In Italien droht Amazon ein juristischer Konflikt mit Folgen für den europäischen Marktplatzhandel. Die Staatsanwaltschaft in Mailand hat laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters beantragt, den europäischen Amazon-Ableger sowie vier Manager wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung vor Gericht zu stellen.
Im Raum steht ein Schaden von rund 1,2 Milliarden Euro an nicht gezahlter Mehrwertsteuer. Der Fall ist kritisch, weil Amazon bereits im Dezember 2025 527 Millionen Euro an die italienische Steuerbehörde gezahlt hatte, um den Steuerstreit beizulegen. Trotzdem wollen die Ermittler das Strafverfahren weiterführen.
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Ermittler sehen Plattformmodell als Problem
Nach Informationen von Reuters geht es um Verkäufe auf dem Amazon-Marktplatz zwischen 2019 und 2021. Die Mailänder Staatsanwaltschaft wirft Amazon vor, dass der Aufbau der Plattform sowie der Einsatz von Algorithmen Verkäufe von Nicht-EU-Händlern ermöglicht habe, ohne deren Identität ausreichend offenzulegen.
Dabei soll es sich vor allem um Händler aus China handeln. Laut den Ermittlungsunterlagen hätten Zehntausende Verkäufer Waren nach Italien verkauft, ohne ordnungsgemäß Mehrwertsteuer zu entrichten.
Der zentrale Vorwurf lautet: Amazon habe durch sein Plattformmodell und seine technischen Systeme diese Verkäufe ermöglicht und damit indirekt eine Mehrwertsteuer-Umgehung begünstigt.
Plattformen haften in Italien mit
Der Fall hat auch eine juristische Grundlage im italienischen Steuerrecht. Danach können Plattformbetreiber gemeinsam mit Händlern für nicht gezahlte Mehrwertsteuer haften, wenn sie Verkäufe vermitteln.
Damit wird der Marktplatz selbst zum möglichen Verantwortlichen für Steuerverstöße von Drittanbietern.
Sollte ein Gericht diese Argumentation bestätigen, könnte das Auswirkungen auf das Geschäftsmodell von Marktplätzen in ganz Europa haben. Die Mehrwertsteuer ist innerhalb der EU harmonisiert, weshalb ein entsprechendes Urteil Signalwirkung hätte.
Trotz Vergleich: Staatsanwälte bleiben hart
Ungewöhnlich ist der Fall, weil Amazon den steuerlichen Streit bereits mit einer Zahlung beigelegt hatte. Laut Reuters überwies das Unternehmen 527 Millionen Euro inklusive Zinsen an die italienische Steuerbehörde.
In vergleichbaren Fällen internationaler Konzerne wurde nach einer solchen Einigung die strafrechtliche Untersuchung meist eingestellt.
Die Mailänder Staatsanwälte gehen jedoch einen anderen Weg. Sie halten an ihrer Untersuchung fest und haben nun offiziell beantragt, Amazon und die betroffenen Manager vor Gericht zu bringen. Ein Richter muss nun entscheiden, ob es zu einem Prozess kommt oder die Vorwürfe fallengelassen werden.
Amazon kündigt Gegenwehr an
Amazon selbst weist die Vorwürfe zurück. Nach der Steuervereinbarung im Dezember erklärte der Konzern laut Reuters, man werde seine Position „entschlossen verteidigen“.
Zugleich kritisierte Amazon das regulatorische Umfeld in Italien. Unvorhersehbare Regulierung, unverhältnismäßige Strafen und lange Verfahren könnten die Attraktivität des Landes als Investitionsstandort beeinträchtigen, so das Unternehmen.
Eine aktuelle Stellungnahme zum neuen Antrag der Staatsanwaltschaft lag zunächst nicht vor.
Weitere Ermittlungen gegen Amazon in Italien
Der Steuerfall ist nicht das einzige laufende Verfahren gegen den Konzern in Italien. Weitere Ermittlungen betreffen unter anderem:
- mutmaßlichen Zoll- und Steuerbetrug bei Importen aus China
- den Verdacht einer nicht gemeldeten Betriebsstätte von Amazon in Italien
- mögliche Datenschutzverstöße bei der Verarbeitung von Mitarbeiterdaten
Zusätzlich untersucht auch die Europäische Staatsanwaltschaft (EPPO) ähnliche Vorwürfe für den Zeitraum 2021 bis 2024.
Bedeutung für Händler und Marktplätze
Der Fall zeigt , wie stark Behörden inzwischen auf die Rolle von Marktplätzen bei Steuerverstößen schauen. Während Plattformen lange als reine Vermittler galten, rücken sie zunehmend selbst in den Fokus der Verantwortung. Und das ist genau so richtig, denn sie sind nicht Vermittler, sondern mittelbare Urheber der Verstöße.
Sollte sich die Sicht der italienischen Staatsanwälte durchsetzen, könnten Marktplätze künftig noch stärker verpflichtet werden, Händleridentitäten zu prüfen und Steuerpflichten zu überwachen. Für Händler bedeutet das möglicherweise strengere Kontrollen – und für Plattformen ein deutlich höheres Haftungsrisiko.
Die Informationen zu dem Verfahren stammen aus einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters vom 12. März 2026.





