Lalamove startet in Deutschland und richtet sich gezielt an kleine Händler, Floristen, Caterer und Eventdienstleister. Die On-Demand-Plattform vermittelt Lieferungen ohne Vertragsbindung, abgerechnet wird pro Auftrag. Für Onlinehändler und stationäre Geschäfte in deutschen Innenstädten könnte das die Lücke schließen, die DHL, UPS und Hermes nicht abdecken: schnelle Same-Day-Lieferung aus dem Laden zum Kunden. In Asien funktioniert das Modell seit Jahren. In Deutschland gibt es jetzt erstmals einen Anbieter, der es im großen Stil umsetzt.
Inhaltsverzeichnis
- 1.000 Fahrer in Berlin – ohne einen einzigen Vertrag
- Pay-per-Use statt Logistikvertrag – das eigentliche Argument
- Blumenladen statt eigener Lieferwagen – die Rechnung geht auf
- Warum der deutsche Einzelhandel sich genau das nicht traut
- Lieferpartner-Modell – mehr Uber-Eats als DHL
- Was Onlinehändler aus dem Markteintritt mitnehmen sollten
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
1.000 Fahrer in Berlin – ohne einen einzigen Vertrag
Lalamove wurde 2013 in Hongkong gegründet und ist nach eigenen Angaben in mehr als 400 Städten in 17 Märkten aktiv. 2025 wurden über die Plattform rund 1,03 Milliarden Aufträge abgewickelt. Monatlich sind 21,3 Millionen aktive Nutzer und 2,1 Millionen Fahrer im System. Den deutschen Markt erschließt das Unternehmen über Berlin. Das Netzwerk dort umfasst bereits knapp 1.000 Lieferpartner, die ihre Arbeitszeiten frei wählen und Aufträge selbst annehmen (Quelle ).
Den Markteintritt hat das Unternehmen am 18. Mai offiziell bekannt gegeben. Zielgruppe sind nach Aussage von Lalamove insbesondere kleine und mittlere Unternehmen aus Branchen wie Catering, Floristik, Einzelhandel und Eventdienstleistungen. Erste Einsatzbereiche in Berlin sind außerdem Universitäten und Forschungseinrichtungen. Deutschland zählt zu den größten Logistikmärkten Europas. Hierzulande sind mehr als 3,4 Millionen kleine und mittlere Unternehmen ansässig – eine Zielgruppe, an die etablierte KEP-Dienstleister bisher kaum mit flexiblen, kurzfristigen Lieferoptionen herankommen.
Pay-per-Use statt Logistikvertrag – das eigentliche Argument
Lalamove setzt nach eigenen Angaben auf ein bedarfsorientiertes Modell ohne feste Vertragslaufzeiten. Unternehmen buchen Lieferungen je nach Bedarf und rechnen pro Auftrag ab. Dafür stehen verschiedene Fahrzeugtypen zur Verfügung: Fahrräder, Lastenräder, Pkw, Minivans und Transporter. Ergänzt wird das Angebot durch GPS-Echtzeit-Ortung, Multi-Stop-Buchungen und DSGVO-konforme Prozesse. Wer das Modell zum ersten Mal hört, denkt unwillkürlich an die Apps, mit denen in Bangkok, Manila oder Shanghai der gesamte Kleinhandel logistisch läuft.
Paul Loo, Chief Operating Officer von Lalamove, formuliert den Anspruch so: Mittelständische Unternehmen brauchen flexible Liefermöglichkeiten ohne langfristige Verträge. Das Modell ermögliche es ihnen, ihre Logistik bedarfsgerecht zu skalieren, ohne die Fixkosten herkömmlicher Lösungen. Simon Rötter, Managing Director Germany bei Lalamove, ergänzt: Mittelständische Unternehmen brauchen keinen weiteren Logistikvertrag. Sie brauchen einen verlässlichen Lieferpartner, der bei Bedarf zeitnah reagiert. Die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen hierzulande Lalamove annehmen, zeige, dass das Modell ins Schwarze treffe.
Blumenladen statt eigener Lieferwagen – die Rechnung geht auf
Als Referenzkunde nennt Lalamove das Berliner Blumenfachgeschäft Blumen und Pflanzen Steglitz. Das Geschäft nutzt die Plattform für Lieferungen, die sonst dediziertes Personal und eigene Fahrzeuge erfordern würden. An besonders nachfragestarken Tagen wie Valentinstag und Muttertag kann sich das Team vollständig auf den Verkauf im Laden konzentrieren, während die Auslieferungen parallel laufen. Das spart Zeit, senkt Personalkosten und stellt durch die Fotodokumentation bei Abholung und Zustellung sicher, dass die Blumen unbeschädigt ankommen.
Genau dieses Muster ist in Asien Alltag. Ein kleiner Laden in Bangkok stellt seine Produkte über LINE, WhatsApp oder eine lokale App online, nimmt die Bestellung im Chat entgegen und schickt einen Grab- oder Lalamove-Fahrer los. Innerhalb von 60 bis 120 Minuten ist die Ware beim Kunden. Der Händler braucht weder eigenen Onlineshop noch eigene Logistik – nur ein Smartphone und ein Konto bei der Plattform. So überleben dort auch winzige Buden gegen Amazon, Lazada und Shopee. Genau dieses Setup steht jetzt in Berlin zur Verfügung.
Warum der deutsche Einzelhandel sich genau das nicht traut
In Deutschland gibt es 3,4 Millionen kleine und mittlere Unternehmen. Ein großer Teil davon klagt seit Jahren über den Onlinehandel, leere Innenstädte und die Übermacht von Amazon. Gleichzeitig haben dieselben Händler bisher kaum Schritte unternommen, ihr Sortiment online sichtbar zu machen und eine schnelle Lieferoption anzubieten. WhatsApp-Bestellung, Click & Collect, Same-Day-Delivery aus dem Laden – das alles ist technisch seit Jahren verfügbar. Genutzt wird es selten.
Die typischen Gegenargumente kennen Onlinehändler aus jeder Diskussion mit Kollegen aus dem stationären Handel: zu kompliziert, zu teuer, zu wenig Personal, die Kunden wollen das nicht. Lalamove zerschlägt einen Teil dieser Argumente. Keine Vertragsbindung, keine Fixkosten, Abrechnung pro Auftrag, Fahrer auf Abruf. Wer einen Blumenladen, eine Konditorei, einen Spielwarenladen oder einen Weinhandel betreibt, kann morgen anfangen – ohne Investition in Fuhrpark und Personal. Es bleibt am Händler, die Bestellung überhaupt erst auszulösen: sichtbar sein, erreichbar sein, abschließbar sein.
Lieferpartner-Modell – mehr Uber-Eats als DHL
Auf der Fahrerseite arbeitet Lalamove mit selbstständigen Lieferpartnern. Diese können laut Unternehmensangabe ihre Arbeitszeiten flexibel gestalten und Aufträge eigenständig auswählen. Daraus sollen zusätzliche Verdienstmöglichkeiten entstehen und zugleich kurzfristige Lieferkapazitäten für Unternehmen bereitstehen. Das Modell ähnelt damit eher Plattformen wie Uber Eats oder Wolt als klassischen KEP-Dienstleistern mit angestellten Zustellern. Die regulatorische Diskussion über Scheinselbstständigkeit, die in den vergangenen Jahren in Frankreich, Spanien und Großbritannien geführt wurde, dürfte damit auch in Deutschland Thema werden.
Was Onlinehändler aus dem Markteintritt mitnehmen sollten
Für reine Onlinehändler ist Lalamove zunächst keine Konkurrenz zu DHL oder Hermes. Same-Day-Delivery in einer einzelnen Stadt ersetzt nicht den bundesweiten Paketversand. Aber für lokale Sortimente mit Frische- oder Eilcharakter – Lebensmittel, Pflanzen, Tortenbestellungen, B2B-Ersatzteile – wird die Plattform zur Option. Auch hybrid arbeitende Händler mit Laden und Shop können den Same-Day-Service als Premium-Versandoption für regionale Käufer anbieten. Wer in Berlin ein Lager hat, kann denselben Tag liefern, während der Wettbewerb DHL-Pakete am übernächsten Tag verschickt.
Aktuell ist Lalamove auf Berlin beschränkt. Das Unternehmen prüft nach eigenen Angaben die Expansion in weitere deutsche Städte und Regionen. Spannend wird, ob deutsche Händler die Chance erkennen oder ob die Plattform am Ende vor allem von ausländischen Gastronomen, Catering-Betrieben und asiatischen Lebensmittelhändlern genutzt wird, die das Modell aus ihren Herkunftsländern bereits kennen. Die Innenstädte werden nicht durch Klagen über Amazon gerettet, sondern durch Händler, die anfangen, ihre Ware dort sichtbar und lieferbar zu machen, wo Kunden bestellen.




