Die Steuerfahndung Chemnitz nimmt 2015 einen Onlinehändler ins Visier, der seit 18 Jahren Kameras, Fernseher und später Parfüm verkauft. Drei Jahre später holen Ermittler Patrick Strauch vom Frühstückstisch ab und bringen ihn in eine Zelle der JVA Zwickau. Neun Monate bleibt er dort, seine Firma ixxpixx mit zehn Beschäftigten geht in die Insolvenz. Im Dezember 2022 spricht das Landgericht Chemnitz ihn und vier weitere Angeklagte frei. Jetzt verklagt er den Freistaat Sachsen auf 4,4 Millionen Euro – und erzählt auf Facebook, was in der Zelle passiert ist.
Inhaltsverzeichnis
- Vom Kamera-Shop zum Großhändler: 18 Jahre ixxpixx
- 2015: Die Steuerfahndung kommt – wegen der Lieferanten
- April 2018: Vom Frühstückstisch in die Zelle
- Durchsuchung in der Zelle: Verteidigungsunterlagen auf dem Bett fotografiert
- „Aus dem Gefängnis heraus musste ich einen Insolvenzantrag stellen“
- 15. Dezember 2022: Freispruch für alle fünf Angeklagten
- 4,4 Millionen Euro: Fünf Kläger gegen den Freistaat Sachsen
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Vom Kamera-Shop zum Großhändler: 18 Jahre ixxpixx
Patrick Strauch gehört zur ersten Generation deutscher Onlinehändler. Im Jahr 2000 gründet er in Chemnitz sein Handelsgeschäft, 2003 erscheint ixxpixx.de erstmals im Internet-Archiv. Der Shop verkauft Digitalkameras, Camcorder, Objektive, Navigationsgeräte, Car-HiFi, LCD-Fernseher und Notebooks – Vorkasse, Nachnahme oder Abholung in der Zschopauer Straße 202, dazu ein Trusted-Shops-Siegel. In Testberichten aus dieser Zeit gilt ixxpixx als Preisbrecher hinter Redcoon und maxx-store.
Ab 2006 führt Strauch das Geschäft als eingetragener Kaufmann (ixxpixx e.K., Amtsgericht Chemnitz HRA 5664). Um 2011 verlagert er den Schwerpunkt vom Endkundenshop auf den Großhandel. Unter der Marke „tradegalaxy – The German Lifestyle Distribution“ handelt die Firma mit Elektronikposten von Alpine, Apple, Bosch, Canon, Garmin oder Sony und mit Parfüm und Kosmetik von Hugo Boss, Chanel, Dior, Gucci und Lancôme. Daneben läuft die kleine Kosmetikmarke „blumenmädchen“.
Im August 2013 gliedert Strauch das gesamte Handelsgeschäft in die ixxpixx Handels GmbH & Co. KG aus (HRA 7732), Unternehmensgegenstand „Großhandel mit Heimelektronik“. Komplementärin ist die ixxpixx Verwaltungs GmbH, Geschäftsführer Patrick Strauch. Die Firma beschäftigt laut Strauch zehn Mitarbeiter. Jahresabschlüsse liegen für 2013 bis 2016 im Bundesanzeiger.
2015: Die Steuerfahndung kommt – wegen der Lieferanten
2015 geraten der Geschäftsführer und mehrere Mitarbeiter ins Visier der Steuerfahndung beim Finanzamt Chemnitz-Süd, wie die Freie Presse berichtet. Der Vorwurf: Umsatzsteuerbetrug und „kriminelle Preisabsprachen“. Die Ermittler fordern Steuernachzahlungen in Millionenhöhe. Nach Strauchs Darstellung gegenüber MDR Sachsen ist seine Firma wegen krimineller Lieferanten in den Fokus geraten. Sein Satz dazu: „Doch wir hatten damit nichts zu tun.“
Die Ermittlungen laufen über Jahre. Nach Angaben des Klägers wird Interpol eingeschaltet, Ermittler reisen ins Ausland. Die Akten umfassen laut seinem Anwalt Manfred Zipper, Fachanwalt für Strafrecht, mehrere zehntausend Seiten und Datensätze von mehreren Gigabyte. Steuerfahnder durchsuchen Geschäftsräume und Wohnungen.
April 2018: Vom Frühstückstisch in die Zelle
Im April 2018 wird Patrick Strauch verhaftet. Auf Facebook beschreibt er den Tag: „Wenige Stunden vorher saß ich noch zu Hause am Frühstückstisch, mit meiner Partnerin und meinem kleinen Hund.“ Die Untersuchungshaft verbringt er in der JVA Zwickau, in einer über 100 Jahre alten Zelle. Er schätzt sie auf zehn Quadratmeter: „dunkel, schmutzig, zentimeterdicker schwarzer Dreck an Decken und Rohren“.
Ein Fenster gibt es nicht, nur ein vergittertes Loch von etwa 80 mal 40 Zentimetern unter der Decke. Die Stahltür bleibt nach seiner Schilderung fast 24 Stunden am Tag verschlossen. Dahinter eine Toilette, „die einer alten Schultoilette aus den 1950er-Jahren glich“, ein Tisch, ein Schrank, ein Stahlbett mit dünner Decke. Telefonieren ist ihm verboten. Das Foto der Zelle, das er heute veröffentlicht, stammt aus den Ermittlungsakten – aufgenommen von einem Chemnitzer Steuerfahnder.
Strauch ist nicht allein. Sein Mitarbeiter Frank Elitz steht später mit ihm vor Gericht, weitere Beschäftigte sitzen nach Angaben des Anwalts teils über viele Monate in Untersuchungshaft. Strauch selbst bleibt neun Monate.
Durchsuchung in der Zelle: Verteidigungsunterlagen auf dem Bett fotografiert
Während der Haft durchsucht die Steuerfahndung Chemnitz auch seine Zelle. Zwei Beamte, die Strauch mit den Initialen D. S. und R. D. nennt, führen die Durchsuchung durch. Er muss sich nackt ausziehen, wird körperlich durchsucht, der Inhalt seiner Hosentaschen wird beschlagnahmt. Anschließend wird die Zelle auf den Kopf gestellt, während er davor wartet.
Dann folgt die Szene, die er heute in den Mittelpunkt stellt. Einer der Beamten blättert auf dem Bett in Papieren, die sichtbar als Verteidigungsunterlagen gekennzeichnet sind, und fotografiert sie „seitenweise mit seinem Handy“. Strauch protestiert lautstark – nach seiner Darstellung ohne Folgen. Er verweist darauf, dass der Schriftverkehr zwischen Anwalt und Mandant gesetzlich besonders geschützt ist. Die Beamten beschlagnahmen zudem Familienfotos, Briefe und Erinnerungsstücke, die ihm seine Familie über Wochen per Post geschickt hatte und die die Staatsanwaltschaft bereits kontrolliert hatte. Das handschriftliche Protokoll der Beschlagnahme zeigt er als zweites Bild.
Das für Sachsens Finanzämter zuständige Landesamt für Steuern und Finanzen äußert sich gegenüber MDR Sachsen nicht zu den Vorwürfen: Wegen des laufenden Verfahrens könne derzeit keine Auskunft gegeben werden.
„Aus dem Gefängnis heraus musste ich einen Insolvenzantrag stellen“
Mit der Verhaftung sperren die Behörden die Firmenkonten. Ein Geschäftsbetrieb ist nicht mehr möglich. Strauch gegenüber MDR Sachsen: „Aus dem Gefängnis heraus musste ich einen Insolvenzantrag stellen.“ Das Amtsgericht Chemnitz führt das Verfahren unter dem Aktenzeichen 15 IN 634/18, am 17. September 2018 trägt das Handelsregister die Auflösung der ixxpixx Handels GmbH & Co. KG ein, eine Woche später die Liquidation der Verwaltungs-GmbH.
Die Website zeigt im März 2018 nur noch eine Visitenkarte: Großhändler für Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetik. Wenige Wochen später steht das Unternehmen still. Das Insolvenzverfahren wird am 13. Juli 2022 nach § 200 InsO aufgehoben, die Gesellschaften sind inzwischen aus dem Handelsregister gelöscht. Strauch beziffert den Zustand seiner Firma gegenüber MDR Sachsen mit zwei Worten: „vollständig zerstört“.
15. Dezember 2022: Freispruch für alle fünf Angeklagten
Sieben Jahre nach Beginn der Ermittlungen spricht das Landgericht Chemnitz am 15. Dezember 2022 alle Angeklagten frei. Die Staatsanwaltschaft legt Revision ein – und nimmt sie am 30. August 2023 zurück. Der Freispruch ist rechtskräftig. Für Strauch ist das der Beleg, dass die Vorwürfe konstruiert und Entlastungsbeweise ignoriert wurden, wie er MDR Sachsen sagt. Die Anwaltskosten beziffert er bis heute auf mehrere Hunderttausend Euro.
Auf Facebook fasst er seine Erfahrung in einem Satz zusammen, der sich an jeden richtet: „Unschuldig im Knast, das kann jedem passieren!“
4,4 Millionen Euro: Fünf Kläger gegen den Freistaat Sachsen
Seit dem 2. November 2026 verhandelt das Landgericht Dresden die Amtshaftungsklage gegen den Freistaat Sachsen. Strauch fordert nach Angaben von Antenne Sachsen exakt 4.369.000 Euro für entgangene Gewinne und mindestens 50.000 Euro Schmerzensgeld. Beklagt sind das Finanzamt Chemnitz-Süd mit seiner Steuerfahndung und die Staatsanwaltschaft Chemnitz. Das Gericht muss klären, ob die Behörden amtspflichtwidrig gehandelt haben und ob daraus Ansprüche gegen den Freistaat entstehen.
Strauch ist nicht der einzige Kläger. „Jetzt klagen wir vor dem Landgericht Dresden auf Schadenersatz, 5 Kläger, 5 Verfahren“, schreibt er auf Facebook. Anwalt Zipper vertritt vier der fünf Freigesprochenen; sie machen Schadensersatz und Strafentschädigung geltend. Der Freistaat hat bis zum 25. Januar 2027 Zeit, auf die Klage zu antworten. Der nächste Verhandlungstermin ist der 19. Februar 2027 um 14 Uhr. Ob das Gericht dann entscheidet oder weitere Beweise erhebt, ist offen.
Patrick Strauch arbeitet heute wieder in Chemnitz, im Marketing einer Kosmetikmarke. Das Bild seiner Zelle, das er jetzt zeigt, haben die Ermittler gemacht – es stammt aus seiner eigenen Akte.



