Insolvenz in Eigenverwaltung: Warum der Küchenspezialist Hagen Grote in die Krise geriet
Der Küchenversender Hagen Grote hat ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet, berichtet die WirtschaftsWoche . Das Amtsgericht Krefeld bestellte einen vorläufigen Sachwalter, die operative Sanierung wird von externen Beratern begleitet. Der Geschäftsbetrieb läuft weiter, die rund 87 Beschäftigten erhalten zunächst Insolvenzgeld. Offiziell verweist das Unternehmen auf Kaufzurückhaltung, Inflation, geopolitische Krisen und wachsenden Wettbewerbsdruck – insbesondere durch preisaggressive Anbieter wie Temu & Co.
Inhaltsverzeichnis
- Insolvenz in Eigenverwaltung: Warum der Küchenspezialist Hagen Grote in die Krise geriet
- Ein Premiumversender ohne Plattformstrategie
- Der Onlineshop: Technisch nicht gut, strategisch schwach
- Social Media: Eine Marke ohne digitale Stimme
- Kundenservice als Schwachstelle
- Die Zahlen: Rückgang seit 2021, Verluste ab 2022
- Das Narrativ der Multikrise
- Eigentümerstruktur und strategische Verantwortung
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Ein Blick auf Geschäftsmodell, Marktauftritt und Bilanz erzählen eine andere Story: Die Ursachen sind hausgemacht – und sie sind struktureller Natur.
Ein Premiumversender ohne Plattformstrategie
Hagen Grote positioniert sich seit Jahrzehnten als Spezialversender für exklusive Küchenartikel und Lebensmittel. Hochwertige Produkte, ausgefallene Lösungen, ambitionierte Preise. Der Vertrieb erfolgt über zwei Kanäle: den eigenen Onlineshop und den klassischen Versandkatalog.
Eine Präsenz auf Marktplätzen existiert nicht. Weder auf eBay noch auf Amazon ist das Unternehmen aktiv. Auch ein Vendor-Modell auf Amazon ist nicht erkennbar. Dabei zeigen Suchvorschläge und Suchvolumen, dass Verbraucher gezielt nach „Hagen Grote“ auf Amazon & Co. suchen. Die Nachfrage ist da – die Marke findet dort aber nicht statt.
In einer Plattformökonomie, in der Produktsuche zunehmend bei Amazon beginnt und nicht bei Google, ist das ein strategisches Totalversagen. Wer nicht präsent ist, hat kaum Sichtbarkeit, Neukunden und Relevanz.
Der Onlineshop: Technisch nicht gut, strategisch schwach
Der Shop basiert auf dem SaaS-System der Websale AG . Die Kosten dürften sich laut Preisliste auf etwas über 8.000 Euro monatlich belaufen. Funktional ist das System stabil, doch der Auftritt wirkt nicht zeitgemäß. Produktseiten sind dünn ausgearbeitet, Informationen unvollständig oder wenig emotional aufbereitet. Auf der Startseite wird ein Produkt mit der Bezeichnung „Elektrogrill Teil1 “ beworben – ohne Produktdaten auf der Produktdetailseite, das Zweifel an Datenpflege und Sorgfalt weckt. Und das ganz zaghaft und freundlich ausgedrückt!

Hinzu kommen Rahmenbedingungen, die 2026 nicht mehr marktgerecht erscheinen:
- Versandkosten von 7,95 Euro
- Lieferzeiten von drei bis vier Tagen
- Widerrufsrecht von 14 Tagen
Insbesondere bei Produkten im unteren Preissegment unter 25 Euro wirken Versandkosten von nahezu acht Euro wie ein Kaufhemmnis. Premiumpreise erfordern Premiumleistung – nicht nur beim Produkt, sondern auch bei Versand, Service und Kommunikation. Als Schnell-Checkout wird lediglich PayPal angeboten, AmazonPay fehlt. Im Checkout selbst wird das Geburtsdatum abgefragt. Eine Altersprüfung findet nicht statt.
Social Media: Eine Marke ohne digitale Stimme
Zwar existieren Accounts auf TikTok , Instagram und YouTube , doch diese sind faktisch inaktiv. Auf TikTok finden sich zwei Videos, auf YouTube liegt das letzte veröffentlichte Video rund acht Jahre zurück. Instagram weist zwar mehrere hundert Beiträge auf, erreicht jedoch nur eine überschaubare Followerzahl.
Für eine Marke mit erklärungsbedürftigen, hochwertigen Produkten ist das unterirdisch. Premium entsteht heute durch Storytelling, Bewegtbild, Anwendungsszenarien und Vertrauen. Wer seine Produkte nicht erklärt, verliert gegen Anbieter, die ihre Vorteile offensiv kommunizieren – unabhängig vom Preis.
Kundenservice als Schwachstelle
Ein Blick auf Trustpilot zeigt ein gemischtes Bild. Rund 35 Prozent der Bewertungen entfallen auf ein oder zwei Sterne. Häufige Kritikpunkte betreffen den Kundenservice und die Kommunikation.
Gerade im gehobenen Segment ist Service ein zentraler Differenzierungsfaktor. Wenn Kunden bei Problemen keine schnelle, lösungsorientierte Unterstützung erfahren, untergräbt das das Premiumversprechen nachhaltig.
Die Zahlen: Rückgang seit 2021, Verluste ab 2022
Die wirtschaftliche Entwicklung verdeutlicht die strukturelle Problematik. Die Gesamtleistung sank von rund 42,5 Millionen Euro im Jahr 2021 auf etwa 25,7 Millionen Euro im Jahr 2023 – ein Rückgang von fast 40 Prozent innerhalb von zwei Jahren.
Ertragslage (GuV-Analyse) – Entwicklung 2021 bis 2023
Angaben in TEUR. Die Entwicklung 2023/2021 zeigt den deutlichen Rückgang der Geschäftstätigkeit.
| Posten (in TEUR) | 2023 | 2022 | 2021 | Entwicklung 23/21 |
|---|---|---|---|---|
| Gesamtleistung | 25.723 | 32.998 | 42.485 | -39,5 % |
| Rohergebnis | 16.714 | 20.003 | 25.424 | -34,3 % |
| Personalaufwand | 3.658 | 4.404 | 4.651 | -21,3 % |
| Betriebsergebnis | 24 | -165 | 4.724 | -99,5 % |
| Jahresergebnis | -32 | -230 | 3.097 | -101,0 % |
Hinweis: Dezimal- und Tausendertrennzeichen wie im Ausgangsmaterial übernommen (TEUR).
Das Rohergebnis schrumpfte deutlich, das Betriebsergebnis fiel von mehreren Millionen Euro Gewinn im Jahr 2021 nahezu auf Null. Seit 2022 schreibt das Unternehmen rote Zahlen. Das Jahresergebnis 2023 lag im negativen Bereich.
Ertragslage im 4-Jahres-Vergleich (2020–2023)
Angaben in TEUR. Deutlich erkennbar ist der außergewöhnliche Sprung im Jahr 2021 und der anschließende Rückgang.
| Posten (in TEUR) | 2023 | 2022 | 2021 | 2020 |
|---|---|---|---|---|
| Rohergebnis | 16.714 | 20.003 | 25.424 | 21.235 |
| Personalaufwand | 3.658 | 4.404 | 4.651 | 3.849 |
| Jahresergebnis | -32 | -230 | 3.097 | 2.576 |
Hinweis: Werte gemäß bereitgestelltem Material übernommen (TEUR).
Gleichzeitig wurde Personal abgebaut: von 136 Mitarbeitern im Jahr 2021 auf 97 im Jahr 2023 auf aktuell 87.
Personal und Management-Darlehen (2019–2023)
Die Anpassung der Mitarbeiterzahl war eine zentrale Maßnahme zur Kostensenkung ab 2022. Zusätzlich sind Darlehen an Gesellschafter ausgewiesen.
| Kennzahl | 2023 | 2022 | 2021 | 2020 | 2019 |
|---|---|---|---|---|---|
| Mitarbeiter (Schnitt) | 97 | 129 | 136 | 111 | 114 |
| Darlehen an Gesellschafter (EUR) | 614.348 | 377.506 | 287.537 | 483.142 | 241.115 |
Hinweis: Werte wie im bereitgestellten Material übernommen. Mitarbeiterangabe als Durchschnittswert, Darlehen in EUR.
Auch das Werbebudget wurde reduziert. Ein eingeschränktes Prüfungsurteil für das Jahr 2022 aufgrund nicht ausreichend nachgewiesener Vorräte erweckt kein Vertrauen in die Betriebsführung.
Bilanzielle Entwicklung (Aktiva & Passiva) – 2020 bis 2023
Angaben in TEUR (Stichtage 31.12.). Besonders bei Vorräten und Liquidität ist der Bestandsaufbau 2020 während der Pandemie erkennbar.
| Posten (in TEUR) | 31.12.23 | 31.12.22 | 31.12.21 | 31.12.20 |
|---|---|---|---|---|
| Vorräte | 4.134 | 4.662 | 4.172 | 2.607 |
| Forderungen (L&L) | 2.283 | 2.562 | 3.485 | 2.790 |
| Flüssige Mittel | 4.873 | 4.483 | 7.010 | 7.053 |
| Bilanzsumme | 11.664 | 12.156 | 15.043 | 12.829 |
| Kennzahl | 31.12.23 | 31.12.22 | 31.12.21 | 31.12.20 |
|---|---|---|---|---|
| Eigenkapital (TEUR) | 6.416 | 6.448 | 8.313 | 6.716 |
| Eigenkapitalquote | 55,0% | 53,0% | 55,3% | 55,0% |
Hinweis: Werte wie im bereitgestellten Material übernommen (TEUR).
Diese Entwicklung deutet nicht auf eine kurzfristige Delle hin, sondern auf eine tiefgreifende Ertragsschwäche.
Das Narrativ der Multikrise
Inflation, geopolitische Unsicherheiten und Konsumzurückhaltung sind reale Faktoren. Auch der Markteintritt aggressiver Plattformen verändert das Wettbewerbsumfeld. Doch diese Rahmenbedingungen betreffen den gesamten Handel.
Andere Anbieter haben ihre Strategien angepasst: Sie setzen auf Plattformpräsenz, Content, Performance-Marketing, flexible Versandmodelle und datengetriebene Optimierung. Wer hingegen an einem nahezu reinen Shop- und Katalogmodell starr festhält, läuft Gefahr, Marktanteile und Umsatz zu verlieren. Genau so wie es hier passiert.
Temu und vergleichbare Anbieter gewinnen nicht allein über den Preis, sondern über Informationsdichte, Nutzerführung, Sichtbarkeit und Bequemlichkeit. Wenn Kunden dort mehr und bessere Produktinformationen erhalten, ist die Entscheidung häufig pragmatisch.
Eigentümerstruktur und strategische Verantwortung
Die Gesellschaft gehört seit 2018 zu 51 Prozent Hagen Grote und zu 49 Prozent Julia Grote. Die Geschäftsführung bleibt im Rahmen der Eigenverwaltung im Amt. Das Insolvenzverfahren soll die Sanierung unter Fortführung des Geschäftsbetriebs ermöglichen.
Insolvenz in Eigenverwaltung: Was das bedeutet
Kurz erklärt: Bei der Eigenverwaltung bleibt die Geschäftsführung grundsätzlich im Amt. Ein gerichtlich bestellter Sachwalter überwacht das Verfahren, während der Betrieb häufig fortgeführt wird.
- Neuverhandlung von Mieten, Verträgen und Lieferantenkonditionen
- Anpassung von Personal- und Prozesskosten
- Optimierung von Sortiment, Margen und Zahlungsströmen
- Suche nach Investoren oder strategischen Partnern
- Sanierungskonzept über einen Insolvenzplan
Hinweis: Diese Infobox ist eine allgemeine Einordnung und keine Rechtsberatung. Die Details unterscheiden sich je nach Verfahren, Gericht und konkreter Unternehmenssituation.
Die zentrale Frage lautet jedoch: Wird lediglich restrukturiert – oder transformiert? Und der Autor befürchtet, dass sich wenig transformieren wird.





