Ein Firmenbestatter übernimmt marode GmbHs, räumt sie leer und lässt Gläubiger mit einer leeren Hülle zurück. Im Umsatzsteuerkarussell hat er eine zweite Aufgabe: Er entsorgt die Gesellschaft, bei der die nicht abgeführte Umsatzsteuer hängen bleibt. Wichtig zu wissen: Denn § 25f UStG streicht den Vorsteuerabzug schon dann, wenn du von der Kette hättest wissen müssen. Der BGH hat im Februar 2025 zusätzlich die Hintertür für die Hintermänner geschlossen. Wie das Geschäft läuft und woran du die Muster im Handelsregister erkennst, steht hier.
Inhaltsverzeichnis
- Für 20.000 Euro bist du raus – so klingt das Angebot
- Köln, Berlin, Sofia – das Muster läuft in wenigen Wochen durch
- Der BGH nahm den Hintermännern 2025 die Deckung weg
- 14 Milliarden Euro fehlen dem Fiskus – hier beginnt das Karussell
- § 25f UStG kostet dich den Vorsteuerabzug ohne eigene Tat
- Zehn Signale, die du vor der ersten Bestellung prüfst
- Der Verkauf der GmbH ist kein Radiergummi
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Für 20.000 Euro bist du raus – so klingt das Angebot
Ein Firmenbestatter kauft Gesellschaften, die wirtschaftlich am Ende sind. Meistens trifft es GmbHs mit Steuerrückständen, offenen Lieferantenrechnungen und einer längst überschuldeten Bilanz. Der Geschäftsführer will raus und zahlt dafür ein Entgelt, je nach Fall einige Tausend bis mehrere Zehntausend Euro. Sein Geld verdient der Abwickler an der Übernahme selbst, nicht am operativen Geschäft.
Der Begriff allein ist noch kein Vorwurf. Eine angeschlagene GmbH darf verkauft werden, Gesellschafter und Geschäftsführer dürfen wechseln, und eine Liquidation ist ein geordnetes Verfahren. Kritisch wird die Variante, die Gerichte als verdeckte Liquidation einordnen: Das Insolvenzverfahren soll vermieden oder möglichst lange hinausgezögert werden. Dafür hat sich der Begriff Firmenbestattung etabliert.
Köln, Berlin, Sofia – das Muster läuft in wenigen Wochen durch
Der Ablauf wiederholt sich. Zuerst wandern die Geschäftsanteile für einen symbolischen Betrag zum neuen Eigentümer. Danach beruft die Gesellschafterversammlung den bisherigen Geschäftsführer ab und bestellt einen neuen, häufig eine geschäftlich unerfahrene Person ohne Vermögen. Anschließend zieht der Sitz um: aus der Großstadt in eine Kleinstadt, dann zu einem Büroservice, teilweise ins EU-Ausland. Solche Verlegungen verschieben die Zuständigkeit der Insolvenzgerichte und verzögern Verfahren.
Parallel verschwinden Werte. Warenlager, Fahrzeuge, Kontoguthaben, Domains und Kundendaten gehen an andere Gesellschaften, oft weit unter Wert. Die Geschäftsunterlagen tauchen später nicht mehr auf. Kommt es dann zum Insolvenzantrag, steht einer Forderungssumme im sechs- oder siebenstelligen Bereich kaum noch Masse gegenüber. Der BGH beschreibt diese Kombination aus Geschäftsführerwechsel, Verkauf sämtlicher Anteile, verlorenen Unterlagen und spätem Antrag ohne Vermögen als typisches äußeres Anzeichen.
Ein Rechenbeispiel zeigt die Größenordnung. Eine GmbH hat 800.000 Euro Schulden, 150.000 Euro Warenbestand und 40.000 Euro auf dem Konto. Ein Abwickler bietet die Übernahme für 20.000 Euro an. Kurz nach dem Anteilsverkauf geht das Lager für 30.000 Euro an eine andere Firma, das Konto ist leer, der Sitz liegt in einer anderen Stadt. Im späteren Insolvenzverfahren stehen 2.000 Euro Masse gegen 800.000 Euro Forderungen. Mahnungen und Titel laufen dann ins Leere. Telefon abgeschaltet, Adresse ein Briefkasten, Geschäftsführer nicht erreichbar.
Der BGH nahm den Hintermännern 2025 die Deckung weg
Jahrelang beriefen sich die Drahtzieher darauf, nie nach außen als Geschäftsführer aufgetreten zu sein. Das Landgericht Leipzig folgte dieser Linie und verurteilte einen mehrfach vorbestraften Firmenbestatter lediglich wegen Beihilfe. Der BGH hob das Urteil am 27. Februar 2025 auf (Az. 5 StR 287/24), wie Baker Tilly berichtet. Bei Gesellschaften, die ohnehin nicht mehr am Markt tätig sind, läuft das Kriterium des Außenauftritts leer. Interne Steuerung genügt.
Damit ist der Firmenbestatter Täter von Insolvenzverschleppung und Bankrott, nicht bloß Gehilfe. § 15a InsO verlangt den Insolvenzantrag ohne schuldhaftes Zögern, spätestens drei Wochen nach Zahlungsunfähigkeit und sechs Wochen nach Überschuldung. § 283 StGB stellt das Beiseiteschaffen von Vermögen und Verstöße gegen die Buchführungspflicht unter Strafe. Der eingesetzte Strohgeschäftsführer haftet daneben unverändert weiter.
14 Milliarden Euro fehlen dem Fiskus – hier beginnt das Karussell
Ein Umsatzsteuerkarussell braucht eine Gesellschaft, die Umsatzsteuer kassiert und nie abführt. Fachleute nennen diese Rolle Missing Trader. Die Kette sieht vereinfacht so aus: EU-Lieferant, GmbH A, GmbH B, Händler C. GmbH A kauft innergemeinschaftlich ohne Umsatzsteuer ein und verkauft im Inland mit 19 Prozent weiter. Sie vereinnahmt 119.000 Euro, behält die 19.000 Euro Umsatzsteuer, und GmbH B zieht dieselben 19.000 Euro als Vorsteuer.
Die Dimension ist groß. EU-weit entgehen den Mitgliedstaaten jährlich rund 50 Milliarden Euro durch innergemeinschaftlichen Umsatzsteuerbetrug, für Deutschland kursieren Schätzungen von bis zu 14 Milliarden Euro, wie Rödl & Partner zusammenfasst. Getränke, Fahrzeuge, Elektronik und Kleinteile mit hoher Marge drehen dabei besonders schnell.
An dieser Stelle wird der Firmenbestatter interessant. Die Firmenbestattung erzeugt den Steuergewinn nicht, sie räumt die verbrannte Gesellschaft weg. Geschäftsführer und Gesellschafter werden ausgetauscht, der Sitz wandert, die handelnden Personen verschwinden aus dem Register. Danach übernimmt die nächste GmbH dieselbe Rolle in der Kette.
Ermittler suchen deshalb nach dem wiederkehrenden Ablauf: Gründung oder Übernahme, sehr hohe Umsätze in kurzer Zeit, keine Umsatzsteuerzahlung, Geschäftsführerwechsel, Anteilsübertragung, Sitzverlegung, Insolvenz oder Löschung. Ein einzelner Geschäftsführerwechsel sagt wenig. Die Serie sagt viel.
§ 25f UStG kostet dich den Vorsteuerabzug ohne eigene Tat
Das Finanzamt muss den verschwundenen Missing Trader nicht finden, um Geld zu holen. Nach § 25f UStG entfällt der Vorsteuerabzug, wenn ein Unternehmer wusste oder hätte wissen müssen, dass sein Umsatz zu einer Umsatzsteuerhinterziehung gehört. Dieselbe Vorschrift streicht die Steuerbefreiung für innergemeinschaftliche Lieferungen. Deshalb landet die Rechnung häufig beim Händler in der Mitte der Kette.
Strafrechtlich reicht der Rahmen weit. § 370 AO sieht für Steuerhinterziehung Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren vor, in besonders schweren Fällen sechs Monate bis zehn Jahre. Das Gesetz nennt die bandenmäßige Verkürzung von Umsatzsteuer ausdrücklich als Regelbeispiel.
Zehn Signale, die du vor der ersten Bestellung prüfst
Die meisten Muster stehen offen im Handels- und Unternehmensregister. Ein Abgleich dauert zehn Minuten und kostet fast nichts.
- Die Gesellschaft wurde erst vor wenigen Monaten gegründet oder übernommen.
- Geschäftsführer und Gesellschafter haben in kurzer Folge gewechselt.
- Der Sitz wanderte mehrfach, zuletzt an eine Büroservice-Adresse.
- Unter derselben Anschrift sind auffällig viele Gesellschaften eingetragen.
- Der Geschäftsführer taucht in einer Vielzahl weiterer Firmen auf.
- Jahresabschlüsse fehlen oder liegen mehrere Jahre zurück.
- Die Preise liegen spürbar unter dem Marktniveau.
- Die angebotenen Mengen passen nicht zur Größe des Unternehmens.
- Die Zahlung soll an ein Drittkonto oder ins Ausland gehen.
- Lieferpapiere, Seriennummern oder Herkunftsnachweise fehlen.
Dokumentiere diese Prüfung und hebe sie auf. Bei § 25f UStG geht es um die Frage, was du hättest wissen müssen, und ein datierter Registerauszug ist dafür ein brauchbarer Beleg.
Der Verkauf der GmbH ist kein Radiergummi
Viele Unternehmer glauben, mit der Anteilsübertragung sei die Vergangenheit erledigt. Die Insolvenzantragspflicht entsteht jedoch zu dem Zeitpunkt, an dem Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung eintritt. Wer sie vorher versäumt, Vermögen beiseiteschafft oder die Buchführung schleifen lässt, bleibt dafür verantwortlich. Ein neuer Name im Handelsregister löscht keinen dieser Vorgänge.
Wer 20.000 Euro für die Entsorgung seiner GmbH zahlt, kauft damit keine Ruhe. Er kauft eine Akte bei der Staatsanwaltschaft – und seit dem BGH-Urteil sitzt der Verkäufer dort in derselben Reihe wie der Käufer.




