Drei Tüten Mehl statt MacBook: Wer haftet beim Paketbetrug?

Ein Urteil des Amtsgerichts München: Ein Privatverkäufer verschickt ein hochwertiges MacBook Pro – beim Empfänger kommen drei Tüten Mehl an. Der Paketdienstleister muss alles ersetzen. Das Urteil zeigt: Wer als Händler oder Privatverkäufer Pakete verschickt, sollte genau wissen, wie Haftung, Dokumentation und Risiko zusammenhängen.


Der Fall: MacBook verkauft, Mehl geliefert

Ende 2023 verkauft ein Privatmann sein gebrauchtes MacBook Pro für exakt 2.924,21 Euro an einen professionellen Gebrauchtwarenhändler. Der Versand erfolgt versichert, mit Trackingnummer, Quittung und sorgfältiger Verpackung. Doch beim Empfänger kommt nicht das erwartete Gerät, sondern lediglich drei Tüten Mehl an.

Der Händler dokumentiert den Inhalt, informiert den Verkäufer und stellt das Paket sicher. Als der Versanddienstleister sich weigert, den Schaden zu ersetzen, zieht der Verkäufer vor Gericht.


Das Urteil: Der Paketdienst haftet vollständig

Das Amtsgericht München verurteilt den Paketdienst zur Zahlung des vollen Kaufpreises, der Versandkosten und der vorgerichtlichen Anwaltskosten (Urt. v. 26.09.2024, Az. 123 C 14610/24).

Der Richter bewertet die Darstellung des Klägers als glaubwürdig. Die Vorlage von Quittung, Sendungsverfolgung und Fotos der Öffnung des Pakets beweisen: Der Absender hat alles richtig gemacht. Dass statt Technik plötzlich Mehl im Paket war, liegt im Verantwortungsbereich des Paketdienstleisters.


Haftung im Versandrecht: Wer trägt das Risiko?

Im deutschen Zivilrecht ist geregelt, wann die Gefahr – also das Risiko für Verlust oder Beschädigung – übergeht:

  • §446 BGB: Bei der Übergabe an den Käufer geht die Gefahr über.
  • §447 BGB: Beim Versendungskauf geht das Risiko bereits mit der Übergabe an das Transportunternehmen auf den Käufer über (Schickschuld).
  • §475 Abs. 2 BGB: Beim Verbrauchsgüter-Kauf bleibt das Risiko beim Verkäufer bis zur Übergabe an den Verbraucher (B2C).

Im konkreten Fall handelte es sich um einen Unternehmer als Käufer. Deshalb greift die Regelung des §447 BGB: Mit Aufgabe des Pakets ging das Risiko eigentlich auf den Empfänger über.

Aber: Das Paket enthielt eben nicht mehr das MacBook. Deshalb greift nicht nur das BGB, sondern auch das Handelsgesetzbuch (HGB).


Handelsrechtlich: Paketdienst muss zahlen

Nach §425 HGB haftet der Frachtführer für Verlust oder Beschädigung zwischen Übernahme und Ablieferung – und zwar verschuldensunabhängig. Der Paketdienst muss also beweisen, dass er nicht schuld ist. Das gelang ihm nicht.

Da das MacBook offensichtlich nicht beim Empfänger ankam und stattdessen Mehl ausgeliefert wurde, lag der Schaden nach Ansicht des AG München im Verantwortungsbereich des Paketdienstleisters. Der Paketdienst konnte nicht nachweisen, dass ihn kein Verschulden trifft oder der Verlust außerhalb seines Einflussbereichs entstand.

Zusätzlich verpflichtet §432 HGB den Paketdienst, neben dem Warenwert auch die Transportkosten zu ersetzen. Auch vorgerichtliche Anwaltskosten wurden dem Verkäufer zugesprochen.


Was Händler und Verkäufer jetzt wissen müssen

Das Urteil bringt wichtige Klarheit – aber auch neue Pflichten für Versender:

  1. Lückenlose Dokumentation
    • Quittung aufbewahren
    • Sendungsverfolgung sichern
    • Offene und geschlossene Verpackung fotografieren
  2. Zeugen hinzuziehen
    • Bei Abgabe und Empfang
    • Bei Öffnung des Pakets durch den Empfänger
  3. Kommunikation sichern
    • Schriftliche Bestätigung durch Versandstelle
    • Sofortige Information im Schadensfall
  4. Versicherte Versandarten nutzen
    • Nur dann greifen die Schutzmechanismen
    • Ohne Versicherung besteht kaum Schutz

Rechtsdurchsetzung: Mühsam, aber machbar

Das Urteil zeigt aber auch: Selbst wenn man alles richtig macht, muss man ggf. klagen. Der Versender musste den Dienstleister verklagen – und das nicht etwa als Verbraucher, sondern als erfahrener Privatveräufer.

Die Rechtslage ist eindeutig, aber Paketdienste sperren sich oft reflexhaft. Umso wichtiger ist es, konsequent zu dokumentieren, sich rechtlich beraten zu lassen und nicht vorschnell aufzugeben.


Fazit: Versand ist Vertrauenssache – aber kein Blindflug

Ob Privatverkäufer oder gewerblicher Händler: Wer hochpreisige Ware versendet, muss genau wissen, was rechtlich gilt. Das AG München hat mit seinem Urteil eine verbraucher- und verkäuferfreundliche Entscheidung getroffen. Es zeigt:

  • Wer sauber dokumentiert, kann auch bei Paketverlusten oder Betrugsverdacht Recht bekommen.
  • Die Paketdienste haften – wenn auch nicht freiwillig.
  • Recht bekommen heißt leider nicht automatisch: auch Geld zu bekommen.

Gerade in Zeiten, in denen Paketdiebstahl, Austauschbetrug und Transportschäden zunehmen, braucht es Rechtssicherheit und professionelle Abläufe. Für Onlinehändler ist das Urteil ein wichtiges Signal: Vertraue nicht auf Kulanz – sondern auf Recht und Beweisbarkeit.

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