Mit fast anderthalbmonatiger Verspätung ist der „Kauf meines Lagerbestands durch Amazon genehmigen“ nun auch in den Leitmedien angekommen. Handelsblatt und Wiwo berichteten gestern. Dort werden im wesentlichen die Risiken betrachtet. Eine andere Betrachtungsweise ist im Land der Bedenkenträger wohl auch nicht zu erwarten. Erst recht nicht durch Medien, die nur nach großen Schlagzeilen haschen. Bereits am 27.04.2016 wurde in meinerFacebookgruppe erstmals über die Änderung berichtet.

Kauf meines Lagerbestands durch Amazon genehmigen – Was ist das?

„Amazon möchte Ihnen dabei helfen, dass Ihre Angebote mehr Aufmerksamkeit erlangen und Sie Ihren europaweiten Umsatz steigern können. Im Rahmen eines neuen Programms kann Amazon Ihre Produkte zum Angebotspreis auf Ihrer lokalen Marketplace-Site kaufen und diese möglicherweise über Amazon.co.uk, Amazon.fr, Amazon.it und Amazon.es weiterverkaufen.“

Kurz und knapp: Amazon kauf eure Artikel, um sie selbst weiterverkaufen zu können, und zwar auf anderen europäischen Märkten.

Kauf meines Lagerbestands durch Amazon genehmigen!

Wie finde ich zu den Einstellungen?

Diese Voreinstellungen sind nicht einfach im Seller Central zu finden. Geht einmal diesen Weg: Einstellungen -> Versand durch Amazon -> scrollen bis Lagerbestandseinstellungen -> 2. Absatz. Oder aber ihr nutzt diesen Link. Die Einstellung ist standardmäßig aktiviert.

Waren und sind Händler ausreichend informiert?

Jedenfalls lässt sich aus den Kommentaren in meiner Facebook-Gruppe nicht erkennen, dass Verkäufer sich schlecht über diese Änderung informiert fühlten. Es gab eine Mail-Kampagne und die Änderung war im Seller Central sichtbar.

Gut oder Schlecht? Standard steht auf aktiv?

Darüber kann man jedenfalls streiten. Ich sehe eher die Chancen, als die Risiken. Daher finde ich es gut, dass die Einstellung standardmäßig aktiviert ist. Denn: Einem Großteil der Händler, die sich noch nicht an den international Versand ran trauen, bietet dieses Angebot von Amazon eine großartige Chance.

Die in den Medien nun lautstark geäußerten Bedenken sind zwar vorhanden, treffen in meinen Augen jedoch lediglich auf einen zu vernachlässigen Teil der Marketplace-Händler zu. Nur so dramatisch, wie dargestellt, sind die Konsequenzen wohl kaum: „Einen Freischuss hat jeder“ und das lässt sich auch juristisch unterfüttern!

Daher sehe ich es nicht als besonders schlimm an, dass die Default Einstellung aktiviert ist.

Die Risiken? Für wen gelten sie denn überhaupt?

Aus der Gruppe der circa 27.000 deutschen Marketplace-Händler sind nur solche betroffen, deren Produkte einer Vertriebsbeschränkung unterliegen. Das bedeutet, diesen Händlern ist der Weiterverkauf an gewerbliche Händler nicht gestattet, oder ihre Verkaufsrechte sind regional begrenzt. Sie gelten also nur für Deutschland, aber nicht z. B. für Frankreich oder Großbritannien. Bei dieser wirklich kleinen Händlergruppe kann ein permanenter Verstoß gegen Vertriebsvereinbarungen tatsächlich zu Vertragsstrafen oder gar zur Auflösung der Geschäftsbeziehung mit dem Hersteller kommen.

Die Chancen für die Händler?

Diese sind von Amazon richtig dargestellt. Für die Händler (ohne Vertriebsbeschränkungen) ist es gut und einfach, dass sie die Funktion aktiviert lassen.

Die Chancen für Amazon?

Na klar wird es für Amazon (vielleicht) einfacher Produkte zu beschaffen. Dass dies aber die Triebfeder ist, glaube ich nicht. Und wer das glaubt, hat in meinen Augen Amazon noch nicht richtig verstanden. Anerkannterweise ist Amazon das kundenzentrierteste Unternehmen überhaupt. Das bedeutet, die zentrale Frage sollte also sein: „Welchen Vorteil bring das Programm den Konsumenten?“

Und mit dieser Brille wird dann ein Schuh aus der Geschichte: Kunden wollen Produkte, die auf dem lokalen Marktplatz nicht verfügbar sind. Amazon sagt: „Kriegen wir hin!“ Punkt, aus und fertig!

Und natürlich ist es da naheliegend, dass Amazon dazu die eigenen Händler benutzt. Diese Prozesse sind einfach, automatisierbar und Amazon ist der dominierendere Handelspartner. Da mag es in der Gesamtschau günstiger sein, bei den eigenen Händlern zu kaufen, als einen Sourcing-Prozess am Laufen zu halten. (Ein Amazon Vendor-Manager betreut bis zu 1000 einzelne Vendoren, sprich Amazon Lieferanten (!))

Und hat Amazon jetzt besseren Zugang zu Produkten?

Das glaubt wohl hoffentlich keiner! Auch wenn „Jeff the Knife“ uns das Glauben machen möchte. Es gibt eine uralte Handelsweisheit: „Ware ist wie Wasser, sie findet immer ihren Weg“. Sie hat nach wie vor Bestand. Und: Aus eigener Erfahrung kann ich sie bestätigen. Im automotiven Segment, in dem ich tätig war, gab es Vertriebsbeschränkungen bis in einzelne Stadtteile.

Fazit:

Spektakulär, wie dieser „alte Hut“ aktuell gespielt wird. Es geht sogar so weit, dass renommierte Medien prognostizieren, irgendwann als Händler nur noch an Amazon zu liefern.

Klar muss jedem Händler sein, dass er in Abhängigkeit von Amazon steht. Und klar sollte auch sein (aber das ist nicht neu), dass Amazon aus Sicht der Händler und Hersteller nicht immer gut ist.

Händler, die keinen Vertriebsbeschränkungen unterliegen, sollten und müssen die Chance nutzen und dabei lernen. Kauft Amazon viel, macht es dann nicht Sinn, selbst in den Märkten präsent zu werden und dann die Funktion zu deaktivieren? Und das ist es: Händler bekommen ohne Risiko ein „Look and Feel“ für das CBT geboten.

Also: Annehmen, lernen und dann selber machen!

Auch shopanbieter.de hat hierzu geschrieben:https://www.shopanbieter.de/news/archives/10487-achtung-gefaehrliche-amazon-agb-aenderung.html