Die Bundesregierung erlaubt Arbeitgebern, ihren Beschäftigten bis zu 1.000 Euro steuer- und abgabenfrei zu zahlen. Rossmann macht es vor, feiert sich dafür und erntet Applaus. Für KMU im Onlinehandel sieht es anders aus: Wer entlastet eigentlich sie?
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Was der Krisenbonus ist – und was er nicht ist
Die schwarz-rote Bundesregierung hat beschlossen, dass Arbeitgeber ihren Beschäftigten bis zum 30. Juni 2027 eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie von bis zu 1.000 Euro zahlen dürfen. Die Prämie ist als Reaktion auf gestiegene Lebenshaltungskosten und hohe Spritpreise gedacht. Finanziert werden soll der Steuerausfall über eine Erhöhung der Tabaksteuer. Der Bundestag hat heute, am 22. April 2026, darüber abgestimmt.
Wichtig: Die Zahlung ist freiwillig. Kein Unternehmen ist verpflichtet, den Bonus auszuzahlen. Arbeitnehmer haben keinen Rechtsanspruch. Die genaue steuerliche Detailregelung für die Lohnabrechnung liegt noch nicht vor – Unternehmen sollen also zahlen, ohne die genauen Regeln zu kennen.
Das Instrument knüpft an die Inflationsausgleichsprämie aus der Corona-Zeit an, die bis Ende 2024 galt.
Rossmann zahlt – und zeigt, was möglich ist, wenn man es sich leisten kann
Rossmann hat als eines der ersten Unternehmen angekündigt zu zahlen. Vollzeitkräfte erhalten 500 Euro, Verkaufshilfen 250 Euro. Rossmann-Geschäftsführer Raoul Roßmann gab sich auf LinkedIn dankbar gegenüber der Bundesregierung und bezeichnete das Instrument als erprobt und wirksam. Bereits während der Pandemie hatte Rossmann die Inflationsausgleichsprämie voll ausgeschöpft und insgesamt 105 Millionen Euro an Mitarbeiter ausgezahlt.
Wettbewerber dm will die Prämie „wohlwollend prüfen“, hat aber noch keine Zusage gemacht. Die meisten anderen Unternehmen schweigen.
Das ist kein Zufall. Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes BDA, Steffen Kampeter, brachte es auf den Punkt: Die Bundesregierung habe Erwartungen geweckt und die Erfüllung dieser Erwartungen bei den Unternehmen abgeladen. Der Bund der Steuerzahler nannte die Prämie „realitätsfremd“.
E-Commerce wächst – aber nicht dort, wo KMU sitzen
Der E-Commerce in Deutschland legt zu. Das klingt nach guten Nachrichten für alle. Tatsächlich landet das Wachstum fast ausschließlich bei den großen Plattformen: Amazon, Shein, Temu. Amazon steigert dabei nicht nur seinen Marktplatzanteil, sondern wächst massiv im Eigengeschäft – also mit Waren, die Amazon selbst einkauft und verkauft.
Bei kleinen und mittleren Onlinehändlern kommt vom Wachstum wenig an. Die Margen sind seit Jahren unter Druck: steigende Plattformgebühren, höhere Versandkosten, zunehmende Retourenquoten, wachsender Wettbewerb durch Billiganbieter aus Fernost. Viele KMU kämpfen nicht um Wachstum, sondern ums Überleben.
Das Rückgrat des Handels zahlt die Zeche – und wird übersehen
KMU bilden die meisten Auszubildenden aus, schaffen die meisten Arbeitsplätze und halten die Versorgungsstruktur in der Fläche aufrecht. Im Onlinehandel sind es oft genau diese Händler, die spezialisierte Sortimente, persönlichen Service und regionale Präsenz bieten – Dinge, die Amazon und Temu nicht liefern können und wollen.
Trotzdem sind KMU politisch kaum sichtbar. Kein Börsengang, keine LinkedIn-Pressemitteilung, kein Raoul Roßmann, der Applaus erntet. Wer 15 Mitarbeiter hat und seit Jahren von Monat zu Monat wirtschaftet, macht keine Schlagzeilen.
Genau deshalb greift der Krisenbonus Mittelstand als politisches Instrument ins Leere. Wer ihn problemlos zahlen kann, braucht ihn nicht als politischen Anschub. Wer ihn bräuchte – um ein Signal an die eigene Belegschaft zu senden, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben –, kann ihn sich schlicht nicht leisten.
Die Politik schaut weg, wo es wehtut
Die Bundesregierung konstruiert einen Bonus, der auf freiwilliger Basis funktionieren soll, aber in der öffentlichen Wahrnehmung als Pflicht ankommt. Arbeitnehmer in Unternehmen, die nicht zahlen, fragen sich warum. Der Druck entsteht – ohne rechtliche Grundlage, aber mit voller sozialer Wirkung.
Raoul Roßmann selbst hat das Grundproblem treffend beschrieben: In Familien, in denen ein Partner bei einem starken Unternehmen arbeitet und der andere bei einem Betrieb in der Krise, werde der Bonus zum Brennglas für die Spaltung zwischen denen, die noch können, und denen, die ums Überleben ringen.
Für KMU im Onlinehandel gilt genau das. Die Politik sendet ein Signal, das bei Großunternehmen ankommt und PR-wirksam umgesetzt wird. Der Mittelstand zahlt die gesellschaftlichen Kosten – als Ausbilder, als Arbeitgeber, als Steuerzahler – und bekommt dafür keine Entlastung, sondern neue Erwartungen aufgebürdet.
Das ist keine Wirtschaftspolitik für den Mittelstand. Das ist Wirtschaftspolitik an ihm vorbei.





