Hammer: Händler zahlt innerhalb von 24 Monaten über 83% mehr
Die Diskussion um die neuen Preise von JTL sorgt seit Tagen für Unruhe in der Händler-Community. Auf wortfilter.de wurde bereits über die Änderungen hier berichtet. Doch wie stark die neuen Preise tatsächlich ins Gewicht fallen, zeigt ein Händlerfall, der wortfilter vorliegt. Die E-Mail-Korrespondenz zwischen einem Händler und einem JTL-Mitarbeiter macht deutlich: Für Unternehmen handelt es sich nicht um eine kleine Anpassung – sondern um einen harten Kostensprung.
Ein Händler rechnet nach
Der Händler betreibt mehrere Online-Shops, zusätzlich verkauft er auf Marktplätzen und nutzt dafür ein relativ typisches Setup aus JTL-Wawi, JTL-WMS sowie zusätzlichen Modulen wie FBA-Integration. Die Software bildet also das operative Rückgrat seines Geschäfts – vom Auftragseingang bis zur Lagerlogistik.
Nachdem er von seinem Ansprechpartner bei JTL eine neue Preisliste erhalten hat, fragt er zunächst nach, ob die Änderungen tatsächlich bereits zum 1. April 2026 greifen sollen. Denn im Gespräch zuvor war ihm nicht klar gewesen, dass eine generelle Preiserhöhung unmittelbar bevorsteht. Mit Blick auf die Zahlen wird schnell verständlich, warum der Händler nachhakt. Seine Zahlen:
- Februar 2024: 1.924,81 € pro Monat (vor der ersten Preiserhöhung in 2024 )
- September 2024: 2.954,03 € pro Monat
- April 2026: 3.538,05 € pro Monat
Die Kosten haben sich damit innerhalb von zwei Jahren massiv nach oben bewegt. Der Händler rechnet nach und kommt zu einem klaren Ergebnis:
- +1.613,24 € mehr pro Monat
- +83,8 % Preissteigerung
Kritisch bewertet er dabei, dass sich am Leistungsumfang seines Systems nichts verändert hat, während die Kosten massiv steigen. In seiner Mail fasst er das entsprechend nüchtern zusammen:
„Das entspricht einer Preissteigerung von rund 83,8 % bei unverändertem Leistungsumfang.“
Anmerkung: Diese Entwicklung ist unglaublich. Der Autor empfiehlt: Wechselt schnell zu einem zuverlässigen und fairem Partner.
Die konkreten Zahlen
Die folgende Übersicht basiert auf der Preisliste, die der Händler von JTL erhalten hat.
| Position | Bisher monatlich | Neu monatlich |
|---|---|---|
| Auftragspaket – Grundgebühr | 239 € | 259 € |
| FBA-Unlimited | 199 € | 249 € |
| JTL-Edition | 849 € | 1.029 € |
| WMS-Edition | 199 € | 129 € |
| WMS-Lizenzen gesamt | 1.568,03 € | 1.884,84 € |
| Gesamt monatlich | 2.954,03 € | 3.550,84 € |
Damit ergibt sich laut JTL:
- +596,77 € pro Monat
- bzw. +7.161 € pro Jahr
JTL bietet zusätzlich eine jährliche Abrechnung an, die laut Anbieter etwa 12x110 € pro Monat günstiger sein soll.
Ein Blick auf die langfristige Entwicklung
Abschreckend wird der Fall, wenn man die Entwicklung der letzten zwei Jahre betrachtet. Laut Händler lagen die monatlichen Kosten für das gleiche Setup noch deutlich niedriger.
| Zeitraum | Monatliche Kosten |
|---|---|
| Februar 2024 | 1.924,81 € |
| April 2026 | 3.538,05 € |
Das entspricht einer Preissteigerung von rund 83,8 % – bei nach Angaben des Händlers unverändertem Leistungsumfang.
Ein strukturelles Problem von JTL
Der Fall ist kein Einzelfall. Viele Händler berichten derzeit von steigenden Kosten bei Software-Anbietern. Software wird nicht mehr einmal gekauft, sondern dauerhaft gemietet. Dadurch steigen die laufenden Kosten mit jeder neuen Preisrunde – während ein Wechsel der Infrastruktur für Händler oft sehr aufwendig ist. Das wird auch Vendor-Lock-in-Effekt genannt – und den lernt jeder BWL-Student spätestens im Masterstudium kennen.
Systeme wie Warenwirtschaft, Lagerverwaltung oder Versandsoftware sind tief in die Prozesse eines Unternehmens integriert. Ein Wechsel bedeutet häufig:
- Migration von Daten
- Anpassung von Schnittstellen
- Schulung von Mitarbeitern
- Risiko für den laufenden Betrieb
Diese Abhängigkeit verschafft Softwareanbietern eine starke Verhandlungsposition. Und die JTL Software GmbH nutzt das seit Jahren erfolgreich aus.
Händler stehen vor einer strategischen Entscheidung
Für betroffene Händler stellt sich nun eine grundlegende Frage: Akzeptiert man die steigenden Kosten – oder beginnt man, Alternativen zu prüfen? Beides ist mit Aufwand verbunden.
Ein Wechsel der Warenwirtschaft kann Monate dauern. Gleichzeitig können dauerhaft steigende Softwarekosten die Marge im Onlinehandel erheblich belasten. Der Händler aus diesem Beispiel formuliert es in seiner Mail diplomatisch:
„Die Entwicklung werden wir intern entsprechend bewerten müssen.“
Übersetzt heißt das vermutlich: Man schaut sich sehr genau an, ob JTL langfristig noch wirtschaftlich ist.
Fazit
Der hier geschilderte Fall zeigt, wie stark Softwarepreise im E-Commerce mittlerweile ins Gewicht fallen können. Eine Mehrbelastung von fast 84% ist für viele Händler kein Pappenstiel – sondern ein relevanter Kostenblock. Ob diese Preisanpassungen langfristig akzeptiert werden oder Händler beginnen, ihre Infrastruktur stärker zu diversifizieren, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.
Sicher ist nur: Die Zeiten, in denen die JTL Software ein eher kleiner Kostenposten war, scheinen vorbei zu sein. #freeecommerce






Die Preiserhöhungen bei JTL wären bei Verbesserung von Software, Support und Services bei vielen Händlern kein Problem, wenn man das im JTL-Forum so liest. Die meisten ärgern sich offenbar vor allem darüber, dass die Software nicht besser oder stabiler geworden ist, dass der Support stark beschnitten wurde und Updates noch immer das Potential mitbringen, den Betieb teilweise oder gänzlich zu blockieren. Die Kundenzufriedenheit war aber auch schon vor dem Einstieg der Investoren bei JTL vermutlich nicht sonderlich relevant, denn die obigen Kritikpunkte liest man bereits seit vielen Jahren immer wieder.
Der Vendor-Lock-in greift natürlich umso stärker, je relevanter die Software fürs Alltagsgeschäft ist und je komplexer und kostenträchtiger ein möglicher Wechsel wäre. Das Freebie-Modell der Lissons hat viele Händler angelockt, sie haben sich im JTL-System eingerichtet und vermutlich auch immer mehr Funktionen und Systeme von JTL genutzt, so dass sie nun von mehreren Seiten eingeschlossen sind, z.B. JTL-Wawi, WMS, Shipping, JTL-Shop etc.
Ein guter erster Schritt ist sicher, JTL überall dort durch andere Systeme abzulösen, wo das Kerngeschäft nicht stark betroffen ist. Heisst also, dass man sich vorläufig ein Kern-System aus Wawi und Shop bzw. Connector für einen Drittshop erhält, dazu JTL-Shipping und ggf. WMS. Alles andere kann man potentiell auslagern und danach z.B. schrittweise das WMS ersetzen, dann den Versand umstellen und am Ende die Wawi als zentralen Knoten der Prozesse. Vielleicht wird man dazu temporär die REST-Schnittstelle der Wawi buchen müssen, während man andere Systeme anbindet, bis der finale Wechsel weg von JTL möglich ist.
Kurzum, der Weg ist möglich und gangbar, muss aber gut geplant werden und benötigt temporär neben einem Staging-System evtl. die REST-Schnittstelle der Wawi. Allerdings sollte man im Hinterkopf behalten, dass auch andere Anbieter wie z.B. Odoo das Schicksal von JTL, Shopware und anderen Anbietern mit „Investoren“ ereilen könnte. Bei einem Wechsel weg von JTL sollte daher Wert auf eine stärkere Diversifizierung der Infrastruktur gelegt und zudem beachtet werden, dass alle Systeme über standardisierte Schnittstellen anbindbar und bei Bedarf auch flexibel austauschbar sind.