Ein Kommentar von mir: Ich weiß nicht, worüber ich mehr kotzen soll: über die Fans, die sich am Wochenende vor JP Performance versammelt haben und treudoof hinter dem Frauenschläger Jean Pierre Kraemer stehen, oder über die Kehrtwende, was die angekündigte Schließung seiner Unternehmen angeht.
Inhaltsverzeichnis
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Das ist mal Fakt
Wer Frauen schlägt, hat nirgends etwas zu suchen. Es gibt keinen Grund, häusliche Gewalt zu rechtfertigen, zu entschuldigen, hinzunehmen oder zu relativieren. Deshalb ist für mich auch das Verhalten der Fanboys von JP Performance abscheulich. Und ich frage mich ganz ernsthaft: Welcher Mitarbeitende hat eigentlich Lust, für einen Mann zu arbeiten, der selbst eingeräumt hat, seine Frau geschlagen zu haben? Da wäre meine Haltung ziemlich stabil. Ich würde kündigen. Aber die Szene scheint da teilweise anders und, ja, ziemlich ekelhaft gepolt zu sein. Bah. Widerwärtig.
WE & Kehrtwende bei JP Performance
Aber zunächst zu den Fakten . Am Wochenende hatten sich zahlreiche JP-Fans vor dem Firmenhauptsitz in Dortmund versammelt, um Kraemer ihre Loyalität und Unterstützung zu zeigen. Laut Polizei waren es rund 500 Menschen. Das alles geschah, obwohl Kraemer zu diesem Zeitpunkt bereits selbst eingeräumt hatte, gegenüber seiner Noch-Ehefrau gewalttätig geworden zu sein. Eine Mitorganisatorin der Aktion erklärte zwar, Gewalt sei „absolut nicht in Ordnung“, schob dann aber hinterher, es gebe „immer zwei Seiten“. Genau da fängt die Widerwärtigkeit an.
Unmittelbar danach kam dann das Instagram-Posting: Doch nicht alle Buden bleiben geschlossen. Mehrere Unternehmen sollen wieder öffnen. Big Boost Burger, PACE, CARFFEE und Time Attack sollen den Betrieb wieder aufnehmen. Mitarbeiter und Management hätten sich nach „intensiver Abstimmung mit JP“ dazu entschieden. Als Begründung wird unter anderem die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden und deren Familien genannt.
Wie verlogen ist das denn bitte?
Um es auf den Punkt zu bringen: Natürlich ist es scheiße, wenn die Mitarbeitenden plötzlich wegen des Fehlverhaltens ihres Chefs vor dem Aus stehen. Natürlich können sie nichts dafür, wenn ihr Arbeitgeber sich gegenüber seiner Ehefrau gewalttätig verhält. Aber zu verurteilen ist in diesem Zusammenhang nur einer: der Chef. Er ist schuld an der Situation und kein anderer. Nicht die Öffentlichkeit, nicht die Presse, nicht die Geschäftspartner, die Konsequenzen ziehen, und erst recht nicht das Opfer, also seine Noch-Ehefrau.
Was für abstoßende Charaktere müssen Menschen eigentlich haben, die hier ernsthaft versuchen, eine Täter-Opfer-Umkehr zu konstruieren und der Frau die Schuld an den Folgen in die Schuhe zu schieben? Wer in so einer Situation anfängt, das Opfer dafür verantwortlich zu machen, dass ein Unternehmen Schaden nimmt, weil das Verhalten des Täters öffentlich geworden ist, der hat den moralischen Kompass komplett verloren. Ihr seid keinen Deut besser als derjenige, dessen Verhalten ihr relativieren und schönreden wollt. Keinen.
Die Mitarbeitenden, aber sind sie alle unschuldig?
Trotzdem muss man natürlich auch über die Mitarbeitenden sprechen. Nicht, weil sie für Kraemers Verhalten verantwortlich wären. Das sind sie nicht. Aber wenn ein ganzes Firmengeflecht derart auf eine einzelne Person zugeschnitten ist, dann besteht nun einmal ein enormes Klumpenrisiko. JP Performance war nicht irgendeine anonyme Firma. JP Performance war und ist in der Außenwirkung Jean Pierre Kraemer. Sein Gesicht, seine Reichweite, seine Videos, seine Person, sein Privatleben und sein Auftreten waren über Jahre untrennbar mit den Unternehmen verbunden.
Und ganz ehrlich: Wenn irgendwann sogar ein Video aus einer Firmenhalle auftaucht und Vorwürfe über längere Zeit im Raum stehen, dann darf man zumindest die Frage stellen, was im Umfeld bekannt war und wie damit umgegangen wurde. Ich würde mich sehr dafür interessieren, ob es im Unternehmen vorher Anzeichen, Gespräche oder Wissen über problematisches Verhalten gab. Das weiß ich nicht, deshalb will ich das auch nicht behaupten. Aber genau diese Frage muss erlaubt sein. Denn Zivilcourage beginnt nicht erst dann, wenn ein Skandal öffentlich wird und die Kameras vor der Tür stehen.
Nur: Was wäre denn jetzt eigentlich der richtige Weg?
Die Firmen und damit auch die Arbeitsplätze der Mitarbeitenden können selbstverständlich gerettet werden. Warum übernehmen die Mitarbeitenden die Unternehmen nicht selbst? Zum Beispiel über eine Mitarbeitergesellschaft, einen Management-Buy-out oder eine Genossenschaft. Warum muss ein Mann, dessen eigenes Verhalten die ganze Krise ausgelöst hat, zwingend weiterhin wirtschaftlich an diesen Unternehmen beteiligt sein und daran verdienen?
Das wäre doch einmal eine klare Haltung: Wir retten die Arbeitsplätze. Wir retten die Unternehmen. Wir lassen nicht 80 Menschen für das Fehlverhalten ihres Chefs bezahlen. Aber wir sorgen gleichzeitig dafür, dass derjenige, der die Krise verursacht hat, nicht einfach nach einer kurzen Auszeit wieder wirtschaftlich davon profitiert, als sei nichts gewesen.
Und auch ganz klar: Die Sache ist keine reine Privatsache.
Wer wie ein Weltmeister sein Privatleben öffentlich zelebriert, die Hochzeit öffentlich macht, Beziehungen, Familie und persönliche Geschichten als Teil seiner eigenen Marke nutzt, der darf sich nicht nur in guten Zeiten öffentlich abfeiern lassen. Wer mit seinem Gesicht, seiner Persönlichkeit und seinem Privatleben Reichweite und am Ende auch Geld verdient, der muss es hinnehmen, dass offensichtliche massive Fehltritte ebenfalls öffentlich diskutiert und auch abgestraft werden.
Niemand hat Anspruch auf jedes private Detail eines Menschen. Darum geht es nicht. Aber häusliche Gewalt wird nicht dadurch zur Privatsache, dass der Täter prominent ist. Und sie wird erst recht nicht zur Privatsache, wenn der Täter selbst wesentliche Teile seines Verhaltens eingeräumt hat.
Was mich an der ganzen Sache fast noch mehr ankotzt als die wirtschaftliche Kehrtwende, ist deshalb die Reaktion eines Teils der Fans. Da versammeln sich Hunderte Menschen vor einem Unternehmen und bekunden ihre Loyalität. Andere jubeln anschließend über die Wiedereröffnung der Betriebe. Und immer wieder schwingt dieses widerliche „Man kennt ja nicht beide Seiten“ mit.
Doch. Für einen Punkt braucht man nicht beide Seiten. Man schlägt seine Frau nicht.
Stabil sind die Fanboy-Deppen nicht
Da gibt es nichts zu relativieren. Keine Vorgeschichte, die das rechtfertigt. Keine Provokation. Keine Fanboy-Erklärung. Keine Tuning-Ausnahme und keine Promi-Ausnahme. Und genau deshalb bedrückt mich auch der Umstand, dass sich die öffentliche Abstrafung bislang in erstaunlich engen Grenzen hält. Das lässt tief in Teile dieser Szene blicken. Wenn das eigene Idol Scheiße baut, zeigt sich eben, ob Menschen tatsächlich Werte haben oder ob diese Werte genau so lange gelten, bis sie dem eigenen Helden im Weg stehen.
Natürlich wünsche ich keinem Mitarbeitenden, dass er seinen Arbeitsplatz verliert. Im Gegenteil. Die Firmen sollen weiterlaufen. Die Arbeitsplätze sollen erhalten bleiben. Von mir aus sollen das Museum, die Gastronomie und die übrigen Betriebe morgen wieder öffnen. Aber dafür braucht es Jean Pierre Kraemer nicht zwingend als wirtschaftlichen Profiteur.
Haltung zeigen
Wenn es tatsächlich um die Verantwortung für die Mitarbeitenden geht, dann sollte man jetzt genau darüber reden. Über neue Eigentümerstrukturen. Über eine Trennung von Person und Unternehmen. Über einen Verkauf. Über eine Mitarbeiterbeteiligung. Über eine Genossenschaft. Das wäre Verantwortung.
Ein paar Tage nach der Ankündigung, alles dichtzumachen, plötzlich von Verantwortung für die Mitarbeitenden zu reden und nach „intensiver Abstimmung mit JP“ mehrere Betriebe wieder zu öffnen, wirkt auf mich dagegen vor allem wie eines: verdammt verlogen.
Und die Fanboys, die jetzt weiter jubeln, relativieren, erklären und im schlimmsten Fall sogar versuchen, dem Opfer die Schuld an den Folgen zu geben, sollten sich vielleicht einmal fragen, was zur Hölle eigentlich mit ihnen nicht stimmt.
Bah. Widerwärtig.




