Insolvenz in Eigenverwaltung: Warum der Küchenspezialist Hagen Grote in die Krise geriet

Der Küchenversender Hagen Grote hat ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet, berichtet die WirtschaftsWoche . Das Amtsgericht Krefeld bestellte einen vorläufigen Sachwalter, die operative Sanierung wird von externen Beratern begleitet. Der Geschäftsbetrieb läuft weiter, die rund 87 Beschäftigten erhalten zunächst Insolvenzgeld. Offiziell verweist das Unternehmen auf Kaufzurückhaltung, Inflation, geopolitische Krisen und wachsenden Wettbewerbsdruck – insbesondere durch preisaggressive Anbieter wie Temu & Co.

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Ein Blick auf Geschäftsmodell, Marktauftritt und Bilanz erzählen eine andere Story: Die Ursachen sind hausgemacht – und sie sind struktureller Natur.


Ein Premiumversender ohne Plattformstrategie

Hagen Grote positioniert sich seit Jahrzehnten als Spezialversender für exklusive Küchenartikel und Lebensmittel. Hochwertige Produkte, ausgefallene Lösungen, ambitionierte Preise. Der Vertrieb erfolgt über zwei Kanäle: den eigenen Onlineshop und den klassischen Versandkatalog.

Eine Präsenz auf Marktplätzen existiert nicht. Weder auf eBay noch auf Amazon ist das Unternehmen aktiv. Auch ein Vendor-Modell auf Amazon ist nicht erkennbar. Dabei zeigen Suchvorschläge und Suchvolumen, dass Verbraucher gezielt nach „Hagen Grote“ auf Amazon & Co. suchen. Die Nachfrage ist da – die Marke findet dort aber nicht statt.

In einer Plattformökonomie, in der Produktsuche zunehmend bei Amazon beginnt und nicht bei Google, ist das ein strategisches Totalversagen. Wer nicht präsent ist, hat kaum Sichtbarkeit, Neukunden und Relevanz.


Der Onlineshop: Technisch nicht gut, strategisch schwach

Der Shop basiert auf dem SaaS-System der Websale AG . Die Kosten dürften sich laut Preisliste auf etwas über 8.000 Euro monatlich belaufen. Funktional ist das System stabil, doch der Auftritt wirkt nicht zeitgemäß. Produktseiten sind dünn ausgearbeitet, Informationen unvollständig oder wenig emotional aufbereitet. Auf der Startseite wird ein Produkt mit der Bezeichnung „Elektrogrill Teil1 “ beworben – ohne Produktdaten auf der Produktdetailseite, das Zweifel an Datenpflege und Sorgfalt weckt. Und das ganz zaghaft und freundlich ausgedrückt!

Insolvenz Hagen Grote
Quelle: Screenshot Hagen Grote 01.03.2026 23:22 Uhr

Hinzu kommen Rahmenbedingungen, die 2026 nicht mehr marktgerecht erscheinen:

  • Versandkosten von 7,95 Euro
  • Lieferzeiten von drei bis vier Tagen
  • Widerrufsrecht von 14 Tagen

Insbesondere bei Produkten im unteren Preissegment unter 25 Euro wirken Versandkosten von nahezu acht Euro wie ein Kaufhemmnis. Premiumpreise erfordern Premiumleistung – nicht nur beim Produkt, sondern auch bei Versand, Service und Kommunikation. Als Schnell-Checkout wird lediglich PayPal angeboten, AmazonPay fehlt. Im Checkout selbst wird das Geburtsdatum abgefragt. Eine Altersprüfung findet nicht statt.


Social Media: Eine Marke ohne digitale Stimme

Zwar existieren Accounts auf TikTok , Instagram und YouTube , doch diese sind faktisch inaktiv. Auf TikTok finden sich zwei Videos, auf YouTube liegt das letzte veröffentlichte Video rund acht Jahre zurück. Instagram weist zwar mehrere hundert Beiträge auf, erreicht jedoch nur eine überschaubare Followerzahl.

Für eine Marke mit erklärungsbedürftigen, hochwertigen Produkten ist das unterirdisch. Premium entsteht heute durch Storytelling, Bewegtbild, Anwendungsszenarien und Vertrauen. Wer seine Produkte nicht erklärt, verliert gegen Anbieter, die ihre Vorteile offensiv kommunizieren – unabhängig vom Preis.


Kundenservice als Schwachstelle

Ein Blick auf Trustpilot zeigt ein gemischtes Bild. Rund 35 Prozent der Bewertungen entfallen auf ein oder zwei Sterne. Häufige Kritikpunkte betreffen den Kundenservice und die Kommunikation.

Gerade im gehobenen Segment ist Service ein zentraler Differenzierungsfaktor. Wenn Kunden bei Problemen keine schnelle, lösungsorientierte Unterstützung erfahren, untergräbt das das Premiumversprechen nachhaltig.


Die Zahlen: Rückgang seit 2021, Verluste ab 2022

Die wirtschaftliche Entwicklung verdeutlicht die strukturelle Problematik. Die Gesamtleistung sank von rund 42,5 Millionen Euro im Jahr 2021 auf etwa 25,7 Millionen Euro im Jahr 2023 – ein Rückgang von fast 40 Prozent innerhalb von zwei Jahren.

Ertragslage (GuV-Analyse) – Entwicklung 2021 bis 2023

Angaben in TEUR. Die Entwicklung 2023/2021 zeigt den deutlichen Rückgang der Geschäftstätigkeit.

Posten (in TEUR) 2023 2022 2021 Entwicklung 23/21
Gesamtleistung 25.723 32.998 42.485 -39,5 %
Rohergebnis 16.714 20.003 25.424 -34,3 %
Personalaufwand 3.658 4.404 4.651 -21,3 %
Betriebsergebnis 24 -165 4.724 -99,5 %
Jahresergebnis -32 -230 3.097 -101,0 %

Hinweis: Dezimal- und Tausendertrennzeichen wie im Ausgangsmaterial übernommen (TEUR).

Das Rohergebnis schrumpfte deutlich, das Betriebsergebnis fiel von mehreren Millionen Euro Gewinn im Jahr 2021 nahezu auf Null. Seit 2022 schreibt das Unternehmen rote Zahlen. Das Jahresergebnis 2023 lag im negativen Bereich.

Ertragslage im 4-Jahres-Vergleich (2020–2023)

Angaben in TEUR. Deutlich erkennbar ist der außergewöhnliche Sprung im Jahr 2021 und der anschließende Rückgang.

Posten (in TEUR) 2023 2022 2021 2020
Rohergebnis 16.714 20.003 25.424 21.235
Personalaufwand 3.658 4.404 4.651 3.849
Jahresergebnis -32 -230 3.097 2.576

Hinweis: Werte gemäß bereitgestelltem Material übernommen (TEUR).

Gleichzeitig wurde Personal abgebaut: von 136 Mitarbeitern im Jahr 2021 auf 97 im Jahr 2023 auf aktuell 87.

Personal und Management-Darlehen (2019–2023)

Die Anpassung der Mitarbeiterzahl war eine zentrale Maßnahme zur Kostensenkung ab 2022. Zusätzlich sind Darlehen an Gesellschafter ausgewiesen.

Kennzahl 2023 2022 2021 2020 2019
Mitarbeiter (Schnitt) 97 129 136 111 114
Darlehen an Gesellschafter (EUR) 614.348 377.506 287.537 483.142 241.115

Hinweis: Werte wie im bereitgestellten Material übernommen. Mitarbeiterangabe als Durchschnittswert, Darlehen in EUR.

Auch das Werbebudget wurde reduziert. Ein eingeschränktes Prüfungsurteil für das Jahr 2022 aufgrund nicht ausreichend nachgewiesener Vorräte erweckt kein Vertrauen in die Betriebsführung.

Bilanzielle Entwicklung (Aktiva & Passiva) – 2020 bis 2023

Angaben in TEUR (Stichtage 31.12.). Besonders bei Vorräten und Liquidität ist der Bestandsaufbau 2020 während der Pandemie erkennbar.

Aktiva
Posten (in TEUR) 31.12.23 31.12.22 31.12.21 31.12.20
Vorräte 4.134 4.662 4.172 2.607
Forderungen (L&L) 2.283 2.562 3.485 2.790
Flüssige Mittel 4.873 4.483 7.010 7.053
Bilanzsumme 11.664 12.156 15.043 12.829
Kapitalstruktur (Passiva)
Kennzahl 31.12.23 31.12.22 31.12.21 31.12.20
Eigenkapital (TEUR) 6.416 6.448 8.313 6.716
Eigenkapitalquote 55,0% 53,0% 55,3% 55,0%

Hinweis: Werte wie im bereitgestellten Material übernommen (TEUR).

Diese Entwicklung deutet nicht auf eine kurzfristige Delle hin, sondern auf eine tiefgreifende Ertragsschwäche.


Das Narrativ der Multikrise

Inflation, geopolitische Unsicherheiten und Konsumzurückhaltung sind reale Faktoren. Auch der Markteintritt aggressiver Plattformen verändert das Wettbewerbsumfeld. Doch diese Rahmenbedingungen betreffen den gesamten Handel.

Andere Anbieter haben ihre Strategien angepasst: Sie setzen auf Plattformpräsenz, Content, Performance-Marketing, flexible Versandmodelle und datengetriebene Optimierung. Wer hingegen an einem nahezu reinen Shop- und Katalogmodell starr festhält, läuft Gefahr, Marktanteile und Umsatz zu verlieren. Genau so wie es hier passiert.

Temu und vergleichbare Anbieter gewinnen nicht allein über den Preis, sondern über Informationsdichte, Nutzerführung, Sichtbarkeit und Bequemlichkeit. Wenn Kunden dort mehr und bessere Produktinformationen erhalten, ist die Entscheidung häufig pragmatisch.


Eigentümerstruktur und strategische Verantwortung

Die Gesellschaft gehört seit 2018 zu 51 Prozent Hagen Grote und zu 49 Prozent Julia Grote. Die Geschäftsführung bleibt im Rahmen der Eigenverwaltung im Amt. Das Insolvenzverfahren soll die Sanierung unter Fortführung des Geschäftsbetriebs ermöglichen.

Insolvenz in Eigenverwaltung: Was das bedeutet

Kurz erklärt: Bei der Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung grundsätzlich im Amt. Ein gerichtlich bestellter Sachwalter überwacht das Verfahren, während der Betrieb häufig fortgeführt wird.

Grundprinzip
Das Unternehmen führt den Geschäftsbetrieb unter Aufsicht selbst weiter. Ziel ist die Sanierung statt die sofortige Zerschlagung.
Wer steuert?
Die Geschäftsführung bleibt handlungsfähig. Häufig werden zusätzlich Sanierungsberater oder ein Generalbevollmächtigter eingebunden.
Wer kontrolliert?
Ein Sachwalter wird vom Gericht eingesetzt und überwacht die Eigenverwaltung. Er prüft u. a. die wirtschaftliche Lage und die Interessen der Gläubiger.
Was passiert mit Bestellungen?
Der operative Betrieb läuft oft weiter. Ob Lieferungen wie gewohnt erfolgen, hängt von Liquidität, Warenbestand und Lieferantenbedingungen ab.
Was passiert mit Mitarbeitern?
Häufig wird zunächst Insolvenzgeld (in der Regel bis zu drei Monate) gezahlt. Parallel werden Kosten und Strukturen überprüft.
Typische Sanierungshebel
  • Neuverhandlung von Mieten, Verträgen und Lieferantenkonditionen
  • Anpassung von Personal- und Prozesskosten
  • Optimierung von Sortiment, Margen und Zahlungsströmen
  • Suche nach Investoren oder strategischen Partnern
  • Sanierungskonzept über einen Insolvenzplan
Wichtig für Kunden
Rechte wie Widerruf, Gewährleistung und Rückerstattung hängen vom Einzelfall ab. Bei Problemen ist Dokumentation (Bestellbestätigung, Schriftverkehr, Tracking) entscheidend.

Hinweis: Diese Infobox ist eine allgemeine Einordnung und keine Rechtsberatung. Die Details unterscheiden sich je nach Verfahren, Gericht und konkreter Unternehmenssituation.

Die zentrale Frage lautet jedoch: Wird lediglich restrukturiert – oder transformiert? Und der Autor befürchtet, dass sich wenig transformieren wird.


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