Bisher gab es keine gesicherten Erkenntnisse über die wirtschaftliche Situation von David Schirrmachers Unternehmen von Floerke. Wortfilter liegen exklusiv mehrere BWA (betriebswirtschaftliche Auswertung) und SuSa (Summen-/Saldenlisten) aus den Jahren 2017 und 2018 vor. Die letzte einsehbare BWA stammt aus dem Juni 2018. Entgegen anders lautender Bekundungen,erwirtschaftet das Unternehmen keine positiven Erträge. Auch die kolportierten Umsatzzahlen bestätigen sich nicht. Ein Steuerberater, der die Unterlagen zur Einsicht bekam, äußerte sich sehr kritisch zu den Finanzzahlen.

Grundlagen BWA und SuSa

In den beiden Links erfahrt ihr, wie eine BWA oder SuSa aufgebaut und zu lesen ist.

Susa: Die Summen- und Saldenliste ist eine Übersicht der bebuchten Konten mit den jeweiligen Summen und Salden. Sie stellt die Geschäftsvorfälle des Unternehmens in Form von Anfangssalden, Bewegungen und Endsalden dar.

BWA: Die betriebswirtschaftliche Auswertung ist unter Deutschlands mittelständischen Unternehmen die am meisten verbreitete Auswertungsform des monatlichen Buchhaltungsabschlusses.

Umsätze und Ergebnis 2016 und 2017

Von Floerke wird von der Schirrmacher Mode GmbH betrieben, deren Umsätze sich im Jahr 2016 auf 876.478,34 € beliefen. Der Ertrag war negativ. Der Verlust betrug laut BWA -67.236,85 €.

BWA zum Dezember 2017

Auch 2017 sah es nicht besser aus. Der Umsatz konnte zwar auf 1.156.092 € gesteigert werden, aber das negative Ergebnis wuchs auf -911.236,85 €. Ursächlich hierfür waren gestiegene Personalkosten (439.235,99 €; 241.390,41 €), Raumkosten (124.623,10€ ; 56.252,04 €), Werbe- & Reisekosten (387.923,44 €, 113.496,74 €) und sonstige Kosten (368.977,23 €, 144.913,98 €). Die Kosten stiegen also überproportional zum Umsatz.

Wertenachweis zum Vorjahresvergleich Dezember 2017

In der SuSa zum Stichtag des 31. Dez. 2017, sind die Umsätze sowie die Retouren nach Verkaufskanal aufgeschlüsselt. Ein Großteil des Umsatzes wurde B2B generiert.Dazu gehören laut SuSa die Kunden Wöhrl, Galeria Kaufhof und Sinn Leffers. Es gab eigene Geschäfte (Shops) in Köln, Düsseldorf und Münster. Für die Shops fielen monatliche Mieten in Höhe von 15.130 € netto an.

Summen und Salden (pro Monat) Dezember 2017

Beachtlich ist auch der hohe Personalkostenanteil. 2017 sind solche in Höhe von 439.000 € bei einem Umsatz von 1.156.092,55 € angefallen. Der betriebliche Rohertrag war allerdings ordentlich. Zum Dez. 2017 lag dieser bei 804.223,41 €. Jedoch waren die Werbekosten hoch und lagen bei 387.923,44 €.

Summen und Salden (pro Monat) Juni 2018

Die vorliegenden Zahlen aus 2017 und 2018 lassen augenscheinlich den Schluss zu,dass der grundsätzliche Ertrag zwar stimmt, die Kosten aber schneller stiegen, als dass der Umsatz hinterherkommen konnte.

Die Zahlen bis Juni 2018

Es wurde ein Umsatz in Höhe von 897.340,72 € eingefahren. Das deutet auf ein Umsatzwachstum hin. Dieser war aber nicht auszureichen, die weiterhin hohe Kostensituation positiv zu deckeln. Zwar wurde im Juni ein Plus von 42.410,22 € erwirtschaftet, jedoch stand bereits ein Minus von 188.017,62 € in den Büchern. Ergo: Die Liquidität ging in die Knie.

Zu erkennen ist, dass die B2B-Umsätze gesunken sind. Das ist in dem Umstand begründet, dass 2018 offensichtlich einige B2B-Kanäle eine geringere Nachfrage hatten oder gar gänzlich wegfielen. Das Lager Wöhrl beispielsweise, ist aufgelöst worden.Anfang 2018 wies das Unternehmen einen Lagerbestand in Höhe von 289.922,76 €aus.

Steuerberater Thomas Matisheck von Matisheck & Brokop Steuerberater in Oldenburg, einer der führenden Kanzleien für Onlinehändler, bewertet die ihm vorgelegten Zahlen ebenfalls kritisch.

„Auffällig ist,dass im Vorjahr der Wareneinsatz 172 T€ betrug, im Vergleich zu 131 T€ zum 30.Juni 2018. Bei einer Steigerung der Erlöse um 30,24% ist der Wareneinsatz um 24,26% gesunken“, so Matisheck.

Auch die hohen Personalkosten wurden gesehen „Die Personalkosten, bezogen auf den Umsatz,betrugen per 30. Juni 2018 circa 29,6%“ (Vj.: ca. 26,5%), errechnete der Steuerberater.

Wesentlich interessanter ist jedoch die Entwicklung der Liquidität. Ein Blick in die Summen-/Saldenliste zum 30.06.2018 zeigt, dass sich die flüssigen Mittel seit Januar 2018 dramatisch schrumpften. Zum Anfang des Jahres lagen sie noch bei 296 T€, Ende Juni waren es nur noch 26 T€. Das bestätigt auch Steuerberater Matisheck.

Dagegen hat der Saldo an Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen um 108 T€ abgenommen. Die Forderungen haben sich nur leicht verändert. Sie betrugen für diesen Zeitraum 369 T€.

Diese Umstände deuten darauf hin, dass von Floerke bereits Ende Juni nicht mehr in der Lage war, die Zinszahlung an die Kapilendo-Anleger auszuzahlen. Ihnen stand zu diesem Zeitpunkt wohl das Wasser schon bis zum Hals. Das würde auch erklären,warum man sich dann so schnell mit Schoenberger eingelassen hat. Aus dieser Notlage ließe sich auch verstehen, warum die beiden so dilettantisch und augenscheinlich hektisch gehandelt haben. Der Handel mit Edel-Alk sollte wohl der letzte Rettungsversuch werden. Leider hat das nicht geklappt.

Matisheck hat sich auch die Verbindlichkeiten angesehen: „Ein großer Punkt sind ebenfalls die längerfristigen Verbindlichkeiten. Da nicht genau erkennbar ist, welche Positionen wie finanziert wurden, können diese schlecht bewertet werden. Diese können sowohl für die Anschaffung des Anlagevermögens von 245 T€, als auch für Ware etc. verwendet worden sein. Es bestehen per 30. Juni 2018 Verpflichtungen über 1.8 Mil. €, davon 1.3 Millionen gegenüber Kapilendo. Die Gesellschaft hat außerdem nicht gerade geringe Forderungen gegenüber Schirrmacher.“

Obwohl die Zahlen lediglich ein vorläufiges Ergebnis nach dem Stand der Buchhaltung abbilden, ist die Situation laut Meinung des Steuerberaters gar nicht gut und es deutet einiges auf eine bilanzielle Überschuldung hin.

Aus erster Hand erfuhr Wortfilter, dass die Vorbereitung einer Insolvenzanmeldung bereits seit anderthalb Wochen läuft. Der Gang zum Gericht wird womöglich schon in der nächsten Woche anstehen.

Die Buchhaltungsunterlagen und Teile des Mailverkehrs stellte Wortfilter dem Handelsblatt zur Verfügung. Sie veröffentlichen heute zuerst den Bericht „Start-up aus ‚Höhle der Löwen‘ steht vor dem Aus“. Wortfilter hat exklusiv Zugriff auf das Google-Konto von Christian Lutz Schoenberger. Dieser arbeitete zuletzt eng mit Schirrmacher zusammen.

Fazit

Die Zahlen gestatten eine neue Sichtweise auf die Causa ‚Schirrmacher & Schoenberger‘. Von Floerke scheint bereits Anfang des Jahres in Schieflage zu geraten und eine Zusammenarbeit mit Schoenberger war wohl der letzte Versuch, das Ruder noch rumzureißen. Dass das Projekt in die Hose gehen musste, ist nun wohl offensichtlich.

„Operative Hektik ersetzt geistige Windstille“, Zitat von irgendwem.

Erschreckend sind die Tricksereien und die Divergenz zwischen vermeintlicher Täuschung und den harten Fakten, die sich aus den vorliegenden Zahlen und Mails ergeben.Weder sind‚ dreistellige Wachstumsraten‘ zu erkennen, noch ist der von Schirrmacher angegebene Umsatz für Januar bis Oktober in Höhe von 5 Millionen € vorstellbar. Das würde ja bedeuten, das Unternehmen hätte von Juli bis Oktober 1 Mio. € monatlich erwirtschaften müssen.

Bereits beim Pitch gegenüber den Kapilendo-Anlegern nahm es David Schirrmacher wohl mit der Wahrheit nicht so genau. Ende Juni 2017 standen gerade mal 688.000 € Umsatz zu Buche. Vor (!) Retouren. Avisiert waren jedoch mehr als drei Millionen zum Ende des Jahres.

Ich will ja nichts unterstellen, aber die Frage dürfte gerechtfertigt sein: Hat er etwa schon zu diesem Zeitpunkt versucht, die Anleger aufs Kreuz zu legen?

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