. Ansonsten gibt es nicht viel zu beachten.

Fazit

Alle Zeichen deuten darauf hin, dass Liveshopping als Einkaufsformat auch in Deutschland und Europa angenommen werden wird. Es spricht also wenig dagegen, es nicht einmal auszuprobieren. Smart sind dabei die geringen Kosten und die Chance eure Kunden zu Fans zu machen, um sie enger an euch zu binden. Welche Gegenargumente findet ihr?

(Bild: aeggy | CC BY-SA 2.5)