Dienstleister-Allianz kauft JTL Software – und plant das Ende des ERP-Systems bis 2030

Es ist eine Bombe, die E-Commerce-Branche platzt: Eine ungewöhnliche Allianz aus ERP-Anbietern, Dienstleistern und Marktplätzen hat die JTL Software GmbH aus Grevenbroich vollständig übernommen – und will den einstigen Platzhirsch im Warenwirtschaftsmarkt offenbar vom Markt nehmen.

Nach wortfilter.de-Informationen stammt das Konsortium, das intern „Tec-Allianz“ genannt wird, aus einem Kreis von Wettbewerbern und Branchenriesen, die JTL schon länger kritisch gegenüberstanden. Zu den Mitgliedern zählen Afterbuy, Plentyone, Xentral und Shopify, flankiert von den großen Plattformen eBay, Amazon und Kaufland.

Letzterer – Teil des Schwarz-Konzerns – hat eigens Dr. Gerald Schönhuber abgestellt, einen anerkannten Technologie-Experten, der die operative Abwicklung und Integration begleiten soll. Damit dürfte klar sein: Dieser Deal ist kein Schnellschuss, sondern strategisch bis ins kleinste Detail geplant.


HG Capital steigt mit Verlust aus – Prüfung gegen Lisson-Brüder

Verkäufer ist der britische Finanzinvestor HG Capital, der 2023 in JTL eingestiegen war und große Wachstumsambitionen verkündet hatte. Jetzt aber, kaum drei Jahre später, folgt die Ernüchterung und HG zieht offenbar die Notbremse.

Einer mit den Details des Vorgangs vertrauten Person zufolge soll der Fonds beim Exit einen „enormen Verlust“ erlitten haben. In Branchenkreisen ist sogar von zweistelligen Millionenabschreibungen die Rede.

Gegenüber wortfilter.de erklärte ein Insider:

„HG hat an die Erfolgsgeschichte von JTL geglaubt. Aber nachdem sie jetzt die Software und den Code kennen, hätten sie fast Geld mitgegeben, um den Klotz am Bein wieder loszuwerden. Der ursprüngliche Plan aus der Software eine SaaS-Anwendung zu machen sei nicht umsetzbar.“

Intern werde laut Informationen aus Investorennähe geprüft, ob die ursprünglichen Eigentümer Janos und Thomas Lisson wegen arglistiger Täuschung in Anspruch genommen werden könnten. Juristisch scheint über diese Frage jedoch noch keine Klarheit zu bestehen. Die Tec-Allianz hat den erfahrenen IT- und Software Forensiker Christian Lutz Schönberger mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt, berichtet ein Insider.


Tec-Allianz plant kontrollierten Ausstieg bis 2030

Was mit JTL passieren soll, ist offenbar klar geregelt. Laut Aussagen mehrerer Beteiligter soll das gesamte ERP- und Shopsystem bis 2030 schrittweise eingestellt werden.

Für die aktuell rund 30.000 aktiven Händlerkunden plant die Allianz ein „Migrationsprogramm“:

  • Händler können zu vergünstigten Konditionen zu einem der Tec-Allianz-Systeme wechseln – also zu Afterbuy, Plentyone, Xentral oder Shopify.
  • Als Anreiz erhalten sie 72 Monate kostenlose Nutzung des neuen Systems.
  • Unterstützt werden sie dabei von ehemaligen JTL-Servicepartnern, die jedoch zunächst ein Audit und eine Neuzertifizierung durchlaufen müssen.

Die Botschaft der Allianz fällt deutlich aus: „Für Händler ist das eine große Umstellung – aber sie lohnt sich“, so ein mit der Struktur vertrauter Vertreter gegenüber wortfilter.de.


„Gefährlich für Händler und Branche“

Noch deutlicher wird ein Sprecher der Tec-Allianz in seiner Begründung für den spektakulären Schritt:

„Wir halten die JTL-Software für schädlich – für Händler, Dienstleister und letztlich den gesamten E-Commerce. Die technischen Strukturen sind veraltet, instabil und unfassbar schwer zu skalieren.“

Auch das offizielle JTL-Servicepartnernetzwerk steht massiv in der Kritik:

„Viele dieser Partner sind fachlich nicht qualifiziert, sabotieren durch schlechte Implementierungen den Ruf ganzer Händlergruppen und schaden der Professionalisierung des Online-Handels. Diese Strukturen mussten vom Markt verschwinden.“

Das Ziel sei klar: Ein störendes System entfernen, um den Markt zu konsolidieren. „Mittelfristig ist es für alle lohnender, JTL zu eliminieren, als noch Jahre Geld in ein totes Pferd zu stecken.“


Pressemitteilung_HGCapital_JTL_Software

Verärgerung und Ratlosigkeit in Grevenbroich

Im Umfeld der ehemaligen Eigentümer Janos und Thomas Lisson herrscht Fassungslosigkeit. Beide sollen die Entwicklung „nicht nachvollziehen“ können. Nach eigenen Aussagen sehen sich die Brüder als „Bill Gates und Steve Jobs des Rheinlandes“, die mit JTL den deutschen E-Commerce geprägt hätten.

Die Schuld suchen sie jedoch nicht bei sich, sondern beim Investor HG Capital – und einer „falschen strategischen Linie“ der neuen JTL-Geschäftsführung.

„Wir hatten mit JTL alles richtig gemacht“, so heißt es aus ihrem Umfeld. „HG wollte schneller wachsen, internationalisieren, SaaS-kompatibel werden – das war der Anfang vom Ende.“


Veröffentlichung am 1. April kein Zufall

Bemerkenswert ist auch der Zeitpunkt der offiziellen Bekanntgabe. Auf Nachfrage von wortfilter.de erklärten Jan Griesel (Afterbuy) und Benedikt Sauter (Xentral), dass man den Notartermin noch in letzter Minute am Vortag abgeschlossen habe:

„Wir wollten verhindern, dass der Deal vorab durchsickert. Der 1. April bot eine gute Gelegenheit, weil sowieso niemand so einem Paukenschlag traut.“

Entsprechend ironisch könnte die Schlagzeile wirken – doch mehrere voneinander unabhängige Quellen bestätigen: Der Deal ist echt.


Was das für Händler bedeutet

Für die JTL-Community beginnt damit eine Phase gravierender Veränderungen. Händler, die tief in das Ökosystem eingebunden sind, müssen mit Übertragungsproblemen, Datenmigration und Anpassungen im laufenden Betrieb rechnen.

Ziel der neuen Eigentümer ist es, den Übergang möglichst reibungslos zu gestalten – aber Branchenkenner bezweifeln, dass die Integration ohne größere Reibungsverluste gelingen kann. Ein ehemaliger JTL-Servicepartner fasst es drastisch zusammen:

„Das wird ein Kahlschlag. Aber vielleicht auch die Chance, den ERP-Markt endlich zu professionalisieren.“


Kommentar des Autors

Wortfilter-Herausgeber Mark Steier begrüßt diese Entwicklung ausdrücklich. Mit dem Verschwinden einer „veralteten und für Händler oft schädlichen Software“ werde ein lange überfälliger Schritt vollzogen. Besonders positiv sei, dass künftig auch die JTL-Servicepartner strenger geprüft und nach objektiven Kriterien bewertet werden sollen.

„Alles in allem ist das eine sehr gute, konsequente und vor allem händlerfreundliche Entscheidung“, so Steier, und weiter sagt er „Beachtenswert ist aber halt das Datum. Wir dürfen hoffen, dass sich das nicht als April-Scherz entpuppt. Ich bleibe dran.*“


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