Wenn ihr ein Meisterstück des Guerilla-Marketings sehen wollt, dann schaut euch das hier an: David Schirrmacher, CEO und Gründer von Von Floerke, postete gestern Vormittag, dass seine Büros von der Polizei durchsucht worden sind, und dass Computer, Schreibtische (!) und Unterlagen beschlagnahmt wurden. Wenige Stunden später titelte dann das Handelsblatt: „Hausdurchsuchung bei Von Floerke“. Der Artikel ist mittlerweile offline genommen. Die Geschichte ging in den Social Medias viral. Von Floerke ist in den vergangenen Wochen wegen seiner teilweisen skurrilen Geschäftspraktiken, Kommunikationen und der Schieflage in allen Medien.

Was ist Guerilla-Marketing überhaupt?

Der Begriff stammt von einem amerikanischen Unternehmensberater und beschreibt Marketingaktionen, die ungewöhnlich sind und mit geringem Budget umgesetzt werden. Hierzu gibt es auf wikipedia.de einen weiterführenden Artikel. Eine Guerilla-Marketing-Taktik ist das ›Sensations Marketing‹. Und genau diese hat Von Floeke gerade par excellence gespielt. Chapeau dafür!

Einführung in den Von Floerke-Kontext

Kurz und knapp: Von Floerke wurde von David Schirrmacher gegründet, er ist CEO. Bekanntheit erlangte das Bonner Unternehmen durch einen Auftritt bei dem Fernsehformat ›Höhle der Löwen‹ und einem nachfolgendem Invest von Frank Thelen. David Schirrmacher ließ sich als Jungmillionär abfeiern.

Er entstammt einer angesehenen Bonner Familie aus dem humanistisch orientierten Bildungsbürgertum. 2017 lieh sich sein Unternehmen 1.3 Millionen Euro von der Crowdlending-Plattform Kapilendo. Frank Thelen machte sich für Von Floerke stark. Ab Oktober 2018 geriet dann Von Floerke in den Blickpunkt vieler Medien.

Er erweiterte sein Business-Modell um den Handel mit Alkoholika. Vorher handelte er mit Fliegen, Schuhen, Hemden, Anzügen und anderen Artikeln aus dem Fashion-Bereich. Schnell wurde kolportiert, dass der Ex-Stardrinx-Betreiber Christian Lutz Schoenberger mit an den Geschäften beteiligt sei. Dieser wird in den Medien gerne als Internetbetrüger gehandelt. Tatsächlich war er bereits zweimal in Untersuchungshaft. Von Floerke bestritt eine Zusammenarbeit. Frank Thelen wollte von nichts gewusst haben. – Die Rolle von Frank Thelen muss aber noch einmal gesondert betrachtet werden. – Warenlieferungen blieben schließlich zum größten Teil aus.

Die Kommunikation war ambivalent und eine Bewertung der Situation schwierig. Nachdem dann Christian Lutz Schoenberger in Bonn verhaftet worden war, kamen viele Details an’s Tageslicht, welche die Berichterstattung befeuerte. Erstmals wurde eine mögliche Insolvenz öffentlich kolportiert. Nach einigen Wochen der Stille stellte sich CEO David Schirrmacher seiner Situation in einer sehr offenen und ungewohnten Art und Weise.

Das Spiel

Nachdem es einige Wochen um David Schirrmacher ruhig geworden war, tauche er plötzlich auf. Mit einem starken Social-Media-Auftritt. Dieser wurde sehr kontrovers diskutiert. Zwischen ›Er übertreibt es aber‹ vs.
›Was für ein krasses Mindset‹ schwankten die Kommentare und Meinungen. Zurecht konnte man die So-Me-Strategie differenziert betrachten. Jedoch bildete sich auch eine große Fangemeinde und er erhielt Zuspruch. Viel Zuspruch.

Auf der einen Seite reagierte er sehr sachlich, wenn es um nicht getätigte Lieferungen ging. Auf der anderen Seite wies David Schirrmacher aber auch durch größtenteils smarte Postings die Trolle in ihre Grenzen.

Das fulminante Finale

Alles begann mit diesem Post: „HAUSDURCHSUCHUNG heute Morgen um 05:00 Uhr morgens. Wie wir bestätigen, hat die Polizei NRW Bonn heute Morgen alle unsere Computer, Unterlagen und Schreibtische aus unserer Zentrale in Bonn mitgenommen. Die gute Nachricht ist: Unser Lager in Stadtlohn haben sie nicht gefunden. Entsprechend gehen alle Rabatte heute weiter und wir verschicken so lange, bis unsere letzte Flasche Schnaps beschlagnahmt wurde. Jetzt schnell noch abstauben: www.floerke.in/club.“

Das war das Initial, das war DIE Sensation. Und wunderbar subtil die ›Fragwürdigkeit‹ der Nachricht gespielt. Samstags morgens (?) und Schreibtische werden beschlagnahmt? Was für ein feines und elegantes Posting. Und es passierte das, woran kaum einer wirklich geglaubt hatte: die Taktik des ›Sensationsmarketings‹ ging auf. Das Handelsblatt, ein äußerst seriöses Medium, griff den Post auf und titelte „BETRUGSVERDACHT – Hausdurchsuchung bei Von Floerke“. Bähm!

Spiel, Satz und Sieg

Damit hatte David Schirrmacher die Aufmerksamkeit und die Reichweite. Eloquent übernahm er in einem Video den Kommentar des Handelsblatt-Artikels. Touché. Hier könnt ihr das Video sehen. Es wurde innerhalb von 24h über 13.000 mal aufgerufen.:

Abspann

Bereits mit seinen Postings und seiner So-Me-Strategie, seiner Guerilla-Marketing-Taktiken, schaffte er es nach anfänglichen Kritiken, sich eine ordentliche Fan Base aufzubauen. Das lag auch daran, dass er eingehende Bestellungen vernünftig abwickelte.

In der kommenden Woche wird David Schirrmacher auch das Kapilendo-Thema im Rahmen einer Q/A-Session aufarbeiten. Danach folgt eine ehrliche Betrachtung, welche Rolle Frank Thelen in dem Zirkus gespielt hat.

Analyse, meine Meinung:

Es war in den vergangenen Wochen ein emotionales und auch ›faktisches‹ Auf und Nieder rund um David Schirrmacher, Christian Lutz Schoenberger, Von Floerke, Frank Thelen, Kapilendo und auch dem möglichen Investor Rubin Welsch. Wenig Fakten aber viele Vermutungen, Gerüchte und Halbwahrheiten. Aus diesen habe ich mich gerne rausgehalten.

Aber über das, was passierte, und das, was bewert- und beobachtbar war, da mische ich mich gerne mit meiner Meinung ein. Und das ist vor allem die großartige und meines Wissens bisher beispiellose So-Me-Strategie. Klar, sie ist unter moralischen Gesichtspunkten mit Sicherheit ambivalent zu betrachten, aber ich lege mich fest: fantastisch! – Und genauso wichtig, das Mindset von David Schirrmacher: beeindruckend.

Mindset: Die Chuzpe muss ein Unternehmer erst einmal haben. Sein Unternehmen steht in der Insolvenz. Das eigene Baby geht unter. Und dann die Kraft aufzubringen, sich öffentlich aller Kritik zu stellen und sich selbst auf den Arm zu nehmen. Nebenbei die Verhandlungen wegen eines Schuldenschnittes zu führen. Irgendwie die Firma retten. Das schafft nicht jeder. Davor ziehe ich persönlich meinen Hut.

Social Media Experte und Agentur Inhaber Patrick Kriebel spricht von einer „ […] beachtlichen Leistung und Strategie die von Floerke zeigt. In meinen Augen ist das genau der richtige Ansatz […]“

Guerilla-Marketing: David ist kein ausgebildeter So-Me-Manager. Das vorab. Und vor diesem Hintergrund hat er Großes geleistet. Und er kann sich ebenbürtig neben die BVG oder True Fruits stellen. Auch hier verneige ich mich vor David. Seine Postings sind wunderbar bissig und pflegen eine schöne Selbstironie. Natürlich, auch das darf nicht vergessen werden, manchmal ist er über das Ziel hinausgeschossen.

Meine Prognose

Mit seiner Art und seiner Strategie, wie er Marketing spielt und begreift, liegt er richtig. Seine Zahlen, also seine Umsätze, geben ihm recht. Diese sind aktuell sehr gut. Ich konnte mich davon überzeugen, dass Tagesumsätze von über 20.000 Euro erreicht werden.

Aber: Umsatz ist das eine, die ‚Ausführung‘ das andere. Wenn Von Floerke es schafft, die Umsätze ordentlich zu bedienen, und wenn die Gläubiger in Griff zu bekommen sind, dann kann es David Schirrmacher mit seinem Business schaffen. Die Fehlertoleranz geht gegen null.

„Es ist ein gutes Gefühl zu sehen, dass falsche Berichte über uns in beide Richtungen gehen können“, sagte David Schirrmacher exklusiv gegenüber Wortfilter auf die Frage was er denn von dem Handelsblatt Artikel halte.

Am Ende des Tages wünsche ich von ganzem Herzen, dass er die Kurve bekommt. Es wäre eine einzigartige Unternehmergeschichte, die ich in diesem Umfang und mit diesem Facettenreichtum noch nie erlebt habe. Dafür auf jeden Fall schon einmal danke.

Das letzte Wort

Ja, ich feiere viel darüber ab, was rund um Von Floerke passiert, aber ich sehe auch vieles sehr ambivalent. In diesem Bericht geht es mir im Wesentlichen um das Mindset, welches David Schirrmacher in der Krise zeigt, und um sein Guerilla-Marketing. Das bedeutet nicht, dass ich nicht vieles auch sehr kritisch bewerte.