Bern, Schweiz. In einem unscheinbaren Gebäude der Bundeshauptstadt sitzt eine Organisation, die über Jahrzehnte mitentschieden hat, warum ein T-Shirt aus Guangzhou günstiger nach Deutschland geliefert werden konnte als ein Brief von München nach Hamburg. Die Rede ist vom Weltpostverein – auf Englisch Universal Postal Union, kurz UPU.
Eine der ältesten Institutionen der Welt
Gegründet 1874, ist der Weltpostverein eine der ältesten zwischenstaatlichen Organisationen der Welt – und seit 1948 eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. 192 Länder sind Mitglied. Ihr gemeinsames Ziel: einen einheitlichen, grenzenlos funktionierenden Postbereich zu schaffen.
Was harmlos klingt, hat in der Ära des globalen E-Commerce massive wirtschaftliche Konsequenzen. Denn das zentrale Instrument des Weltpostvereins sind die sogenannten Endvergütungen (englisch: terminal dues) – also die Beträge, die Postdienste untereinander zahlen, wenn sie Pakete aus dem jeweils anderen Land zustellen.
Die Schwachstelle: Das Entwicklungsland-Privileg
Das System war ursprünglich für eine analoge Welt gedacht. Entwicklungsländer sollten günstiger versenden dürfen, um am globalen Postverkehr teilhaben zu können. China – trotz seiner wirtschaftlichen Größe – galt nach UPU-Regeln lange als Entwicklungsland und zahlte entsprechend niedrige Endvergütungen.
Das Ergebnis war absurd: Es war zeitweise günstiger, ein Päckchen von Schanghai nach Berlin zu schicken als innerhalb Deutschlands. Europäische und amerikanische Postdienste trugen die Kosten für die Zustellung chinesischer Pakete – und subventionierten damit indirekt Plattformen wie AliExpress, Wish oder später Temu und Shein.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Das war kein Randphänomen. Die Paketmengen aus China explodierten:
- 2019 verschickte China 64 Milliarden Pakete – intern und international.
- 2022 waren es bereits 111 Milliarden – ein Anstieg von über 70 % in drei Jahren.
- 2024 überschritt China erstmals die Marke von 100 Milliarden Paketen allein bis Ende Oktober – 71 Tage früher als im Vorjahr. Das Jahresvolumen dürfte bei rund 174 Milliarden liegen.
Für westliche Postdienste war das ein Verlustgeschäft. Der Deutschen Post entstanden allein 2016 Verluste von rund 120 Millionen Euro durch die ungleichen Endvergütungen. Der US-amerikanische Postdienst USPS verlor schätzungsweise 170 Millionen US-Dollar pro Jahr.
Besonders deutlich wird der Effekt heute bei Temu und Shein: Temu transportiert täglich rund 4.000 Tonnen Luftfracht, Shein sogar 5.000 Tonnen, AliExpress rund 1.000 Tonnen. Allein in den USA liefern Temu und Shein jeweils etwa 900.000 Pakete täglich. In Europa entfallen auf beide Plattformen zusammen 22 % aller Paketzustellungen – mehr als Amazon mit 21 %.
Der Wendepunkt: USA drohen mit Austritt
2018 platzte den USA der Kragen. Im Zuge des Handelskriegs mit China kündigte die Trump-Administration an, aus dem Weltpostverein auszutreten – ein historisch einmaliger Schritt. Die Begründung: Die USA subventionierten chinesische E-Commerce-Händler mit bis zu 170 Millionen Dollar jährlich.
Der Druck zeigte Wirkung. 2019 berief der Weltpostverein einen außerordentlichen Kongress ein – erst das dritte Mal in seiner 145-jährigen Geschichte. Das Ergebnis: Ein Kompromiss, der es Ländern erlaubt, ihre Endvergütungen selbst festzulegen – bis zu 70 % des inländischen Portopreises. Die schrittweise Umsetzung erfolgte von 2020 bis 2025, mit jährlichen Steigerungsraten von 15 bis 17 %.
Wo stehen wir heute?
Seit 2022 zahlt China offiziell die gleichen Endvergütungen wie andere große Exportnationen. Das Entwicklungsland-Privileg ist Geschichte. Die von China zu entrichtenden Endvergütungen stiegen zwischen 2020 und 2023 um über 44 % – seit 2009 sogar um mehr als 140 %.
Doch der Markt hat sich parallel dazu verändert. Große Plattformen wie Alibaba, Temu und Shein setzen längst auf eigene Logistiknetzwerke und private Dienstleister – am UPU-System vorbei. Das UPU-Netz verzeichnet inzwischen fast 50 % weniger kleinformatige Warensendungen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit.
Was das für Online-Händler bedeutet
Das Spielfeld ist fairer geworden – zumindest auf dem Papier. Die Zeit, in der chinesische Plattformen strukturell durch subventioniertes Porto bevorzugt wurden, ist vorbei. Was bleibt: die schiere Größe, die Infrastruktur und die Skalierungsvorteile der chinesischen Plattformen – dafür ist kein Weltpostverein zuständig.
Der Weltpostverein in Bern bleibt dennoch eine zentrale Schaltstelle der globalen Handelslogistik. Wer im internationalen E-Commerce tätig ist, sollte ihn kennen.




