Ein gemeinnütziger Marktplatz aus Bamberg will Amazon, eBay und Kleinanzeigen Konkurrenz machen – mit 45.000 € aus der Crowd. Die Initiative „der bessere Marktplatz“ startet am 19. November 2026 ihre Kampagne auf Startnext . Sie verspricht Onlinehändlern höchstens 5 % oder 5 € Gebühr pro Verkauf, eine Suche ohne bezahlte Plätze und keine Abos. Allerdings endet das Budget selbst in der höchsten Stufe bei 200.000 €. Dieser Beitrag prüft Team, Gebührenmodell und Finanzierung.
Inhaltsverzeichnis
- Gemeinnütziger Marktplatz ohne Firma: Wer dahintersteht
- 5 % oder 5 €: So wenig sollen Onlinehändler zahlen
- Vier Stufen, 200.000 € Deckel: Werbung kommt zuletzt
- 100 % Bonus: Unterstützer kaufen Guthaben statt Anteile
- Henne-Ei-Problem: Günstige Gebühren füllen keinen Marktplatz
- Kommentar: Dieser Marktplatz ist eine Totgeburt
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Gemeinnütziger Marktplatz ohne Firma: Wer dahintersteht
Hinter dem Projekt steht bislang kein Unternehmen. Das Impressum der Projektseite beschreibt den Marktplatz als „private Initiative“. Die Gründung soll erst im Rahmen der Schwarmfinanzierung (Crowdfunding) folgen. Verantwortlich zeichnet Dr. Paul Alvarez Löblich aus Bamberg. Auf Startnext erscheint zudem Katharina Alvarez Löblich als Teammitglied. Die Kampagne beschreibt das Team als kleine Gruppe aus Händlern, Herstellern, Programmierern, Designern, Webentwicklern und Psychologen. Weitere Namen oder Referenzen nennt sie nicht. Konkrete Angaben zum Entwicklungsstand fehlen ebenfalls.
Auch der Begriff „gemeinnützig“ bleibt offen. Die Kampagne nennt weder eine Rechtsform noch eine Anerkennung durch das Finanzamt nach der Abgabenordnung (§§ 51 ff. AO). Stattdessen beschreibt sie ein Prinzip: keine Aktionäre, keine Investoren, kostendeckender Betrieb. Überschüsse will das Team vollständig in die Plattform reinvestieren. Damit ist die Gemeinnützigkeit bislang eine Selbstverpflichtung, die das Team in einem öffentlichen Verhaltenskodex festhält.
5 % oder 5 €: So wenig sollen Onlinehändler zahlen
Das Gebührenmodell ist der Kern des Angebots: Ein gemeinnütziger Marktplatz soll günstiger sein als die etablierten Plattformen. Private Nutzer zahlen nichts. Gewerbliche Anbieter zahlen laut Projektbeschreibung nur bei erfolgtem Verkauf:
- bis 2 € Warenwert: nur die Kosten der Zahlungsabwicklung
- 2 € bis 100 €: 5 %
- ab 100 €: höchstens 5 € pro Transaktion
- Anzeigen ohne Zahlungsabwicklung: 2 € im Monat für Dienstleistungen und Kraftfahrzeuge, 5 € für Immobilien
Ein Artikel für 40 € kostet demnach 2 € Gebühr. Ein Artikel für 600 € kostet 5 € – das entspricht 0,83 %. Langfristig will die Initiative die Gebühr auf 2 % und höchstens 4 € pro Transaktion senken. Allerdings wirbt die Kampagne zugleich damit, grundsätzlich keine umsatzabhängigen Gebühren zu erheben. Die 5 % zwischen 2 € und 100 € hängen jedoch am Verkaufspreis. Zudem kommen Kosten für Drittanbieter hinzu, etwa für die Zahlungsabwicklung.
Auch der Funktionsumfang ist breit angelegt. Händler sollen Angebote mit wenigen Klicks von eBay und Kleinanzeigen importieren, möglicherweise auch von Etsy und Amazon. Außerdem plant das Team eine Synchronisation der Lagerbestände mit eBay und WooCommerce, Schnittstellen zu Versanddiensten und Buchhaltung sowie die Bezahlverfahren Wero und digitaler Euro. Bezahlte Plätze in der Suche und Paketabos schließt die Initiative aus. Ebenso sollen Dropshipper draußen bleiben, die aus Fernost versenden und sich nicht an lokale Gesetze halten.
Vier Stufen, 200.000 € Deckel: Werbung kommt zuletzt
Die Kampagne läuft vom 19. November 2026 bis zum 8. April 2027. Den Betrieb plant das Team für Sommer 2027. Das Budget gliedert sich in vier Stufen. Mit 45.000 € will die Initiative die Entwicklung von Webanwendung und App vollenden. Bei 80.000 € kommen weitere Funktionen und die laufenden Kosten des ersten Jahres hinzu. 125.000 € sollen die Entwicklung beschleunigen. Erst die vierte Stufe von 200.000 € sieht eine Online-Werbekampagne vor.
Das Geld fließt laut Kampagne in Programmierung, technische Infrastruktur, Personal, Rechtsberatung und Rücklagen. Zwischen der dritten und der vierten Stufe liegen 75.000 €. Für Reichweite stehen damit selbst im besten Fall höchstens 75.000 € bereit. Die ersten drei Stufen enthalten dagegen kein Werbebudget.
100 % Bonus: Unterstützer kaufen Guthaben statt Anteile
Wer die Kampagne unterstützt, erhält keine Beteiligung. Stattdessen schreibt die Initiative jeden Betrag als Guthaben für spätere Gebühren gut. Frühe Unterstützer bekommen 100 % Aufschlag: Aus 1.000 € werden 2.000 € Guthaben. Das Guthaben verfällt nicht und lässt sich auf andere Nutzer übertragen. Ab 250 € entfällt für gewerbliche Anbieter zudem die Gebühr für die Einstufung als geprüfter Händler.
Rechnerisch verkauft die Plattform damit ihre künftigen Einnahmen im Voraus. 2.000 € Guthaben entsprechen bei 5 € Höchstgebühr mindestens 400 Verkäufen ohne Erlös für den Betreiber. Für dich als Onlinehändler gilt außerdem: Das Guthaben hat nur einen Wert, wenn der Marktplatz startet und Käufer findet. Bis dahin ist der Beitrag eine Vorauszahlung.
Henne-Ei-Problem: Günstige Gebühren füllen keinen Marktplatz
Die Plattformökonomie beschreibt Marktplätze als zweiseitige Märkte. Händler kommen, wenn Käufer da sind – und Käufer kommen, wenn das Angebot stimmt (indirekte Netzwerkeffekte). Niedrige Gebühren wirken zunächst nur auf der Anbieterseite. Deshalb entscheidet die Käuferseite über den Erfolg. Für Käufer nennt die Kampagne eine Suche ohne Manipulation, geprüfte Händler aus Deutschland und Europa sowie eine Übersicht über Käufe, Rechnungen und Fristen. Einen Käuferschutz mit Erstattung beschreibt sie nicht, wohl aber Unterstützung im Betrugsfall.
Ein Preisvorteil für Käufer entsteht zudem nur, wenn Händler die gesparte Gebühr weitergeben. Dagegen ist das Risiko für Anbieter gering: Der Import senkt den Aufwand, und Kosten fallen erst beim Verkauf an. Händler können den Marktplatz daher parallel zu Amazon und eBay bespielen (Multihoming). Offen bleibt, woher die Nachfrage kommt.
Kommentar: Dieser Marktplatz ist eine Totgeburt
Das Projekt ist eine Totgeburt. Mit 45.000 € entwickelt niemand einen funktionierenden Marktplatz mit App, Zahlungsabwicklung, Schnittstellen und Betrugsabwehr – auch nicht mit 200.000 €. Vor allem aber lässt sich mit diesem Budget kein Marktplatz bekannt machen. Die Frage ist immer dieselbe: Was kann er besser als Amazon & Co.? Niedrige Gebühren sind eine Antwort für Händler, aber kein Käufer wechselt wegen der Kosten seines Verkäufers die Plattform. Und wenn Händler einen Marktplatz entwickeln, fehlt oft der Fokus auf den Kunden. Auch dieses Projekt ist aus dem Frust von Anbietern entstanden. Ein Marktplatz ohne Käufer ist nur eine Datenbank voller Angebote.




