Lagerautomatisierung galt lange als Großprojekt für Konzerne – ein neues Whitepaper der Teradyne-Töchter Universal Robots und Mobile Industrial Robots (MiR) rückt sie nun als Pflichtaufgabe in den Vordergrund. Die Autoren beschreiben Automatisierung nicht mehr als Option, sondern als Grundvoraussetzung für wettbewerbsfähige Logistik. Die Kernthese: Über den Erfolg entscheidet nicht die Zahl der Roboter, sondern deren Koordination. Wer Cobots und mobile Roboter ohne übergeordnete Steuerung einsetzt, skaliert nicht. Für Onlinehändler mit eigener Intralogistik lohnt deshalb ein nüchterner Blick auf Quelle, Argumente und die Grenzen des Versprechens.

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Knappes Personal, härtere Peaks: der Druck wächst

Lagerbetreiber arbeiten seit Jahren am Limit. Bestellmengen schwanken stärker, saisonale Spitzen fallen extremer aus, und qualifiziertes Personal wird knapp. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Liefergeschwindigkeit und Genauigkeit, während Fehlerkosten hoch bleiben. Vor diesem Hintergrund argumentieren die Autoren, dass Lagerautomatisierung den Charakter einer Grundausstattung annimmt – und nicht mehr den eines Pilotprojekts.

Der Befund passt zur breiteren Marktdynamik. Teradyne Robotics, das Dachunternehmen beider Marken, hat den Vertrieb von UR und MiR zusammengelegt , weil ein Großteil des Geschäfts über dieselben Partner läuft. Eine herstellereigene Umfrage nennt zudem, dass 87 Prozent der Unternehmen, die bereits Cobots nutzen, zweistellige Produktivitätsgewinne sehen. Solche Zahlen stammen von einer interessierten Partei. Sie zeigen aber, in welche Richtung sich die Branche bewegt.

Cobots: Stunden statt Wochen bis zum Einsatz

Kollaborative Roboter, kurz Cobots, arbeiten ohne trennende Schutzzäune direkt neben Menschen. Anders als klassische Industrieroboter lassen sie sich in Stunden statt Wochen einrichten und zwischen Aufgaben verschieben. Typische Einsätze im Lager sind die Pick-Unterstützung, das Verpacken, die Qualitätsprüfung per Kamera und vor allem das Palettieren – laut Whitepaper einer der Anwendungsfälle mit dem schnellsten Return on Investment.

Die Hardware dahinter wird konkreter. UR hat 2025 mit UR15, UR18 und UR8 Long eine zweite Generation leistungsstärkerer Cobots nachgelegt . Beim Palettieren stapelt etwa eine UR20-Station Pakete, während die Wiederholgenauigkeit bei rund 0,03 Millimetern liegt. Sobald die Risikobewertung es zulässt, läuft das Palettieren zunehmend ohne Schutzzaun. Damit sinkt die Hürde für Lager, die bisher vor festen Roboterzellen zurückschreckten.

AMRs: Schluss mit kilometerlangen Laufwegen

Autonome mobile Roboter (AMRs) setzen an der größten verdeckten Ineffizienz im Lager an: unproduktiven Lauf- und Transportwegen. Sie navigieren dynamisch per SLAM und Laserscannern, brauchen keine fest verbaute Leitinfrastruktur und übernehmen Nachschub, Zonentransporte sowie Goods-to-Person-Prozesse, bei denen die Ware zur Person kommt statt umgekehrt.

Die Traglasten reichen weit. MiR bietet Plattformen vom wendigen MiR250 mit 250 Kilogramm bis zum MiR1350 mit 1.350 Kilogramm , dazu den MiR1200 Pallet Jack für KI-gestütztes Palettenhandling. Zusätzliche Roboter lassen sich für saisonale Spitzen temporär einsetzen, ohne dass das Lager umgebaut werden muss. Darin liegt der Reiz für schwankende E-Commerce-Volumina, weil die Kapazität dann mit der Nachfrage atmet.

Der Knackpunkt: Ohne Orchestrierung skaliert nichts

Die eigentliche These des Whitepapers betrifft weder Cobots noch AMRs, sondern die Software darüber. Einzelne Technologien erzeugen für sich genommen noch keine skalierbare Leistung. Sobald mehrere Flotten, Zonen und Prozesse parallel laufen, stoßen klassische Warehouse-Management-Systeme an ihre Grenzen. Nötig wird eine Orchestrierungsebene, die Roboter, Fördertechnik und Menschen in Echtzeit koordiniert.

Diese Ebene ist keine reine Theorie mehr. MiR hat einen VDA-5050-Adapter veröffentlicht, der AMRs über eine gemeinsame Schnittstelle an fremde Flottenmanagement-Systeme wie Siemens SIMOVE anbindet und so unterschiedliche Fahrzeugtypen unter einer Verkehrssteuerung bündelt. Eine funktionierende Orchestrierung erlaubt dann Echtzeitüberwachung von Engpässen, dynamische Aufgabenverteilung und vorausschauende Lastverteilung. Aus einzelnen Robotern wird so ein zusammenhängendes System.

Erst der Prozess, dann der Roboter – was Händler tun sollten

Das Whitepaper empfiehlt eine klare Reihenfolge, und die ist für Händler der praktisch wichtigste Teil. Am Anfang steht keine Bestellung, sondern eine Analyse: Wo stauen sich Aufträge, wie lang sind die Laufwege, wie sehen die Auftragsprofile nach SKU-Zahl und ABC-Klassen aus, welche ergonomischen Risiken bestehen? Erst danach folgen AMRs zur Transportoptimierung und Cobots für repetitive, körperlich belastende Aufgaben.

Der entscheidende Satz der Autoren lautet sinngemäß: Ziel ist nicht die maximale Zahl an Robotern, sondern maximale Flusseffizienz. Viele Unternehmen stellten 2025 fest, dass echte Effizienzgewinne weniger aus zusätzlicher Hardware als aus besserem Prozess- und Workflow-Engineering entstehen. Wer diese Reihenfolge umdreht und zuerst kauft, riskiert teure Roboter in einem schlecht geschnittenen Ablauf.

Einordnung: Hardware ist nicht das Nadelöhr

Bei aller gebotenen Vorsicht – das Papier stammt von einem Anbieter, der Cobots und AMRs verkauft – trägt seine Kernaussage. Die Behauptung, Automatisierung sei keine Option mehr, bleibt Verkaufsrhetorik. Die nachgelagerte These aber, dass Orchestrierung und Prozessdesign den Ausschlag geben, deckt sich mit unabhängigen Entwicklungen wie der Standardisierung über VDA 5050. Plausibel ist deshalb: Was an Wert verliert, ist der Reflex, Produktivität über Roboterdichte zu kaufen. Was bleibt, ist die Fähigkeit, Material- und Aufgabenflüsse intelligent zu steuern.

Für die meisten kleineren Onlinehändler bleibt das Thema vorerst mittelbar, nämlich über Logistikdienstleister, die diese Systeme betreiben. Wer dagegen eigene Fulfillment-Flächen unterhält, sollte die Investitionslogik vom Kopf auf die Füße stellen: zuerst den Engpass verstehen, dann die Software, die ihn auflöst, und erst zuletzt die Maschine, die ihn bedient. Die Roboter sind inzwischen der einfache Teil der Gleichung.

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