Wenn mich heute jemand fragt, wie meine Reise im E-Commerce begonnen hat, lautet die ehrliche Antwort eigentlich nicht: 2017 mit Amazon. Sie begann viele Jahre früher – auf Flohmärkten, in Kleinanzeigen und in Printmedien. Damals verkaufte ich Pokémon- und Digimon-Karten, PlayStation-1-Spiele und später alles Mögliche, was sich mit einem fairen Gewinn weiterverkaufen ließ. Ich inserierte Spielkonsolen wie die PlayStation 1 oder die Sega Dreamcast in der Zeitung „Marktplatz“ – damals für mich ein absoluter Game Changer.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Ich habe mich vom damaligen Hype leiten lassen
- 2. Ich habe unterschätzt, wie stark mein eigener Handelshintergrund bereits war
- 3. Zwei Geschäftspartner waren für mich einer zu viel
- 4. Ohne Warenwirtschaft betreibst du keinen professionellen Online-Handel
- 5. Ein normaler Steuerberater reicht im E-Commerce nicht aus
- 6. Hohe Margen bringen nichts, wenn sich die Ware zu langsam dreht
- 7. Ich habe Fremdkapital leider viel zu spät verstanden
- Der Moment, der später alles verändert hat
- Was ich heute anders machen würde
- Mein Fazit nach fast zehn Jahren als Reseller
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Das klingt heute fast nostalgisch, aber genau dort habe ich viel gelernt. Man bekam die kuriosesten Anfragen, lernte unterschiedlichste Menschen kennen und merkte schnell, wie wichtig Vertrauen, Kommunikation und ein gutes Gespür für Nachfrage sind. Unter den Käufern waren teilweise Menschen, die später selbst in der Öffentlichkeit standen. Für mich war das damals einfach normaler Handel.
Ich habe früh verstanden: Wer zuverlässig ist, fair handelt und mit Menschen umgehen kann, baut sich automatisch ein Netzwerk auf.
Dieses Netzwerk war schon damals ein enormer Bonus. Aus Käufern wurden wiederkehrende Kontakte. Aus Kontakten wurden Empfehlungen. Über solche Verbindungen kam ich privat an hochwertige Produkte deutlich günstiger heran. Später entstanden daraus Kontakte zu Menschen aus unterschiedlichsten Branchen, unter anderem auch zu Mitarbeitern großer Markenunternehmen.
Schon in meiner Lehre habe ich mir ein sehr gutes Netzwerk aufgebaut. Mein damaliges Geheimnis war ziemlich einfach: Persönlichkeit und Humor. Zu viele Menschen sind im Handel viel zu ernst unterwegs.
Natürlich braucht man Zahlen, Einkaufspreise, Margen und Prozesse. Aber am Ende handelt man immer noch mit Menschen. Und Menschen erinnern sich nicht nur an Preise. Sie erinnern sich daran, wie man mit ihnen umgeht. Rückblickend war genau das der Beginn meiner Reise als Reseller.
Nicht als Coach. Nicht als Guru. Nicht als jemand, der ein Geschäftsmodell aus einem YouTube-Video nachgebaut hat. Sondern als Wiederverkäufer mit ganz normaler Handelsware, die ohnehin nachgefragt wird.
Ich weiß, der Begriff „Reseller“ klingt für manche nicht besonders glamourös. Mitunter werde ich auch Kistenschieber genannt. Aber für mich beschreibt er ziemlich genau das, was Handel im Kern ist: Man erkennt Nachfrage, findet Ware, kauft sauber ein, kalkuliert nüchtern, verkauft weiter und trägt dabei Verantwortung für Einkauf, Liquidität, Prozesse, Kunden und Risiken.
Später absolvierte ich meine Ausbildung bei der Expert Handelsgruppe, einer der großen Elektronik-Handelsgruppen in Deutschland. Dort durfte ich schon früh hinter die Kulissen des Handels blicken. Meine Vorgesetzten nahmen mich regelmäßig zu Gesprächen mit Großhändlern, Distributoren und Lieferanten mit. Ich konnte beobachten, wie Preise verhandelt wurden, wie Sortimente entstanden und warum manche Produkte erfolgreich waren, während andere Produkte nie richtig funktionierten.
Diese Einblicke haben mein Denken über Handel massiv geprägt. Parallel dazu verkaufte ich bereits über den eBay-Account meiner Mutter erste Elektronikprodukte, darunter Sony-Ericsson-Handys. Zum ersten Mal sah ich, welches Potenzial der digitale Handel im Vergleich zum stationären Geschäft haben konnte. Die Margen waren teilweise stark. Die Nachfrage war da. Und ich begann zu verstehen, dass man das, was im klassischen Handel funktioniert, auch online aufbauen kann – vielleicht sogar effizienter.
2017 wagten wir dann den Schritt in die Selbstständigkeit. Wir waren zu dritt. Jeder von uns brachte rund 2.000 Euro Eigenkapital mit. Insgesamt hatten wir also etwa 6.000 Euro Startkapital. Unser Ziel war damals (keineswegs), reich zu werden.
Ich wollte ehrlich gesagt einfach irgendwann nebenbei etwa 2.000 Euro im Monat verdienen, damit ich meinen Job im Autohaus verlassen konnte. Mehr hatte ich mir am Anfang gar nicht vorgenommen. Dieses Ziel habe ich nach etwa zehn bis elf Monaten erreicht. Für mich war das damals ein unglaubliches Gefühl.
Heute, fast zehn Jahre später, weiß ich: Viele Entscheidungen waren richtig. Andere würde ich komplett anders treffen. Genau darüber möchte ich in diesem Beitrag sprechen. Weil sie meistens die beste Ausbildung sind, die man als Unternehmer bekommen kann.
1. Ich habe mich vom damaligen Hype leiten lassen
Als wir 2017 gestartet sind, gab es auf YouTube gefühlt nur ein Thema: Private Label. Überall wurde erklärt, dass eigene Marken der beste Weg seien. Eigene Produkte. Eigene Brand. Eigene Verpackung. Alibaba. Amazon FBA. Werbung schalten. Ranking aufbauen. Danach angeblich skalieren.
Über professionellen Wiederverkauf von Markenware auf Amazon wurde kaum gesprochen. Zumindest habe ich damals fast nichts dazu gefunden. Vielleicht gab es in den USA schon Inhalte darüber, aber in meiner Welt war das Thema schlicht nicht präsent. Das Verrückte daran war: Ich kannte den klassischen Handel bereits.
Ich wusste durch meine Ausbildung, wie Großhandel funktioniert. Ich hatte gesehen, wie Distributoren arbeiten. Ich hatte erlebt, wie Einkäufer verhandeln. Ich wusste, dass Handelsware funktioniert – zumindest auf eBay und anderen Marktplätzen. Trotzdem bin ich mit Private Label gestartet.
Ich wusste einfach nicht, wie der professionelle Markenhandel auf Amazon rechtssicher und sauber funktioniert. Niemand hat mich damals aufgeklärt. Niemand hat erklärt, dass man auch mit Markenware systematisch auf Amazon arbeiten kann, wenn Einkauf, Rechnungen, Lieferanten und Prozesse stimmen.
Also folgte ich dem Weg, den damals fast jeder empfohlen hat. Wir recherchierten auf Alibaba. Wir recherchierten auf AliExpress. Wir analysierten Wettbewerber und vor allem eBay.com. Wir suchten Produkte, verglichen Preise, schauten uns Bewertungen an und wollten etwas Eigenes aufbauen.
Am Ende brachten wir unter anderem ein sehr gutes Poliertuch auf den Markt. Die Qualität war wirklich stark. Daran lag es nicht. Das Problem war ein anderes: Die Verkäufe waren zu langsam. Wir mussten viel über Marketing machen. Wir mussten Sichtbarkeit aufbauen. Wir mussten Werbung schalten. Jeder Verkauf musste erkämpft werden. Nach allen Kosten blieben damals ungefähr 500 bis 800 Euro Gewinn im Monat.
Für den Anfang war das nicht katastrophal. Viele hätten vielleicht gesagt: „Immerhin Gewinn.“ Aber für drei Menschen war es natürlich nicht tragbar. Davon kannst du kein Team ernähren. Davon kannst du keine Gehälter zahlen. Und davon baust du auch kein wirklich belastbares Unternehmen auf. Meine erste große Lektion war deshalb nicht: Private Label ist schlecht.
Das wäre zu einfach. Meine erste große Lektion war: Folge nicht blind dem Geschäftsmodell, das gerade am lautesten beworben wird. Denn dort ist nicht immer das meiste Kapital. Wenn ein Modell bereits jeder kennt, jeder darüber spricht und jeder versucht, es nachzubauen, kann es für die größten Erträge oft schon spät sein. Nur weil ein Modell auf YouTube, Instagram oder in irgendeiner Bubble gerade dominiert, heißt das noch lange nicht, dass es zu dir, deinem Kapital, deiner Erfahrung und deinem Ziel passt.
Ich hätte damals viel stärker meinem eigenen Erfahrungsschatz vertrauen müssen. Ich war Händler. Ich war Reseller. Ich kannte Handelsware. Ich kannte den Einkauf. Ich kannte Produkte. Und vor allem hatte ich bereits in jungen Jahren ein gutes Netzwerk durch meine Reselling-Erfahrungen aufgebaut. Trotzdem bin ich zuerst in ein Modell gegangen, das gar nicht wirklich zu mir passte.
2. Ich habe unterschätzt, wie stark mein eigener Handelshintergrund bereits war
Viele Menschen suchen am Anfang nach dem perfekten Geschäftsmodell. Ich glaube heute: Man sollte zuerst ehrlich analysieren, welche Fähigkeiten man bereits mitbringt. Bei mir waren es der Handel und der Kontakt zu Menschen.
Schon als Kind habe ich gerne verkauft. Pokémon-Karten. Digimon-Karten. PlayStation-Spiele. Später verschiedene Textilien, kleinere Produkte, Elektronik. Aber immer mit einem Gefühl dafür, was Menschen kaufen wollen und wann ein Einkauf interessant ist.
Während meiner Ausbildung bei der Expert Handelsgruppe wurde dieses Gefühl professioneller. Ich sah, wie echte Einkäufer arbeiten. Ich sah, wie Lieferantengespräche laufen. Ich sah, dass Handel nicht nur bedeutet, billig einzukaufen und teuer zu verkaufen.
Es geht um Nachfrage. Es geht um Verfügbarkeit. Es geht um Timing. Es geht um Einkaufspreise. Es geht um Zahlungsziele. Es geht um Liquidität. Und es geht darum, Risiken richtig einzuschätzen.
Als wir dann parallel zu Private Label begannen, Markenware über eBay zu verkaufen, merkte ich schnell: Das fühlt sich natürlicher an. Das verstand ich. Das passte besser zu mir. Ein Produkt ist mir besonders in Erinnerung geblieben: ein Samsung-Modul, mit dem man Fernseher HD-fähig machen konnte. Dieses Produkt hatte damals ungefähr 600 bis 800 Verkäufe und nur zwei bis drei relevante Mitbewerber. Für uns war das unfassbar.
Keine komplizierte Marke aufbauen. Keine künstliche Nachfrage erzeugen. Kein ewiges Werbebudget verbrennen.
Einfach ein Produkt mit echter Nachfrage, sauber einkaufen, sauber anbieten und verkaufen. Das war für mich ein Augenöffner.
Ich merkte: Der Wiederverkauf von Markenware ist kein Zufallsgeschäft, wenn man ihn systematisch betreibt. Es ist ein echtes Handelsmodell. Natürlich ist auch Reselling nicht einfach. Man braucht gute Lieferanten. Man braucht saubere Rechnungen. Man braucht Kapital. Man braucht Prozesse. Man braucht Verständnis für Marktplätze. Und man muss wissen, welche Produkte man besser nicht anfasst.
Aber für mich war es deutlich näher an dem, was ich ohnehin schon konnte. Heute würde ich jedem angehenden Unternehmer sagen: Baue nicht einfach das nach, was gerade im Trend ist. Frage dich zuerst, was du wirklich verstehst. Bei mir war es nicht das Erfinden einer neuen Marke. Bei mir war es der Handel mit bestehender Nachfrage.
3. Zwei Geschäftspartner waren für mich einer zu viel
Wir sind damals zu dritt gestartet. Jeder brachte 2.000 Euro mit. Alle waren jung. Alle hatten Lust. Und am Anfang klingt so etwas auch gut: Mehr Menschen, mehr Ideen, mehr Energie, mehr Verantwortung auf mehreren Schultern. In der Realität ist es aber komplizierter. Drei Gründer bedeuten auch drei Meinungen.
Und vor allem: drei verschiedene Ziele. Drei Lebenssituationen. Drei Risikoprofile. Drei Vorstellungen davon, wie viel Arbeit investiert werden soll. Bei uns war das ein großes Thema. Einer wollte mehr arbeiten. Ein anderer wollte sich stärker auf seinen Hauptjob konzentrieren. Es gab unterschiedliche Vorstellungen, unterschiedliche Prioritäten und zu wenig klare Rollen. Das Problem war nicht, dass jemand böse Absichten hatte.
Das Problem war fehlende Klarheit.
Wer macht was?
Wer entscheidet was?
Wer trägt welches Risiko?
Wer ist wirklich bereit, langfristig durchzuziehen?
Und wer möchte eher nebenbei dabei sein?
Solche Fragen klingen am Anfang unangenehm. Deshalb werden sie gerne vermieden. Man denkt: „Wir kennen uns doch. Das passt schon.“ Aber genau das ist gefährlich. Ein Unternehmen braucht Klarheit, gerade wenn es klein ist. Heute würde ich niemals mehr mit zwei Geschäftspartnern starten. Wenn überhaupt, dann maximal mit einer weiteren Person – und auch nur dann, wenn Rollen, Erwartungen, Kapital, Arbeitszeit und Verantwortlichkeiten glasklar definiert sind.
Freundschaft ersetzt keine Struktur. Sympathie ersetzt keine Verantwortlichkeiten. Und Motivation ersetzt keinen sauberen Gesellschafterrahmen. Diese Lektion hat mich sehr geprägt. Nicht, weil ich grundsätzlich gegen Geschäftspartner bin. Ganz im Gegenteil. Gute Partner können ein enormer Hebel sein. Aber ein Unternehmen wächst nicht durch viele Meinungen. Es wächst durch klare Entscheidungen und durch einen konkreten Fahrplan.
4. Ohne Warenwirtschaft betreibst du keinen professionellen Online-Handel
Am Anfang haben wir vieles manuell gemacht. Zu manuell. Wir verkauften auf mehreren Marktplätzen, aber unsere Prozesse waren nicht sauber genug. Wir hatten Überverkäufe. Wir wussten nicht immer genau, welche Produkte nachgekauft werden mussten. Wir wussten nicht präzise genug, welche Artikel wirklich laufen und welche nur Kapital binden.
Kurz gesagt: Wir hatten Umsatz, aber zu wenig Kontrolle. Und genau das ist gefährlich. Viele Händler denken am Anfang, eine Warenwirtschaft sei etwas für größere Unternehmen. Erst einmal verkaufen, später strukturieren. Erst einmal Umsatz machen, später Prozesse bauen.
Ich sehe das heute komplett anders. Je früher du Kontrolle in dein Geschäft bringst, desto besser. Denn wie soll man eines Tages ein sauberes, skalierbares oder sogar verkaufbares Unternehmen aufbauen, wenn es kein wiederkehrendes System gibt?
Wir entschieden uns damals für JTL-Wawi. Uns hat niemand aktiv dazu geraten. Wir haben recherchiert und für uns war JTL damals die logischste und zugänglichste Lösung. Diese Entscheidung hat unser Geschäft massiv verändert. Plötzlich konnten wir besser einkaufen. Wir konnten besser planen. Wir konnten Bestände sauberer steuern. Wir konnten auf mehreren Marktplätzen verkaufen, ohne ständig Angst vor Überverkäufen zu haben.
Unsere Verkäuferleistung wurde besser. Nicht, weil wir plötzlich smarter waren. Sondern weil wir endlich ein System hatten.
Amazon, eBay, Kaufland, Otto – sobald du auf mehreren Marktplätzen aktiv bist, brauchst du Kontrolle. Sonst wird Wachstum schnell zum Risiko.
Ein besonders spannender Moment kam später, als wir merkten: Wenn wir ohnehin auf mehreren Marktplätzen verkaufen, warum bauen wir nicht zusätzlich einen eigenen Webshop auf?
Wir legten kleine Visitenkarten bei, nutzten Google Ads und sahen plötzlich, dass über den eigenen Shop an starken Tagen bis zu 15.000 Euro Umsatz möglich waren.
Das war ein echter Eye-Opener.
Nicht nur wegen des Umsatzes.
Sondern weil ich verstand, wie wichtig es ist, Risiken im Online-Handel zu minimieren.
Wer nur auf einen Marktplatz setzt, lebt gefährlich.
Wer nur einen Vertriebskanal hat, ist abhängig.
Wer keine Warenwirtschaft hat, sieht viele Probleme erst dann, wenn sie schon teuer geworden sind.
Meine Lektion daraus: Eine Warenwirtschaft spart nicht nur Zeit. Sie verhindert Chaos.
Und sie ist einer der Unterschiede zwischen „ich verkaufe online ein paar Produkte“ und „ich baue ein Unternehmen“.
5. Ein normaler Steuerberater reicht im E-Commerce nicht aus
Dieses Thema wird meiner Meinung nach massiv unterschätzt.
Wir hatten am Anfang eine gute Steuerberaterin. Sie war fachlich gut, menschlich angenehm und verstand klassische steuerliche Themen. Das Problem war nicht ihre grundsätzliche Kompetenz.
Das Problem war: Sie war nicht auf E-Commerce spezialisiert.
Und das ist ein gewaltiger Unterschied.
Am Anfang brachten wir vielleicht einen halben Ordner mit Belegen vorbei. Irgendwann wurden daraus sechs oder sieben Ordner.
Gedruckte Rechnungen.
Auszüge.
Belege.
Nachweise.
Papier ohne Ende.
Heute klingt das fast absurd, aber damals hielten wir vieles davon für normal.
Dabei hätte man sehr früh digital arbeiten können. DATEV. Schnittstellen. Automatisierte Belegflüsse. Saubere Prozesse aus Amazon Seller Central. Abstimmung mit Warenwirtschaftssystemen. Vorbereitung auf Prüfungen. Internationale Umsatzsteuer-Themen.
All das hätte viel früher strukturiert werden können.
Ein spezialisierter E-Commerce-Steuerberater versteht nicht nur Steuern.
Er versteht auch das Geschäftsmodell dahinter.
Er weiß, wie Amazon funktioniert.
Er weiß, welche Belege relevant sind.
Er versteht Marktplatzabrechnungen.
Er kennt die Besonderheiten von OSS, internationalen Verkäufen, digitalen Zahlungsflüssen und Warenbewegungen.
Er weiß, welche Prozesse man von Anfang an sauber aufsetzen sollte, damit das Unternehmen später nicht an seiner eigenen Verwaltung erstickt.
Das war für uns eine extrem wichtige Erkenntnis.
Denn unser Ziel war nie, mehr zu arbeiten.
Unser Ziel war, ein Unternehmen aufzubauen, das irgendwann auch ohne uns funktioniert.
Und genau dafür brauchst du nicht nur gute Produkte. Du brauchst gute Systeme.
Buchhaltung gehört dazu.
Steuern gehören dazu.
Dokumentation gehört dazu.
Viele Händler wollen sich am Anfang damit nicht beschäftigen. Ich verstehe das. Einkauf macht mehr Spaß. Verkaufen macht mehr Spaß. Umsatz macht mehr Spaß. Und der Kontakt zu positiven und interessanten Menschen macht sowieso am meisten Spaß.
Aber wenn du skalieren willst, wird schlechte Buchhaltung irgendwann zur Wachstumsbremse.
Heute würde ich jedem Händler sagen: Such dir nicht irgendeinen Steuerberater. Such dir jemanden, der E-Commerce wirklich versteht – oder greife auf Menschen zurück, die diesen Weg eigenständig gegangen sind und die Hürden aus der Praxis kennen.
Am besten jemanden, der mit Amazon, eBay, Marktplätzen, Warenwirtschaft, DATEV, OSS und digitalen Belegflüssen täglich zu tun hat.
Ein guter Steuerberater kennt Steuern.
Ein guter E-Commerce-Steuerberater kennt zusätzlich dein Geschäftsmodell.
Und genau das macht im Alltag den Unterschied.
6. Hohe Margen bringen nichts, wenn sich die Ware zu langsam dreht
Am Anfang haben wir uns stark von Margen beeindrucken lassen.
Wenn ein Produkt 26, 28 oder 30 Prozent Marge hatte, klang das natürlich hervorragend. Und auf dem Papier war es das auch.
Das Problem: Viele dieser Produkte waren Langsamdreher.
Sie verkauften sich vielleicht 20 bis 50 Mal im Monat. Manchmal sogar weniger. Die Marge sah stark aus, aber das Kapital war lange gebunden. Und wenn du mit kleinem Kapital startest, ist gebundenes Kapital oft gefährlicher als eine etwas niedrigere Marge.
Ich habe irgendwann verstanden: Marge allein ist keine Strategie.
Du brauchst Nachfrage.
Du brauchst Drehgeschwindigkeit.
Du brauchst wiederkehrende Verkäufe.
Du brauchst Produkte, die saisonunabhängig funktionieren.
Du brauchst ein Fundament.
Natürlich sind hohe Margen schön. Jeder Händler liebt gute Margen. Aber eine hohe Marge auf ein Produkt, das kaum jemand kauft, bringt dir im Tagesgeschäft wenig.
Gerade im Reselling ist der Kapitalumschlag entscheidend.
Wie schnell kommt dein Geld zurück?
Wie stabil ist die Nachfrage?
Wie viele Wettbewerber gibt es?
Wie oft kannst du nachkaufen?
Wie zuverlässig ist der Lieferant?
Wie hoch ist das Risiko von Preisdruck?
Wie viel Kapital bindet der Artikel?
Diese Fragen sind oft wichtiger als die reine Marge.
Heute baue ich ein Sortiment ganz anders auf als damals.
Ich möchte nicht nur einzelne „coole Deals“. Ich möchte ein System aus Produkten, Lieferanten, Nachkaufmöglichkeiten, festen Großhandelspartnern und kontrollierbarem Risiko.
Ein gutes Handelsgeschäft entsteht nicht durch einen Glückstreffer.
Es entsteht durch wiederholbare Entscheidungen.
Das klingt weniger aufregend als „das eine Gewinnerprodukt“, ist aber deutlich nachhaltiger.
7. Ich habe Fremdkapital leider viel zu spät verstanden
In den ersten Jahren haben wir fast ausschließlich mit Eigenkapital gearbeitet.
Wir waren vorsichtig. Vielleicht auch zu vorsichtig.
Es dauerte Jahre, bis überhaupt die ersten relevanten Kreditlinien oder Dispo-Möglichkeiten entstanden. Rückblickend glaube ich: Wir hätten schneller wachsen können, wenn wir früher verstanden hätten, wie sinnvoll Fremdkapital in einem bewiesenen Handelssystem sein kann.
Aber hier ist mir eine Sache sehr wichtig:
Fremdkapital ist kein Spielzeug.
Es ist kein Ersatz für ein schlechtes Geschäftsmodell.
Und es ist auch keine Lösung für Händler, die ihre Zahlen nicht blind kennen.
Wenn du nicht weißt, welche Produkte funktionieren, wie schnell sich dein Lager dreht, welche Marge nach allen Kosten übrig bleibt und wie stabil dein Cashflow ist, dann kann Fremdkapital gefährlich werden.
Aber wenn dein System geprüft ist, deine Zahlen stimmen und du über längere Zeit sauber bewiesen hast, dass du mit deinem Kapital zuverlässig Rendite erwirtschaftest, dann kann Fremdkapital ein enormer Beschleuniger sein.
Gerade im Handel ist Kapital oft der Engpass.
Nicht die Idee.
Nicht die Motivation.
Nicht einmal zwingend der Lieferant.
Sondern die Fähigkeit, gute Ware in ausreichender Menge einzukaufen.
Wenn du weißt, dass du mit einem sauberen Deal im Notfall acht bis zehn Prozent Nettomarge erwirtschaften kannst, stellt sich irgendwann die Frage: Warum nicht mit einem kontrollierten Anteil Fremdkapital arbeiten?
Heute würde ich dieses Thema deutlich früher professionell angehen.
Nicht blind.
Nicht überheblich.
Nicht mit maximalem Risiko.
Aber strategisch.
Mit Planung.
Mit Reserven.
Mit klaren Grenzen.
Und mit einem funktionierenden System im Hintergrund.
Denn Wachstum kostet Kapital. Wer das zu spät versteht, verliert Geschwindigkeit.
Der Moment, der später alles verändert hat
Eine der schwierigsten Phasen meiner Reise kam 2019.
Unser Amazon-Händlerkonto wurde gesperrt.
Auf dem Konto lagen damals ungefähr 40.000 Euro. Für uns war das zu diesem Zeitpunkt enorm viel Geld. Viel mehr als das, womit wir ursprünglich gestartet waren.
Die Sperrung dauerte drei Monate und es war blanker Horror. Nebenbei liefen natürlich eBay und ein paar Verkäufe auf Kaufland.de weiter, aber das reichte maximal, um die Fixkosten halbwegs decken zu können.
Wir wandten uns an eine Agentur, zahlten viel Geld im Voraus und später nochmals im Nachgang. Gebracht hat es am Ende nichts.
Also klemmte ich mich selbst Woche für Woche dahinter.
Ich wollte verstehen, wie dieses System funktioniert. Warum Konten gesperrt werden. Wie Amazon Entscheidungen trifft. Welche Dokumente zählen? Welche Argumentation funktioniert? Welche Fehler Händler machen. Und warum so viele in solchen Situationen komplett überfordert sind.
Diese Erfahrung war extrem unangenehm.
Aber sie wurde später einer der wichtigsten Wendepunkte meiner unternehmerischen Reise.
Denn mir wurde klar: Für viele Händler ist Amazon nicht einfach ein Vertriebskanal. Für viele ist es das wirtschaftliche Lebenselixier.
Wenn so ein Konto gesperrt wird, hängt daran nicht nur Umsatz. Daran hängen Existenzen, Mitarbeiter, Familien, Lagerbestände, Liquidität und manchmal Jahre an Arbeit,Blut, Schweiß und Tränen.
Aus dieser Erfahrung entstand später PSA Marketing.
Nicht als theoretische Agentur Idee.
Sondern aus einem echten Problem, das wir selbst durchlebt hatten und wo wir viel Nachfrage und Potenzial frühzeitig erkannt hatten.
Und genau das ist vielleicht die wichtigste Lektion meiner gesamten Reise:
Die besten Geschäftsmodelle entstehen oft nicht aus einem perfekten Businessplan.
Sie entstehen aus echten Problemen, die man selbst gelöst hat.
Was ich heute anders machen würde
Wenn heute ein 24-Jähriger mit 6.000 Euro Eigenkapital vor mir sitzt und sagt: „Pavel, ich möchte mit Amazon starten“, würde ich nicht automatisch sagen: „Mach einfach.“
Ich würde zuerst fragen:
Was willst du wirklich?
Willst du ein Nebeneinkommen?
Willst du ein Handelsunternehmen?
Willst du ein schnelles Projekt?
Willst du langfristig Unternehmer werden?
Denn für Amazon brauchst du heute deutlich mehr als nur Lust und ein paar tausend Euro.
Du brauchst Kapital – und zwar deutlich mehr als damals.
Du brauchst saubere Lieferanten.
Du brauchst Prozesse.
Du brauchst Geduld.
Du brauchst Verständnis für Risiken.
Und du brauchst die Bereitschaft, professionell zu arbeiten.
Mit den heutigen Tools, mit KI, mit besseren Systemen und mit den Erfahrungswerten, die es heute gibt, kann man vieles schneller schaffen als wir damals. Meine Geschichte klingt für manche vielleicht erfolgreich, aber wenn ich ehrlich bin: Viele Dinge hätten wir deutlich schneller, sauberer und strukturierter machen können.
Was bei uns fast zehn Jahre gedauert hat, kann man heute mit den richtigen Voraussetzungen vielleicht in drei bis fünf Jahren deutlich effizienter aufbauen.
Aber nur, wenn man nicht dieselben Fehler wiederholt.
Ich bin heute stolz auf vieles.
Nicht nur auf Umsatz.
Nicht nur auf Gewinne.
Sondern vor allem darauf, dass aus einem kleinen Start mit 6.000 Euro ein echtes Unternehmen entstanden ist. Dass wir Arbeitsplätze geschaffen haben. Dass wir zu Hochzeiten ein solider Arbeitgeber waren. Dass Menschen bei uns nicht nur gearbeitet, sondern auch gerne gearbeitet haben.
Und ich bin stolz darauf, dass ich nahezu die gesamte Reise über unseren PSA-Marketing-YouTube-Kanal dokumentieren konnte – mit Inhalten, die Millionen von Menschen erreicht, informiert und hoffentlich auch motiviert haben.
Denn am Ende ist genau das Unternehmertum für mich:
Nicht nur Produkte verkaufen.
Sondern Verantwortung übernehmen.
Für Kunden.
Für Mitarbeiter.
Für Partner.
Für Prozesse.
Und für die eigenen Entscheidungen.
Mein Fazit nach fast zehn Jahren als Reseller
Wenn ich heute zurückblicke, würde ich vieles anders machen.
Ich würde schneller auf das richtige Geschäftsmodell setzen.
Ich würde früher klare Rollen schaffen.
Ich würde sofort mit der Warenwirtschaft arbeiten.
Ich würde von Anfang an einen spezialisierten E-Commerce-Steuerberater suchen.
Ich würde Sortimente nicht nur nach Marge, sondern nach Nachfrage und Kapitalumschlag bewerten.
Ich würde Fremdkapital viel früher strategisch prüfen.
Und ich würde schneller verstehen, dass Wachstum nicht durch harte Arbeit allein entsteht, sondern durch Systeme.
Trotzdem würde ich eines genauso wieder tun:
Ich würde Händler bleiben.
Reseller.
Wiederverkäufer.
Denn genau darin liegt meine eigentliche Stärke.
Nicht im Erfinden künstlicher Nachfrage.
Nicht im Hinterherlaufen des nächsten Trends.
Sondern im Erkennen guter Handelschancen, im sauberen Einkauf, im strukturierten Verkauf und im Aufbau von Systemen, die langfristig funktionieren.
Meine Reise begann nicht mit Amazon.
Sie begann mit Pokémon-Karten, PlayStation-1-Spielen und Anzeigen in Printmedien.
Amazon war später nur der Marktplatz, auf dem aus dieser Leidenschaft ein Unternehmen wurde.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis:
Man wird nicht Unternehmer, weil man ein Geschäftsmodell kopiert.
Man wird Unternehmer, wenn man versteht, welches Geschäftsmodell wirklich zu einem passt.
Weitere Informationen über mich findest du auf meiner Webseite: www.pavelsaper.com




