ifo Migrationsmonitor: Migrantische Unternehmensgründungen – hohe Gründungsneigung, aber sinkende Dynamik

Der aktuelle ifo Migrationsmonitor liefert eine Analyse zur Rolle von Migrantinnen und Migranten bei Unternehmensgründungen in Deutschland. Die Ergebnisse sind für Wirtschaft, Politik – und auch für Händler und Dienstleister – relevant. Denn sie zeigen einerseits, wie wichtig migrantische Gründungen für Beschäftigung und Wettbewerb sind, machen andererseits aber auch deutlich, dass die Gründungsdynamik insgesamt seit Jahren nachlässt. Zu den bevorzugten Branchen gehört nicht der Onlinehandel und auch nicht der E-Commerce.

Grundlage der Untersuchung ist eine Sonderauswertung der amtlichen Gewerbeanzeigenstatistik für den Zeitraum 2008 bis 2021, die alle in Deutschland angemeldeten Gewerbe erfasst.


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Migrantische Gründungen: Überdurchschnittlich aktiv

Ein zentrales Ergebnis des Migrationsmonitors: Ausländer gründen häufiger Unternehmen als Deutsche, gemessen an ihrer Bevölkerungszahl. In jedem Jahr des Untersuchungszeitraums lag die Zahl der Gewerbeanmeldungen pro 1.000 Personen bei Ausländern deutlich über der von Deutschen.

Dieses Muster ist international gut belegt und zeigt sich auch in vielen anderen OECD-Staaten. Auch in Deutschland bestätigt sich: Migrantische Gründungen sind ein tragender Bestandteil des Unternehmertums.

Gleichzeitig ist die Entwicklung nicht uneingeschränkt positiv. Sowohl bei Deutschen als auch bei Ausländern ist die Zahl der Gewerbeanmeldungen langfristig rückläufig. Das deutet laut ifo auf strukturelle Probleme hin, die politisches Handeln erfordern.


Rückläufige Gründungszahlen seit 2011

Zwischen 2008 und 2011 stiegen die Gewerbeanmeldungen von Ausländern zunächst deutlich an. Dieser Effekt geht vor allem auf Gründerinnen und Gründer aus Polen, Rumänien und Bulgarien zurück. Mit dem vollständigen Zugang dieser EU-Staatsangehörigen zum regulären Arbeitsmarkt ab 2014 ging die Zahl der Gründungen aus diesen Ländern jedoch zurück.

Ab 2011 setzte insgesamt ein Abwärtstrend ein, der sich bis zur Corona-Pandemie fortsetzte. In den Jahren 2020 und 2021 stabilisierte sich die Zahl der Anmeldungen auf niedrigerem Niveau. Ein Grund: In wirtschaftlich stabilen Zeiten verliert Selbständigkeit an Attraktivität gegenüber abhängiger Beschäftigung.

Im Durchschnitt wurden zwischen 2008 und 2021 zwar noch über 750.000 Gewerbe pro Jahr angemeldet, dem standen jedoch auch rund 670.000 Abmeldungen jährlich gegenüber.



Branchen: Konzentration auf wenige Wirtschaftszweige

Migrantische Unternehmensgründungen verteilen sich nicht gleichmäßig über alle Branchen. Die Analyse zeigt eine klare Konzentration:

  • Baugewerbe: größter Wirtschaftszweig insgesamt, rund 260.000 Anmeldungen pro Jahr
    → Ausländeranteil: 31,3 %
  • Gastgewerbe: besonders hoher Migrantenanteil
    35,8 % der Neugründungen durch Ausländer
  • Verkehr und Lagerei:
    33,6 % der Anmeldungen durch Ausländer

Deutlich unterrepräsentiert sind migrantische Gründungen dagegen in:

  • Finanz- und Versicherungsdienstleistungen
  • Information und Kommunikation
  • Verarbeitendem Gewerbe

Das deutet auf strukturelle Zugangshürden, Kapitalanforderungen und Qualifikationsanforderungen hin.


Betriebsgröße und Beschäftigungseffekte

Die Mehrheit aller Gewerbeanmeldungen erfolgt ohne geplante Neueinstellungen. 87,8 % der Gründer planen keine oder keine bezifferte Beschäftigung, sie starten als Soloselbständige.

Dort, wo Beschäftigung geplant ist, zeigt sich:

  • Durchschnittlich 3,8 Vollzeit- und 2,1 Teilzeitstellen pro Anmeldung
  • Von Ausländern gegründete Betriebe sind im Schnitt kleiner als deutsche
  • Sie planen rund 2 Vollzeit- und 0,7 Teilzeitstellen weniger pro Gründung

Gleichzeitig haben migrantische Betriebe eine überdurchschnittlich hohe Ausbildungsquote. In Unternehmen von Migranten kommen 6,1 Auszubildende auf 100 Beschäftigte, bei nicht-migrantischen Betrieben sind es 5,5. Besonders hoch ist die Quote bei Unternehmern mit türkischem Migrationshintergrund.


Herkunftsländer: Große Unterschiede bei der Gründungsneigung

Ein Blick auf die Gründungszahlen pro 1.000 Personen (2019) zeigt deutliche Unterschiede:

  • Polen: ca. 31 Gewerbeanmeldungen
  • Rumänien: ca. 26
  • Bulgarien: ca. 21
  • Deutsche: ca. 7

Nicht-EU-Ausländer, darunter auch Geflüchtete aus wichtigen Herkunftsländern, gründen deutlich seltener als EU-Bürger. Die rechtlichen Rahmenbedingungen spielen hier eine zentrale Rolle.


Rechtliche Rahmenbedingungen als Schlüsselfaktor

EU-Bürger können in Deutschland grundsätzlich ohne besondere Auflagen ein Gewerbe anmelden. Für Drittstaatsangehörige gelten strengere Voraussetzungen, etwa eine Aufenthaltserlaubnis zur selbständigen Tätigkeit.

Zwar wurden diese Regelungen 2012 deutlich gelockert (Abschaffung von Mindestinvestitionen und Arbeitsplatzauflagen), dennoch bleiben:

  • hohe bürokratische Anforderungen
  • Anerkennungsprobleme bei Berufsabschlüssen
  • Finanzierungsprobleme

als zentrale Hürden bestehen.


Geflüchtete wirken als Wachstumstreiber – indirekt

Ein besonders interessanter Teil der Studie befasst sich mit dem Einfluss von Geflüchteten auf Unternehmensgründungen. Die Ergebnisse zeigen:

  • 10 zusätzliche Geflüchtete pro 1.000 Einwohner führen zu
    0,7 zusätzlichen Gewerbeanmeldungen pro 1.000 Einwohner (+7,9 %)
  • Die Mehrheit dieser neuen Gewerbe wird nicht von Geflüchteten, sondern von Deutschen gegründet
  • Neue Gründungen entstehen vor allem in:
    • Verkehr
    • Gesundheit
    • Verarbeitendem Gewerbe
    • Finanzdienstleistungen

Geflüchtete erhöhen also sowohl die Nachfrage (z. B. nach Dienstleistungen) als auch langfristig das Arbeitsangebot. Pro 10 Geflüchtete entstehen rechnerisch 2,7 zusätzliche Vollzeitstellen.


Ursachen für hohe Gründungsneigung von Migranten

Der Migrationsmonitor nennt mehrere Erklärungsansätze:

  • erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt
  • Diskriminierungserfahrungen
  • fehlende Anerkennung von Abschlüssen
  • kulturelle Prägung durch Herkunftsländer mit hoher Selbständigenquote
  • höhere Risikobereitschaft
  • Notgründungen mangels Alternativen

Laut KfW-Gründungsmonitor bevorzugen 38 % der Migranten eine selbständige Tätigkeit, gegenüber 29 % in der Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig liegt der Anteil der Notgründungen bei Migranten deutlich höher.


Politischer Handlungsbedarf klar benannt

Das ifo Institut kommt zu einem klaren Fazit:
Die rückläufige Gründungsaktivität – bei Deutschen wie bei Ausländern – ist ein Warnsignal.

Empfohlene Maßnahmen:

  • Abbau von Bürokratie
  • schnellere Anerkennung ausländischer Abschlüsse
  • besserer Zugang zu Krediten und Risikokapital
  • gezielte Förderung migrantischer Gründungspotenziale
  • stärkere Berücksichtigung von Unternehmertum in der Zuwanderungspolitik

Gerade Migranten könnten einen wichtigen Beitrag leisten, um Fachkräftemangel, Innovationsschwäche und Wettbewerbsdruck abzufedern – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.


Einordnung

Der ifo Migrationsmonitor zeigt: Migrantische Unternehmensgründungen sind ein wichtiger Pfeiler der deutschen Wirtschaft. Sie entstehen häufiger als Gründungen von Deutschen, konzentrieren sich jedoch auf bestimmte Branchen und sind oft klein strukturiert.

Gleichzeitig sinkt die Gründungsdynamik insgesamt. Ohne Bürokratieabbau, bessere Finanzierungsmöglichkeiten und realistische Anerkennungsverfahren droht Deutschland, wertvolles unternehmerisches Potenzial zu verschenken – in einer Zeit, in der es wirtschaftlich dringender gebraucht wird denn je.


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