Der Handelsverband Deutschland (HDE) sorgt aktuell mit einer Forderung für Aufmerksamkeit: In einem Brandbrief an Bundeskanzler Friedrich Merz bringt der Verband einen möglichen Importstopp für chinesische Onlinehändler wie Temu und Shein ins Spiel.
Begründet wird der Vorstoß mit ungleichen Wettbewerbsbedingungen. Die Plattformen würden sich systematisch über europäische Sicherheits-, Umwelt- und Verbraucherschutzstandards hinwegsetzen. Deutsche Händler seien dadurch nicht mehr konkurrenzfähig. Als „Ultima Ratio“ müssten deshalb auch drastische Maßnahmen wie ein Importstopp in Betracht gezogen werden. Der Bericht geht auf eine Veröffentlichung von heise online zurück.
Was wie ein entschlossener Schutz des Handels wirkt, ist bei näherer Betrachtung jedoch ein Offenbarungseid.
Inhaltsverzeichnis
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Temu und Shein wachsen – trotz Regulierung rasant
Die Zahlen zeigen, warum der Druck im Handel steigt: Shein steigerte seinen Nettoumsatz in Deutschland 2024 um 18 Prozent auf rund 1,1 Milliarden Euro und gehört inzwischen zu den zehn größten Onlineshops des Landes.
Temu vervielfachte sein Bruttohandelsvolumen nahezu auf 3,4 Milliarden Euro – ein Wachstum von 285 Prozent innerhalb eines Jahres.
Damit sind beide Plattformen zu ernstzunehmenden Marktteilnehmern geworden, auch wenn sie im Vergleich zu Amazon weiterhin deutlich kleiner sind. Amazon setzte allein in Deutschland 2024 rund 15 Milliarden Euro um und wickelte ein Handelsvolumen von etwa 52 Milliarden Euro ab.
Der strukturelle Druck auf den klassischen Handel ist real. Die Frage ist nur: Wird er mit Importverboten gelöst?
Die EU schaut längst hin – und zwar zu Recht
Sowohl Temu als auch Shein stehen bereits im Fokus der Europäische Kommission. Gegen Temu läuft ein Verfahren wegen möglicher Verstöße gegen den Digital Services Act . Die Kommission sieht ein hohes Risiko für illegale Produkte auf der Plattform.
Shein wird unter anderem manipulativer Verkaufspraktiken („Dark Pattern “) beschuldigt – von irreführenden Rabatten bis zu problematischen Nachhaltigkeitsaussagen.
Das zeigt: Das eigentliche Problem ist nicht fehlende Regulierung, sondern mangelhafte Durchsetzung.
Importstopp ist Protektionismus – und ökonomisch gefährlich
So verständlich der Frust im Handel ist: Ein pauschaler Importstopp wäre kein Schritt zu fairem Wettbewerb, sondern klassischer Protektionismus. Und Protektionismus hat historisch noch nie zu:
- Innovation
- Wettbewerbsfähigkeit
- fairen Märkten
geführt.
Er schützt kurzfristig Strukturen, schwächt aber langfristig den Markt. Vor allem löst er nicht das Kernproblem.
Das echte Problem: Drittlandhändler stehen faktisch außerhalb des Rechts
Der faire Wettbewerb scheitert nicht daran, dass es keine Regeln gibt – sondern daran, dass sie für Anbieter aus Drittstaaten kaum durchsetzbar sind. Was der Handel wirklich bräuchte, wäre:
✅ 1. Rechtliche Haftbarkeit in der EU
Jeder Händler, der hier verkauft, braucht einen haftbaren Vertreter in der EU – der verklagt werden kann.
✅ 2. Rücksendeadresse innerhalb der EU
Keine faktischen Einbahnverkäufe nach China, sondern echte Verbraucherrechte mit realer Durchsetzung.
✅ 3. Vollstreckbarkeit von Forderungen
Urteile müssen greifbar sein – etwa über Zugriff auf Plattformguthaben, Zahlungsdienstleister wie PayPal oder Amazon Pay.
Erst dann gelten für alle Marktteilnehmer dieselben Spielregeln.
Importverbote kaschieren politisches Versagen
Der Vorstoß des HDE zeigt vor allem eines: Der europäische Gesetzgeber hat es bislang nicht geschafft, bestehendes Recht effektiv auf globale Plattformen anzuwenden. Statt dieses Vollzugsdefizit zu beheben, wird nun nach dem Holzhammer gerufen.
Das ist keine Wirtschaftspolitik – das ist Kapitulation vor der eigenen Regulierungsschwäche.
Fazit
Temu und Shein sind nicht deshalb erfolgreich, weil sie „zu billig“ sind.
Sie profitieren davon, dass europäisches Recht für sie praktisch kaum durchsetzbar ist.
Ein Importstopp wäre:
❌ wettbewerbsfeindlich
❌ rechtlich heikel
❌ wirtschaftlich schädlich
Was der Handel braucht, ist kein Protektionismus – sondern echte Rechtsdurchsetzung. Gleiche Regeln. Gleiche Haftung. Gleiche Konsequenzen. Erst dann entsteht fairer Wettbewerb. Alles andere ist „für die Tonne“.





