Die Zahlungsriesen Visa und Mastercard liefern sich derzeit ein Wettrennen, das kaum wahrgenommen wird. Es geht nicht um Marktanteile bei Kreditkarten oder Mobile Wallets, sondern um die Frage, wer die Schienen baut, auf denen autonome KI-Agenten künftig Bestellungen aufgeben, Preise verhandeln und Zahlungen auslösen. Wer hier zu spät kommt, verliert nicht nur Transaktionsvolumen, sondern die Kontrolle über die zentrale Vertrauensschicht im E-Commerce der nächsten Dekade. Der Begriff dafür heißt Agentic Commerce – und beide Konzerne haben 2025 erste Lösungen vorgestellt. Aber auch Google und OpenAI spielen mit. Paypal lässt sich wohl abhängen.
Inhaltsverzeichnis
- Was Agentic Commerce wirklich bedeutet – und warum es weh tut
- 5 Billionen Dollar bis 2030 – die McKinsey-Zahlen, die alle bewegen
- Visa und Mastercard – zwei Strategien, ein Ziel
- Stripe als gemeinsamer Nenner – wer hier fehlt, verliert
- Google, OpenAI, Cloudflare – die nächste Schicht des Stacks
- Vier Protokolle, die die Spielregeln festlegen
- Drei harte Probleme, die niemand ignorieren kann
- Was das für Onlinehändler konkret bedeutet
- Europa zögert – und macht das richtig
- Fünf Hausaufgaben, die jetzt auf dem Tisch liegen
- Die Schienen werden jetzt gelegt – wer fährt darauf?
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Was Agentic Commerce wirklich bedeutet – und warum es weh tut
Agentic Commerce beschreibt einen Modus, in dem künstliche Intelligenz nicht mehr nur empfiehlt oder filtert, sondern eigenständig kauft. Der Agent recherchiert Produkte, vergleicht Anbieter, prüft Verfügbarkeiten, verhandelt unter Umständen Preise – und schließt am Ende den Kauf ab. Der Mensch gibt das Ziel vor, definiert Budget und Präferenzen, der Agent erledigt den Rest.
Aus Händlersicht klingt das nach einem weiteren Kanal. Aus Sicht der Zahlungsindustrie ist es eine Disruption auf Infrastruktur-Ebene. Denn die bisherigen Sicherheitsmechanismen sind auf einen Menschen ausgelegt, der vor einem Bildschirm sitzt: Zwei-Faktor-Authentifizierung, Captcha, biometrische Bestätigung. All das funktioniert nicht, wenn ein Software-Agent im Auftrag eines Menschen auscheckt. Visa und Mastercard müssen also nicht nur eine technische Schnittstelle bauen, sondern eine komplette Vertrauensarchitektur neu denken.
5 Billionen Dollar bis 2030 – die McKinsey-Zahlen, die alle bewegen
Die Diskussion bekommt ihre Wucht durch eine Studie der Beratungsgesellschaft McKinsey & Company aus dem Oktober 2025. Die Originalstudie trägt den Titel „The agentic commerce opportunity: How AI agents are ushering in a new era for consumers and merchants“ und ist über McKinsey direkt abrufbar .
McKinsey kommt zu einem klaren Ergebnis: Bis 2030 könnte allein der US-amerikanische B2C-Einzelhandel ein Volumen von 900 Milliarden bis 1 Billion US-Dollar an Umsätzen über Agentic Commerce abwickeln. Global beziffern die Analysten die Spanne auf 3 bis 5 Billionen US-Dollar. Diese Zahlen beziehen sich ausdrücklich nur auf physische Waren – Dienstleistungen sind in den Schätzungen noch nicht enthalten.
Die Berater vergleichen die Tragweite mit den Umbrüchen durch Web und Mobile. Mit einem entscheidenden Unterschied: Der Übergang zur Agentic-Welt soll deutlich schneller laufen, weil die KI-Systeme auf der bestehenden digitalen Infrastruktur aufsetzen können. Sie nutzen dieselben Wege wie ein menschlicher Käufer und müssen nicht warten, bis Händler neue Schienen verlegen.
Becca Coggins, Senior Partner bei McKinsey und globale Leiterin der Bereiche Retail und Consumer Goods, beschreibt den Effekt so: Statt Webseiten und Apps zu besuchen, übernehmen autonome Agenten die gesamte Einkaufsarbeit – Suche, Filterung, Vergleich, Kauf.
Visa und Mastercard – zwei Strategien, ein Ziel
Die Strategien beider Konzerne ähneln sich in den Grundzügen, unterscheiden sich aber in Details. Beide setzen auf Partnerschaften mit den großen Akteuren des Ökosystems – und beide bauen eigene Authentifizierungsprotokolle.
Visa hat sein Trusted Agent Protocol entwickelt. Dieses Protokoll soll mit OpenAIs Agentic Commerce Protocol zusammenarbeiten – also mit dem Standard, den ChatGPT und sein Umfeld nutzen. Daneben kooperiert Visa mit Akamai Technologies und Amazon Web Services. Akamai bringt das Know-how für Identitätsprüfung und Betrugsabwehr ein, AWS die Cloud-Infrastruktur.
Jack Forestell, Chief Product and Strategy Officer bei Visa, hat die Lage auf dem Wolfe Research FinTech Forum in New York im März 2026 mit einem deutlichen Vergleich beschrieben: Er habe so etwas seit dem Beginn des E-Commerce in den späten Neunzigern und frühen Zweitausendern nicht mehr erlebt. Forestells zentrales Argument: Der Agent benötigt eine Identität. Diese Identität muss abgesichert, validiert und mit ausreichend Daten angereichert werden, damit Sicherheit gewährleistet ist.
Mastercard geht einen vergleichbaren Weg, betont aber stärker den Aspekt der Echtzeit-Überwachung. CEO Michael Miebach hat im Oktober 2025 vor Analysten erklärt, die erste Agentic-Transaktion habe im dritten Quartal über das Mastercard-Netzwerk stattgefunden. Mastercard will nach eigener Aussage „im Zentrum“ des kommenden Agentic-Ökosystems stehen.
Konkret kombiniert Mastercard zwei eigene Bausteine: Ethoca liefert Echtzeit-Daten zu Streitigkeiten und Rückbuchungen, Mastercard Threat Intelligence steuert Bedrohungsdaten bei. Beide fließen in das Programm Agent Pay ein, mit dem Mastercard Händlern und Banken einen Rahmen für die Abwicklung agentengetriebener Käufe bietet.
Stripe als gemeinsamer Nenner – wer hier fehlt, verliert
Spannend wird es, wenn man die Partnerlisten beider Konzerne nebeneinanderlegt. Stripe ist auf beiden Seiten dabei. Der Zahlungsdienstleister hat im März 2026 angekündigt, seine Shared Payment Tokens (SPTs) für mehrere Agentic-Commerce-Standards zu öffnen. Dabei wurden sowohl Visa Intelligent Commerce als auch Mastercard Agent Pay namentlich genannt – ergänzt um die Buy-Now-Pay-Later-Anbieter Affirm und Klarna.
Diese Konstellation zeigt, wie das Spiel funktioniert: Die Kartennetzwerke konkurrieren miteinander, hängen aber an denselben Knotenpunkten der Zahlungsabwicklung. Wer Stripe ignoriert, ignoriert einen erheblichen Teil des westlichen E-Commerce-Marktes. Stripe wiederum kann es sich nicht leisten, einen der beiden großen Kartennetze zu bevorzugen.
Google, OpenAI, Cloudflare – die nächste Schicht des Stacks
Google hat im Januar 2026 sein Universal Commerce Protocol (UCP) angekündigt. Auch hier sind Visa und Mastercard auf der Liste der Partner. Das Protokoll soll als offener Standard dienen, an dem unter anderem Shopify mitarbeitet. Die Idee: Eine gemeinsame Sprache, mit der Agenten unterschiedlicher Anbieter zuverlässig kommunizieren und Transaktionen abschließen können.
Auf der Seite der Authentifizierung läuft das Spiel ähnlich. Mastercard arbeitet mit OpenAI, Google und Cloudflare an Standards für autonome Transaktionen. Cloudflares Web Bot Auth ist gemeinsam mit Microsoft, Shopify, Checkout.com, Worldpay, Adyen und weiteren Unternehmen entstanden. Sowohl Visa als auch Mastercard greifen auf diese Technologie zurück. Das ist wirtschaftspolitisch interessant: Zwei direkte Wettbewerber nutzen denselben Authentifizierungs-Stack, weil keiner allein die nötige Reichweite hätte.
Vier Protokolle, die die Spielregeln festlegen
McKinsey nennt in der Studie vier Standards, die sich gerade durchsetzen:
- Model Context Protocol (MCP) – ursprünglich von Anthropic, mittlerweile breit adaptiert. MCP regelt, wie Agenten Kontext mit Werkzeugen und Datenquellen austauschen.
- Agent-to-Agent Protocol (A2A) – ein Standard für die direkte Kommunikation zwischen verschiedenen Agenten.
- Agent Payments Protocol (AP2) – eine Spezifikation für den Zahlungsteil von Agentic-Transaktionen.
- Agentic Commerce Protocol (ACP) – von OpenAI mit Stripe entwickelt, derzeit der prominenteste Standard im westlichen Markt.
Daneben spricht McKinsey von einem „agentic AI mesh“ – einer Software-Architektur, die Agenten-Speicher, Orchestrierung, Nachvollziehbarkeit und Governance auf großer Skala koordiniert. Wer diese Schicht beherrscht, kontrolliert ein Stück weit den Zugriff der Agenten auf reale Verkaufsflächen.
Drei harte Probleme, die niemand ignorieren kann
Die Strategiepapiere klingen elegant. Die Praxis ist es nicht. Drei Themen werden die kommenden Jahre prägen.
Erstens: Identität. Wenn ein Agent im Auftrag eines Menschen kauft, muss zweifelsfrei feststellbar sein, dass der Mensch diesen Auftrag erteilt hat. Die heutigen Mechanismen sind dafür nicht ausgelegt. Visa und Mastercard arbeiten daran, doch ein lückenloses System gibt es noch nicht. Forestell hat das Identitätsproblem zum Kern der Visa-Strategie gemacht – aus gutem Grund.
Zweitens: Betrug. Die Angriffsfläche wächst. Ein Agent ist eine Maschine, die manipuliert werden kann. Prompt-Injection-Angriffe, in denen ein Angreifer dem Agenten falsche Anweisungen unterschiebt, sind dokumentiert. McKinsey selbst weist in einem Folgepapier auf das Risiko synthetischer Agentenidentitäten hin – also auf gefälschte Agenten, die sich als legitim ausgeben. Die Empfehlung der Berater: Agenten sollten wie „digitale Insider“ behandelt werden, mit klaren Berechtigungen und kontinuierlicher Überwachung.
Drittens: Haftung. Wer ist verantwortlich, wenn ein Agent einen Fehlkauf tätigt oder auf eine Phishing-Seite hereinfällt? Der Nutzer? Der Anbieter des Agenten? Der Händler? Das Zahlungsnetzwerk? Der rechtliche Rahmen ist offen, und die Diskussion in der EU steht erst am Anfang. Visa und Mastercard versuchen, mit eigenen Regelwerken eine Vorstrukturierung zu schaffen – auch um zu verhindern, dass nationale Gesetzgeber unterschiedliche Standards durchsetzen.
Was das für Onlinehändler konkret bedeutet
Die wichtigste Frage für Onlinehändler: Was heißt das alles für den Alltag? Drei Punkte sind jetzt schon klar.
Punkt eins: Produktdaten werden zur Pflichtaufgabe. Wer für Agenten unsichtbar ist, wird nicht gefunden. McKinsey betont mehrfach, dass strukturierte, maschinenlesbare Daten zur Voraussetzung für Sichtbarkeit werden. Wer die Daten heute nicht in Ordnung bringt, fällt aus dem Suchradius der KI-Agenten.
Punkt zwei: Loyalty-Programme stehen unter Druck. Wenn der Agent auf Basis von Preis, Verfügbarkeit und Lieferzeit entscheidet, verliert die emotionale Bindung an Marken an Gewicht. Der europäische McKinsey-Folgereport spricht von einer Neukonfiguration der Markenloyalität – weg vom emotional-visuellen Konstrukt, hin zu maschinenlesbaren, interpretierbaren Vertrauenssignalen. Händler, die das ignorieren, riskieren, dass ihre Stammkunden vom Agenten zur günstigeren Alternative geleitet werden.
Punkt drei: Zahlungsabwicklung wird zur Frontlinie. Wer als Händler mehrere Zahlungsdienstleister einsetzt, sollte jetzt prüfen, welche davon Agentic-Commerce-Standards unterstützen. Stripe ist hier der prominente Akteur, doch auch Adyen, Worldpay und Checkout.com sind in den Standards aktiv. PayPal hat angekündigt, ACP ab 2026 automatisch zu unterstützen.
Europa zögert – und macht das richtig
Für den DACH-Markt lohnt ein Blick auf die McKinsey-Folgestudie zu Europa. Die Berater haben Daten aus Frankreich, Deutschland und Großbritannien ausgewertet und kommen zu einem nuancierten Bild: Europäische Verbraucher nutzen KI bereits sehr aktiv für Recherche, Synthese und Empfehlungen. Bei der Delegation des eigentlichen Kaufakts sind sie deutlich zurückhaltender als US-Konsumenten.
Diese Zurückhaltung ist nicht zwingend ein Nachteil. Sie kann auch als klare Erwartungshaltung gelesen werden: Europäer wollen Agenten nutzen, aber unter Bedingungen – mit Bestätigungsschritten, klaren Datenschutzregeln und der Möglichkeit, jederzeit einzugreifen. Visa und Mastercard, die ihre Strategien stark am US-Markt ausrichten, müssen diese Differenz berücksichtigen, wenn sie in Europa Marktanteile halten wollen.
Für deutsche Onlinehändler bedeutet das: Wer in den nächsten zwei bis drei Jahren agentengetriebene Käufe akzeptiert, sollte transparente Bestätigungs- und Stornierungsmechanismen anbieten. Das ist kein technisches Detail, sondern ein Vertriebsargument.
Fünf Hausaufgaben, die jetzt auf dem Tisch liegen
Konkret und ohne Floskeln:
Erstens – Produktdaten prüfen. Strukturierte Daten, maschinenlesbare Verfügbarkeit, klare Preisangaben, eindeutige Versandbedingungen. Wer hier Lücken hat, wird im Agentic Commerce unsichtbar.
Zweitens – Zahlungsdienstleister abklopfen. Welche Standards unterstützt der eigene PSP? Wie sieht der Roadmap-Plan aus? Wer keine klare Antwort liefert, sollte alternative Anbieter prüfen.
Drittens – Rückgabe- und Stornierungsprozesse fit machen. Agentengetriebene Käufe werden statistisch zu höheren Retourenquoten führen, weil der Algorithmus nicht emotional gebunden ist und auf kleinste Abweichungen reagiert. Saubere, automatisierte Prozesse werden zur Überlebensfrage für die Marge.
Viertens – Markenkommunikation neu denken. Wenn der erste „Kunde“ im Funnel keine Person, sondern ein Agent ist, dann müssen Argumente in maschinenlesbarer Form vorliegen. Garantien, Zertifikate, Bewertungen, Lieferversprechen – alles sollte über strukturierte Daten erreichbar sein, nicht nur über Marketing-Webseiten.
Fünftens – Rechtliche Beratung einholen. Die Frage, wer haftet, wenn ein Agent einen Fehlkauf tätigt oder gegen Vertragsbedingungen verstößt, ist offen. Wer früh klare AGB für agentengetriebene Käufe formuliert, vermeidet später teure Auseinandersetzungen.
Die Schienen werden jetzt gelegt – wer fährt darauf?
Die Bewegung von Visa und Mastercard ist die direkte Reaktion auf eine sich verschiebende Infrastruktur, in der KI-Agenten zur dominierenden Schnittstelle zwischen Käufer und Händler werden. Beide Konzerne wissen, dass sie nicht warten dürfen, bis sich Standards von außen durchsetzen. Sie müssen eigene Standards einbringen und sich gleichzeitig an gemeinsamen Protokollen beteiligen, die größer sind als sie selbst.
Vergleichbar ist die aktuelle Phase mit den späten Neunzigerjahren, als Online-Shops Kreditkarten akzeptieren wollten und Käufer zögerten, ihre Kartendaten einzugeben. Damals haben Visa und Mastercard zusammen mit weiteren Akteuren die Vertrauensschicht gebaut, die E-Commerce überhaupt erst möglich machte. Heute geht es um die nächste Vertrauensschicht – für eine Welt, in der nicht mehr der Mensch, sondern seine Maschine den Kaufknopf drückt.
Die McKinsey-Zahlen zeigen die Größenordnung – und auch wenn die obere Schätzung von 5 Billionen US-Dollar weltweit ein Best-Case-Szenario ist, würde selbst der untere Rand der Spanne den E-Commerce in seiner heutigen Form deutlich verändern. Die Frage ist, wer früh genug die eigenen Daten, Prozesse und Verträge so aufstellt, dass die Agenten ihn finden, ihm vertrauen und bei ihm kaufen. Wer hier zögert, riskiert, dass die nächste Welle des Onlinehandels an ihm vorbeiläuft – wie es in den Neunzigern jenen Händlern erging, die den Sprung ins Web zu lange hinauszögerten.
Die Schienen werden jetzt gelegt. Die Frage ist nur, wer auf ihnen fährt.
Quellen: Digital Commerce 360 – How Visa and Mastercard are approaching agentic commerce | McKinsey & Company – The agentic commerce opportunity | McKinsey – Europe’s agentic commerce moment





