Drei Monate nach dem Ende der Zollfreigrenze meldet der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (bevh) für Shein, Temu und AliExpress ein Umsatzminus von 35,5 Prozent. Der Marktanteil der drei Plattformen in Deutschland fällt laut bevh-Mitteilung vom 8. Oktober 2026 von 5,3 auf 3,1 Prozent. Der Verband spricht von erstmals belastbaren Zahlen und erklärt, hiesige Anbieter hätten von der Schwäche nicht profitiert. Die Tabelle in derselben Mitteilung zeigt jedoch: Ohne die drei Plattformen wächst der Markt rechnerisch um 4,8 Prozent.
Inhaltsverzeichnis
- Ende der Zollfreigrenze: 311 Millionen Euro fehlen
- 40.000 Befragte, keine Kassendaten: Die Methode hat Grenzen
- 4,9 statt 5,3 Prozent: Der Vergleich mit dem Frühjahr hinkt
- Minus 60 Prozent Pakete: Zolldaten stützen die Richtung
- Plus 824 Millionen Euro: Der übrige Markt wächst schneller
- 3,0 statt 3,3 Prozent: Der Inflationsvergleich nutzt nur den September
- Im Juli hieß es noch: Der Zoll wird wenig anhaben
- 80 Prozent aus EU-Lagern: Was das Ende der Zollfreigrenze nicht erklärt
- 5 Euro ab November: Das Weihnachtsquartal wird zum Test
- Ein Quartal ohne Zollfreigrenze ist kein Trend: Drei Fragen bleiben offen
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Ende der Zollfreigrenze: 311 Millionen Euro fehlen
Der bevh beziffert den Onlinehandel mit Waren im dritten Quartal 2026 auf 18,47 Milliarden Euro. Das sind 2,9 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Die Angaben enthalten die Umsatzsteuer und sind nicht inflationsbereinigt. Auf Shein, Temu und AliExpress entfallen davon 566 Millionen Euro. Gegenüber dem Vorjahr ist das ein Rückgang von 35,5 Prozent oder rund 311 Millionen Euro.
Als Ursache nennt der Verband die Verteuerung von Kleinsendungen. Seit dem 1. Juli 2026 gilt die Zollfreigrenze von 150 Euro nicht mehr. Stattdessen erhebt der Zoll laut Bundesfinanzministerium pauschal 3 Euro je Warenkategorie in einer Sendung. Zehn Paar Socken kosten demnach einmal 3 Euro. Socken, Kabelbinder und Hosen in einem Paket kosten dagegen 9 Euro. bevh-Hauptgeschäftsführerin Alien Mulyk erklärt, die höheren Abgaben setzten den margenschwachen Niedrigpreisprodukten aus Asien deutlich zu.
Wie stark die Pauschale wirkt, hängt am Warenkorb. Ein Artikel für 10 Euro netto kostete bisher mit Einfuhrumsatzsteuer 11,90 Euro. Mit Pauschalzoll sind es 15,47 Euro, weil die Steuer auch auf den Zoll anfällt. Das ist ein Aufschlag von 30 Prozent. Bei 20 Euro Warenwert sinkt der Aufschlag auf 15 Prozent. Dieses Beispiel unterstellt allerdings, dass die Plattform die Abgabe vollständig weitergibt. Ob sie das tut, erfasst die Erhebung nicht.
40.000 Befragte, keine Kassendaten: Die Methode hat Grenzen
Die Zahlen stammen aus der wöchentlichen Verbraucherbefragung des bevh zum interaktiven Handel. Die BEYONDATA GmbH befragt dafür über das Jahr 40.000 Privatpersonen ab 14 Jahren zu ihren Ausgaben. Verteilt sich die Stichprobe gleichmäßig, entfallen rund 10.000 Interviews auf ein Quartal. Die aktuelle Auswertung deckt den Zeitraum vom 1. Juli bis 30. September ab.
Die Studie misst also erinnerte Ausgaben. Transaktionsdaten der Plattformen fließen nicht ein. Eigene Quartalsumsätze für Deutschland weisen Shein, Temu und AliExpress nicht aus, deshalb fehlt eine Gegenprobe. Zudem nennt der bevh weder Fallzahlen für die drei Plattformen noch eine Fehlerspanne. Bei einem Teilmarkt von 3 Prozent fällt die Teilstichprobe entsprechend klein aus. Die endgültigen Jahresergebnisse legt der Verband erst Anfang 2027 vor.
Hinzu kommt die Rolle des Absenders. Der bevh vertritt Onlinehändler in Deutschland und fordert in derselben Mitteilung eine stärkere Marktüberwachung durch die EU. Die Daten bleiben dennoch verwertbar. Die Deutung verdient jedoch eine Prüfung.
4,9 statt 5,3 Prozent: Der Vergleich mit dem Frühjahr hinkt
Der bevh stellt dem Marktanteil von 3,1 Prozent den Rekordwert von 5,3 Prozent aus dem zweiten Quartal gegenüber. Dieser Vergleich mischt zwei Effekte. Erstens ist das dritte Quartal im Onlinehandel regelmäßig schwächer: Der Gesamtmarkt fiel vom zweiten zum dritten Quartal 2026 von 21,19 auf 18,47 Milliarden Euro. Zweitens lag das zweite Quartal direkt vor dem Ende der Zollfreigrenze. Die asiatischen Plattformen wuchsen damals laut bevh-Mitteilung vom 6. Juli um mehr als 20 Prozent. Vorgezogene Käufe vor dem 1. Juli sind daher möglich, die Befragung weist sie aber nicht aus. Außerdem bezog der Verband die 5,3 Prozent im Juli auf Temu, Shein, AliExpress und weitere Anbieter aus Asien. Ob beide Werte gleich abgegrenzt sind, erläutert er nicht.
Aussagekräftiger ist deshalb der Vorjahresvergleich. Aus 566 Millionen Euro und minus 35,5 Prozent ergibt sich für das dritte Quartal 2025 ein Umsatz von rund 878 Millionen Euro. Das entsprach einem Marktanteil von 4,9 Prozent. Der Anteil sinkt somit binnen eines Jahres um 1,8 Prozentpunkte. Gegenüber dem Frühjahr sind es 2,2 Punkte.
| Kennzahl | Q3 2025 | Q3 2026 | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Onlinehandel mit Waren gesamt | 17.960 | 18.473 | +2,9 % |
| Shein, Temu, AliExpress | rund 878* | 566 | −35,5 % |
| Übriger Markt | rund 17.083* | rund 17.907* | +4,8 %* |
| Marktanteil der drei Plattformen | 4,9 %* | 3,1 % | −1,8 Punkte* |
Minus 60 Prozent Pakete: Zolldaten stützen die Richtung
Zwei weitere Quellen stützen zumindest die Richtung. Ein Arbeitspapier der EU-Kommission weist für Juli 60 Prozent weniger eingeführte Pakete aus, wie Wortfilter am 9. Oktober berichtete . Zudem meldet Börse Express unter Verweis auf die französische Zollbehörde, die Einfuhr kleiner Pakete sei im Juli gegenüber Juni um 30 bis 40 Prozent gesunken. Temu habe 50 Prozent verloren, AliExpress 37 Prozent und Shein 15 Prozent. Beide Quellen zählen allerdings Pakete und keinen Umsatz. Die französischen Werte vergleichen außerdem mit dem letzten Monat mit Zollfreigrenze, und der Bericht verlinkt die Primärquelle nicht.
Plus 824 Millionen Euro: Der übrige Markt wächst schneller
Die Mitteilung enthält eine Aussage, die ihre eigene Tabelle nicht trägt. Laut Mulyk sinken mit Temu und Shein auch die Umsätze im Gesamtmarkt, und hiesige Anbieter hätten von der Schwäche nicht profitiert. Die Tabelle weist für den Gesamtmarkt jedoch ein Plus von 513 Millionen Euro aus.
Zieht man die drei Plattformen ab, verschiebt sich das Bild. Sie verlieren rund 311 Millionen Euro. Der übrige Markt gewinnt dagegen rund 824 Millionen Euro und wächst um 4,8 Prozent. Im zweiten Quartal kam er nach derselben Rechnung auf höchstens 4,4 Prozent. Folglich hat sich das Wachstum außerhalb der drei Plattformen nicht abgeschwächt. Der Rückgang der Gesamtrate von 5,1 auf 2,9 Prozent geht rechnerisch auf Shein, Temu und AliExpress zurück: Im Frühjahr trugen sie rund einen Prozentpunkt zum Wachstum bei, im Sommer zogen sie 1,7 Punkte ab.
Ob der Zuwachs aus abgewanderter Nachfrage stammt, lässt sich aus den Daten nicht ableiten, denn der bevh veröffentlicht keine Wanderungsanalyse. Gegen eine Verlagerung spricht, dass Medikamente (plus 15,4 Prozent), Drogerie (plus 14,3 Prozent) und Lebensmittel (plus 9,1 Prozent) zusammen 259 Millionen Euro beisteuern. Bei Medikamenten liegt ein Zusammenhang mit Temu fern. Für eine Verlagerung spricht dagegen die Mode. Im Frühjahr entfielen laut bevh mehr als 16 Prozent der Online-Modebestellungen auf die asiatischen Anbieter. Trotz deren Rückgang wächst Bekleidung nun um 4,9 Prozent nach 4,7 Prozent im Vorquartal, Schuhe legen um 6,4 Prozent zu. Die Aussage, hiesige Anbieter hätten nicht profitiert, belegt die Mitteilung somit nicht.
3,0 statt 3,3 Prozent: Der Inflationsvergleich nutzt nur den September
Der Inflationsvergleich des Verbands braucht eine Fußnote. Der bevh misst das Quartalswachstum an der Rate für September. Destatis meldet dafür vorläufig 3,3 Prozent. Im Juli waren es 2,8 und im August 2,9 Prozent, im Mittel des Quartals also 3,0 Prozent. Der Gesamtmarkt liegt mit 2,9 Prozent damit nur knapp darunter. Zudem treibt Energie mit plus 14,9 Prozent die Rate, während die Kerninflation 2,4 Prozent beträgt. Einen Preisindex für online gekaufte Waren nennt der bevh nicht.
Im Juli hieß es noch: Der Zoll wird wenig anhaben
Die Einschätzung des Verbands hat sich binnen drei Monaten gedreht. Am 6. Juli, wenige Tage nach dem Wegfall der Zollfreigrenze, sagte Alien Mulyk zur neuen Pauschale: „Billigimporten aus Asien wird die Abgabe wenig anhaben.“ Sie begründete das damit, dass die Anbieter eigene Logistik in Europa aufbauen und Ware gebündelt im Container statt im Einzelpaket einführen. Nun führt dieselbe Hauptgeschäftsführerin den Rückgang auf diese Abgabe zurück. Die Mitteilung vom Oktober erwähnt die frühere Prognose nicht.
80 Prozent aus EU-Lagern: Was das Ende der Zollfreigrenze nicht erklärt
Für die Ursachenfrage ist diese Kehrtwende relevant. Der Preismechanismus ist plausibel, wie das Rechenbeispiel zeigt. Belegt ist der Zusammenhang damit aber noch nicht, denn die Befragung erfasst Ausgaben und keine Kaufmotive. Andere Erklärungen bleiben deshalb offen. Dazu zählen vorgezogene Käufe im Frühjahr und die vom bevh selbst genannte Konsumstimmung. Hinzu kommt der Umbau der Plattformen, den Mulyk im Juli selbst anführte: Temu verlagert laut Börse Express seit Juli rund 80 Prozent seiner Bestellungen in Lager innerhalb der EU. Für Ware, die als Sammelimport in ein EU-Lager geht, gilt der reguläre Zolltarif und keine Paketpauschale. Je weiter dieser Umbau fortschreitet, desto weniger erklärt der Zoll auf Einzelpakete die Umsätze von Temu.
Eine weitere Unschärfe betrifft die Messgröße. Der Umsatz enthält, was Kunden bezahlen. Gibt eine Plattform die Pauschale weiter, steckt sie also im gemessenen Umsatz. Die Zahl der Bestellungen wäre dann stärker gesunken als 35,5 Prozent. Trägt die Plattform die Abgabe selbst, sinkt stattdessen ihre Marge. Welche Variante gilt, lässt die Mitteilung offen.
5 Euro ab November: Das Weihnachtsquartal wird zum Test
Die nächste Stufe steht fest. Ab dem 1. November kommt eine Bearbeitungsgebühr von 2 Euro je Warenposition hinzu, wie Logistik Heute unter Berufung auf dpa berichtet. Zahlen sollen sie die Plattformen, erheben sollen sie die nationalen Behörden. Zusammen mit dem Pauschalzoll ergeben sich somit 5 Euro je Position. Die Gebühr kennt zudem keine Wertgrenze, wie die Wortfilter-Analyse zur EU-Zollreform zeigt. Der Pauschalzoll selbst ist als Übergangslösung bis zum 1. Juli 2028 befristet.
Für deine Planung ergeben sich daraus drei Punkte. Erstens taugt ein einzelnes Quartal aus einer Befragung nicht als Grundlage für Sortiment oder Preise. Zweitens bleibt der Wettbewerb bestehen, denn Verkäufer mit EU-Lager zahlen keine Paketpauschale und liefern schneller. Drittens lohnt der Blick in die Versendertabelle. Marktplätze wachsen um 5,0 Prozent, Herstellerversender um 4,2 Prozent und Multichannel-Händler um 2,5 Prozent. Reine Onlineshops einschließlich Versandapotheken und Shoppingclubs verlieren dagegen 0,8 Prozent, nach plus 3,8 Prozent im Frühjahr. Welcher Gruppe der bevh Shein, Temu und AliExpress zuordnet, steht nicht in der Mitteilung. Ohne diese Angabe bleibt offen, wie stark Amazon, eBay, Otto oder Kaufland tatsächlich zugelegt haben.
Ein Quartal ohne Zollfreigrenze ist kein Trend: Drei Fragen bleiben offen
Gesichert ist die Richtung. Befragung und Zolldaten zeigen für den Sommer weniger Geschäft der drei Plattformen. Offen sind dagegen drei Fragen. Hält der Rückgang an, wenn vorgezogene Käufe verdaut sind? Welchen Anteil hat der Zoll, welchen der Umbau auf EU-Lager? Und wohin fließt das Geld, das Kunden nicht mehr bei Temu, Shein und AliExpress ausgeben?
Antworten liefert frühestens das vierte Quartal. Es ist das zweite ohne Zollfreigrenze und bringt Black Friday, Weihnachtsgeschäft und die neue Gebühr. Die Jahreszahlen legt der bevh Anfang 2027 vor. Bis dahin gilt: Die Tabelle des Verbands stützt den Rückgang bei Temu, Shein und AliExpress. Den Satz, hiesige Händler hätten davon nichts, stützt sie nicht.




