aquaPro2000 ist insolvent. Der Aquaristik- und Teichhändler aus Bückeburg verkauft seit 1995 über das Internet – damals gab es weder eBay in Deutschland noch Amazon in Deutschland. Der Onlineshop nimmt weiter Bestellungen an, das Ladengeschäft macht nur noch Beratung und Abholung nach Vereinbarung. Geschäftsführer Stefan Markus nennt gegenüber der Schaumburger Zeitung einen „ruinösen Wettbewerb“ als Grund. Drei Wochen vor dem Antrag ging der Shop technisch neu aufgesetzt online.
Inhaltsverzeichnis
- Seit 1995 im Netz – und ausgerechnet jetzt reicht es nicht
- Drei Wochen nach dem Shop-Relaunch kam der Antrag
- 1,5 Prozent Conversion – der Wettbewerber schafft das Dreifache
- Der Insolvenzverwalter steht schon auf der Zahlungsseite
- eBay trägt weiter, der eigene Shop bröckelt
- „Ruinöser Wettbewerb“ erklärt nicht, warum andere überleben
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Seit 1995 im Netz – und ausgerechnet jetzt reicht es nicht
Der Internethandel startete 1995, das Fachgeschäft kam 1999 in Herford dazu. Seit 2013 sitzt der Händler in Bückeburg, wie die Stadt Bückeburg im Unternehmensverzeichnis führt. Im Handelsregister lief die Firma bis Ende 2012 als Aquarium Herford GmbH. Am 20. Dezember 2012 folgten Umfirmierung und Sitzverlegung, seither steht sie beim Amtsgericht Stadthagen unter HRB 200856 . Stammkapital: 25.000 Euro. Ein Geschäftsführer, einzelvertretungsberechtigt.
Der letzte Jahresabschluss betrifft das Geschäftsjahr 2024 und wurde am 18. Februar 2026 eingereicht – sechs Monate vor dem Insolvenzantrag. Bilanzen liegen lückenlos ab 2008 vor. Die Bilanzsumme 2023 beziffert der Datendienst Implisense auf 886.400 Euro. Umsatz, Gewinn und Mitarbeiterzahl sind aus den Pflichtveröffentlichungen einer kleinen GmbH nicht ablesbar.
Drei Wochen nach dem Shop-Relaunch kam der Antrag
Der Shop läuft auf Magento Open Source in Version 2.4 – die kostenlose Community-Edition, die seit 2018 zu Adobe gehört. Der Server gibt die Version selbst aus. Das Frontend ist ein Custom-Theme der Agentur KnowEx auf Basis des Standard-Themes Luma, ergänzt um Erweiterungen von Mageplaza und Magepow. Bezahlt wird über den Payment-Dienstleister Payone, dazu kommen Klarna, PayPal und Amazon Pay.
Der ausgelieferte Frontend-Build (die kompilierten CSS- und JavaScript-Dateien) trägt den Zeitstempel 14. August 2026. Am 28. Juli 2026 hatte aquaPro2000 auf Facebook ein Systemupdate angekündigt und die Webseite vorübergehend abgeschaltet. Zwischen fertigem Relaunch und Insolvenzantrag liegen damit knapp drei Wochen.
1,5 Prozent Conversion – der Wettbewerber schafft das Dreifache
Der Marktdatenanbieter Grips Intelligence schätzt den Umsatz von aquapro2000.de für 2025 auf rund 1,2 Millionen US-Dollar, also etwa 1,1 Millionen Euro. Für Juli 2026 weist das Panel 59.900 US-Dollar aus, ein Minus von 22 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Dahinter stehen 20.400 Sitzungen, 366 Bestellungen und ein Warenkorb zwischen 150 und 175 Dollar. Die Prognose für 2026 liegt bei minus 20 bis minus 50 Prozent.
Die Conversion Rate (Anteil der Besucher, die auch kaufen) liegt bei 1,5 bis 2,0 Prozent. Der von Grips als Hauptwettbewerber geführte Shop garnelen-guemmer.de kommt auf 172.000 Dollar im Monat – bei 4,0 bis 4,5 Prozent. 82 Prozent der Besucher kommen am Desktop, nur 18 Prozent mobil. Alle Zahlen sind Schätzungen aus einem Zahlungs- und Clickstream-Panel mit einer Toleranz von rund 20 Prozent, und sie erfassen ausschließlich die eigene Domain.
Der Insolvenzverwalter steht schon auf der Zahlungsseite
Wer im Shop Vorkasse wählt, überweist nicht an die GmbH. Als Kontoinhaber nennt die Zahlungsseite „Ingo Thurm/aquaPro2000 GmbH“. Ingo Thurm leitet seit 2016 die Niederlassung Hannover der PLUTA Rechtsanwalts GmbH und ist Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht.
Laufen Kundengelder auf ein Konto des Verwalters, ist die Verfügungsbefugnis über das Vermögen bereits auf ihn übergegangen. Das spricht für einen starken vorläufigen Insolvenzverwalter mit Anordnung nach § 21 InsO. Öffentlich bestätigt ist die Bestellung bislang nicht. Auf Vorkasse gewährt der Shop weiterhin 3 Prozent Skonto – die günstigste Liquidität, die ein Händler bekommen kann, und für dich als Kunde die riskanteste Zahlart bei einem insolventen Verkäufer.
eBay trägt weiter, der eigene Shop bröckelt
Der eBay-Shop ist aktiv und weist 78.079 verkaufte Artikel sowie 1.087 Follower aus. Diese Umsätze tauchen in den Panel-Daten nicht auf, der tatsächliche Gesamtumsatz liegt also über der Millionen-Schätzung. Ein Amazon-Seller-Store ist nicht auffindbar, auf Kaufland.de und Otto.de ist der Händler nicht gelistet.
Das stationäre Geschäft in der Steinberger Straße ist seit dem Umbau nur noch für Beratung und Abholung nach Vereinbarung geöffnet. Der Firmenblog liegt still, Instagram und YouTube gibt es, werden aber aktuell nicht bespielt. Bleiben der eigene Magento-Shop und eBay.
„Ruinöser Wettbewerb“ erklärt nicht, warum andere überleben
Preisdruck in der Aquaristik ist da. Lebendware, Technik, Versandkosten für Wasser und Glas, dazu Marktplatzgebühren und Retouren – die Marge ist dünn. Nur trifft dieser Druck jeden Anbieter im Markt gleichermaßen, auch den Wettbewerber mit dem dreifachen Monatsumsatz.
82 Prozent Desktop-Traffic bei einem Endkundensortiment, eine Conversion Rate unter zwei Prozent und eine Plattform-Migration mitten in der schwächsten Umsatzphase. 31 Jahre Vorsprung im Onlinehandel schützen dich nicht, wenn der Wettbewerber aus 22 Besuchern einen Käufer macht und du erst aus 66.
Betrachtet ihr den Shop oder den eBay-Auftritt , dann wirkt er nicht professionell. Eher altbacken und lieblos dahingerotzt. YouTube, TikTok, Instagram, der eigene Blog – alles fehlt oder wird nicht bespielt. Und der CEO beschwert sich über harten Wettbewerb. Die Fakten scheinen da eine andere Sprache zu sprechen. Die Insolvenz scheint wohlverdient zu sein, weil dort ein beratungsresistenter und neuen Kanälen gegenüber verschlossener Chef am Ruder sitzt. Anstatt seine eigenen Versäumnisse zu benennen, sind es die anderen, die schuld an seiner Pleite sind.
Die Ursache ist eher, dass da ein CEO die Geschicke lenkt, der in den früheren Jahren des E-Commerce stecken geblieben ist. Der Onlinehandel hat sich weiterentwickelt, der liebe Stefan Markus scheinbar nicht. Und die Pleite ist nun die wohlverdiente Quittung.
Und der Autor schreibt das deshalb so „bösartig“, weil es so einfach wäre, das Unternehmen auf Linie zu bringen. Denn sehr wahrscheinlich steckt eine ungeheure Fachexpertise im Chef, und er scheitert nur daran, genau diese Fachhandelskompetenz für Kunden sichtbar zu machen. Das ist sehr schade – für die Kunden, ihn selbst und seine Mitarbeitenden.
Was ihr daraus lernen könnt, ist, euch immer selbst zu hinterfragen, euch weiterzubilden, zu verbessern und anzupassen. Selbstreflexion, Selbstkritik und Flexibilität sind die Kerneigenschaften, die jeder Unternehmer haben sollte. Und die Realität: Den meisten fehlen diese Eigenschaften, und sie scheitern mit ihrer Frittenbude an ihrem eigenen Ego.




