Thalia baut seine Logistik grundlegend um – automatisiert, vernetzt und datengetrieben
Thalia wächst seit Jahren kontinuierlich – im stationären Handel ebenso wie online. Um dieses Wachstum überhaupt noch bewältigen zu können, hat der Omnichannel-Buchhändler seine komplette Logistikstrategie neu aufgesetzt.
Im Interview mit LOGISTIK HEUTE erklärt Marco Rebohm, Geschäftsführer Supply Chain und Logistik bei Thalia, wie das Unternehmen sein Netzwerk verschlankt, automatisiert und technologisch auf ein neues Niveau hebt.
Inhaltsverzeichnis
- Thalia baut seine Logistik grundlegend um – automatisiert, vernetzt und datengetrieben
- Von fünf Lagern zu hochautomatisierten Omnichannel-Hubs
- Was bedeutet „Cross Docking“ bei Thalia?
- Volle Prozesshoheit statt Abhängigkeit von Dienstleistern
- Neues Order-Management-System – das digitale Gehirn der Logistik
- Forecast and Replenishment – Bestände werden intelligent gesteuert
- Ein klarer Trend: Handel wird zur Logistikplattform
- Das kannst du aus der Thalia Logistik lernen
- Learning 1: Logistik ist komplex – und vor allem datengetrieben
- Thalia Logistik: Aber es gibt auch Kritik
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Von fünf Lagern zu hochautomatisierten Omnichannel-Hubs
Bis Mitte 2025 betrieb Thalia noch fünf überwiegend manuelle Lagerstandorte. Dieses Modell war auf Dauer nicht mehr skalierbar – zu personalintensiv, zu langsam und zu teuer.
Die neue Struktur:
- zwei automatisierte Omnichannel-Logistikzentren
- ein spezialisierter Standort für Gebrauchtbücher
Herzstück ist der neue Standort in Marl. Zusätzlich versorgt das Zentrallager in Hörselgau – betrieben mit Rhenus Logistics – weiterhin große Teile des Netzes.
Perspektivisch will Thalia die Warenströme jedoch nicht mehr starr geografisch zuordnen, sondern dynamisch steuern – abhängig von Kosten, Auslastung und Liefergeschwindigkeit.
Was bedeutet „Cross Docking“ bei Thalia?
Ein zentrales Element der neuen Struktur ist Cross Docking.
Einfach erklärt:
Waren werden nicht mehr eingelagert, sondern direkt vom Wareneingang in den Versand weitergeleitet.
📦 Anlieferung → 🔁 Sortierung → 🚚 direkter Weitertransport
Vorteile:
- schnellere Lieferzeiten
- weniger Lagerkosten
- geringere Kapitalbindung
In Marl bündelt Thalia diese Prozesse künftig zentral – inklusive Retouren und Remissionen.
Volle Prozesshoheit statt Abhängigkeit von Dienstleistern
Ein strategischer Schritt ist der stärkere Betrieb mit eigenem Personal und eigener IT.
Ziel laut Rebohm:
Thalia will seine komplette Supply Chain selbst verstehen, steuern und optimieren – statt Prozesse nur an Dienstleister auszulagern.
Das ist typisch für moderne Handelsplattformen:
Wer Geschwindigkeit, Kosten und Skalierung beherrschen will, braucht Transparenz über jeden Prozessschritt.
FAQ: Logistik-Fachbegriffe im E-Commerce
Kurz erklärt, damit du Logistik- und Supply-Chain-Begriffe schneller einordnen kannst.
Was ist Supply Chain?
Was bedeutet Omnichannel?
Was ist ein Omnichannel-Hub?
Was ist Intralogistik?
Was ist Fulfillment?
Was bedeutet Cross Docking?
Was ist ein Order-Management-System (OMS)?
Was ist Distributed Order Management (DOM)?
Was ist ein WMS?
Was ist ERP / WaWi?
Was ist ein Forecast and Replenishment System (FRS)?
Was bedeutet Disposition?
Was ist Dropshipping?
Was bedeutet Ship-from-Store?
Was ist Click & Collect?
Was bedeutet Same-Day / Next-Day Delivery?
Was ist ein Carrier / KEP-Dienstleister?
Was bedeutet PLZ-Routing (Carrier-Routing)?
Was sind Retouren und Remissionen?
Was ist Cold Chain (Kühlkette)?
Was sind Netzwerkplanungstools?
Tipp: Wenn du willst, lasse dir mit einer KI daraus eine „Mini-Checkliste“ erstellen, welche dieser Begriffe du als kleiner Händler brauchst – und ab welcher Größenordnung sich welches System lohnt.
Stand: 2026-02
Neues Order-Management-System – das digitale Gehirn der Logistik
Die bisherigen IT-Systeme konnten das Wachstum nicht mehr abbilden. Deshalb führte Thalia ein neues Order-Management-System (OMS) von Fulfillmenttools ein.
Was macht ein Order-Management-System?
Ein OMS entscheidet in Echtzeit:
- aus welchem Lager eine Bestellung erfüllt wird
- ob Bestellungen aufgeteilt werden
- welcher Versandweg optimal ist
Ziel:
📦 schnellste Lieferung
💰 niedrigste Kosten
📊 optimale Bestandsnutzung
Gerade bei Thalia ist das komplex, weil Ware aus:
- Zentrallager
- Großhandel
- direkten Verlagsauslieferungen
zusammenkommt.
Forecast and Replenishment – Bestände werden intelligent gesteuert
Ergänzend führt Thalia ein Forecast and Replenishment System von RELEX Solutions ein.
Kurz erklärt:
Forecast = Absatzprognose
Replenishment = automatische Nachversorgung
Das System:
- analysiert Verkaufsdaten
- erkennt Trends und Saisonalitäten
- berechnet optimalen Warenbedarf
- löst rechtzeitig Nachbestellungen aus
Ergebnis:
✅ weniger Out-of-Stock
✅ weniger Überbestände
✅ bessere Liquidität
✅ stabilere Lieferfähigkeit
Ein klarer Trend: Handel wird zur Logistikplattform
Was Thalia hier aufbaut, ist mehr als ein neues Lagerkonzept.
Es ist der Umbau vom klassischen Händler zur datengetriebenen Omnichannel-Plattform – mit:
- automatisierter Logistik
- intelligenter Bestandssteuerung
- dynamischer Auftragsverteilung
Genau das, was Amazon & chinesische Player seit Jahren perfektionieren.
Das kannst du aus der Thalia Logistik lernen
Der Logistikumbau von Thalia wirkt auf den ersten Blick wie ein Thema für Großkonzerne mit Milliardenumsätzen und vollautomatisierten Lagern. Tatsächlich stecken darin aber viele Learnings, die auch für dich relevant sind – gerade, wenn du wächst oder effizienter werden will.
Learning 1: Logistik ist komplex – und vor allem datengetrieben
Das wichtigste Learning vorweg: Logistik ist kein Nebenbei-Thema.
Sie liefert enorme Mengen an Daten – und sie braucht diese Daten auch, um überhaupt effizient zu funktionieren:
- Bestände
- Durchlaufzeiten
- Lieferzeiten
- Retourenquoten
- Carrier-Performance
- Kosten je Versandweg
Ohne saubere Datenbasis wird Logistik schnell teuer, langsam und chaotisch. Eine eigene Logistik – selbst eine kleine – ist daher nichts für „läuft schon irgendwie“. Sie erfordert Struktur, Systeme, Prozesse und permanentes Monitoring.
Und dabei ist die Intralogistik – also alles, was bei dir im Lager selbst passiert – noch gar nicht mitgerechnet: Laufwege, Kommissionierung, Packprozesse, Fehlerquoten, Pickzeiten.
Kurz gesagt: Wer Logistik unterschätzt, zahlt früher oder später drauf.
Learning 2: Cross Docking klingt smart – ist für kleine Händler meist Unsinn
Große Player wie Thalia bündeln Cross-Docking-Prozesse gezielt, um Geschwindigkeit und Kosten zu optimieren. Für kleine Händler gilt jedoch oft das Gegenteil.
Wenn du hauptsächlich Single Orders oder kleine Bestellmengen hast, erzeugt Cross Docking bei dir meist nur:
❌ zusätzlichen Aufwand
❌ Fehlerquellen
❌ Zeitverlust
Das bessere Modell für kleinere Händler:
➡ Wenn möglich direkt auf Dropshipping setzen
➡ Lieferant verschickt direkt an den Kunden
➡ du vermeidest unnötige Umschlagprozesse
Wenn du nicht massiv skalierst, versuche Cross Docking eher zu vermeiden.
Learning 3: Es gibt kein All-in-One-System für gute Logistik
Thalia zeigt sehr deutlich: Moderne Logistik entsteht aus mehreren spezialisierten Systemen – nicht aus einer einzigen Software.
Typische Bausteine sind zum Beispiel:
- Order Management System (Auftragsrouting)
- Warenwirtschaft / ERP
- Forecast & Bestandsplanung
- Lagerverwaltung
- Versandsoftware
Jedes System hat eine klare Aufgabe. Für kleinere Händler heißt das: Erwarte nicht, dass eine einzige Lösung alles perfekt kann. Oft ist eine Kombination aus guten Einzeltools deutlich effizienter als ein überladenes „kann alles ein bisschen“-System.
Also wer JTL, Afterbuy, PlentyOne oder Xentral als einziges System einsetzt macht wahrscheinlich einen Fehler.
Learning 4: Versanddienstleister strategisch nutzen – nicht zufällig wählen
Ein extrem praxisrelevanter Punkt, den viele Händler unterschätzen: Nicht jeder Carrier ist in jeder Region gleich gut.
Unterschiedliche KEP-Dienstleister haben:
- unterschiedliche Zustellquoten
- unterschiedliche Laufzeiten
- unterschiedliche Probleme je PLZ-Gebiet
Wenn du deine Versanddaten auswertest, erkennst du schnell Muster:
📍 In Region A ist DHL schneller
📍 In Region B klappt DPD besser
📍 In Region C gibt es weniger Retouren mit Hermes
Wenn du Bestellungen automatisch oder manuell danach routest, bekommst du:
✅ schnellere Zustellung
✅ zufriedenere Kunden
✅ weniger Supportfälle
Das ist Logistikoptimierung mit sehr überschaubarem Aufwand – aber großem Effekt.
Learning 5: Wachstum ohne Logistikstrategie endet fast immer im Chaos
Thalia musste seine komplette Struktur umbauen, weil das alte Modell nicht mehr skalierbar war. Genau das erleben viele kleinere Händler im Mini-Format:
- plötzlich mehr Bestellungen
- Lager kommt nicht hinterher
- Lieferzeiten steigen
- Fehler häufen sich
- Kunden werden unzufrieden
Wer wächst, braucht frühzeitig:
📊 klare Prozesse
📦 saubere Bestandsführung
⚙ passende Software
🚚 durchdachte Versandlogik
Wachstum ohne Logistikstrategie ist einer der häufigsten Gründe, warum Shops trotz guter Umsätze in Probleme rutschen und pleite gehen.
Zusätzliches Learning: Automatisierung beginnt viel früher als gedacht
Du brauchst kein Hochregallager, um zu automatisieren. Schon kleine Schritte bringen viel:
- automatische Versandlabel
- Lagerplatzsysteme
- Picklisten
- Bestandswarnungen
- Carrier-Routing
- einfache Forecasts
Viele Händler verschenken hier enormes Effizienzpotenzial. Entweder weil es total chaotisch zugeht oder schlicht ineffizient.
Thalia Logistik: Aber es gibt auch Kritik
Die neue Logistikstrategie von Thalia klingt modern – wirkt bei näherem Hinsehen aber vor allem spät. Automatisierte Lager, neue Software, mehr Datenkontrolle: Das sind heute keine Innovationen, sondern Grundvoraussetzungen für skalierenden E-Commerce. Dass diese Themen erst 2025/2026 konsequent angegangen werden, ist eher Aufholjagd als strategischer Vorsprung.
Besonders irritierend ist die Betonung der Prozesshoheit. Daten und Abläufe gehören im Onlinehandel von Beginn an ins eigene Haus – nur so lassen sich Kosten, Fehlerquoten und Lieferperformance sauber steuern. Wer das erst jetzt strukturiert aufbaut, hat vorher mit angezogener Handbremse gearbeitet. Auch der starke Rückgriff auf Standardsoftware wirkt defensiv. In dieser Größenordnung hätte Thalia längst eigene Logik für Order-Routing und Versandoptimierung entwickeln können.
Völlig unterbelichtet bleibt zudem die Filialintegration. Ein dichtes stationäres Netz wäre ideal für Ship-from-Store-Modelle gewesen – schneller Versand, besserer Bestandsabverkauf, echte Omnichannel-Effizienz. Dass dieser Hebel nicht genutzt wird, ist eine verpasste Chance.
Dabei ist das Volumen längst relevant: Über 350 Millionen Euro Onlineumsatz pro Jahr bedeuten rund 12.000 Pakete täglich. Für solche Mengen ist hochoptimierte Logistik eigentlich Standard.
Thalia geht jetzt die richtigen Themen an – aber deutlich zu spät und ohne echte Differenzierung.





