Twins Company in Berlin verkauft, was Hotels und Konzerne loswerden wollen: Betten, Matratzen, Gardinen, Schreibtische, Kronleuchter, bis zum letzten Kaffeelöffel. Gründerin Astrid Eilers hat daraus seit 2002 ein Second-Hand-Möbelhaus mit 3.000 m² Showroom, 139.000 Instagram-Followern und sechs Vertriebskanälen gebaut. Das Geschäftsmodell ist für Onlinehändler lehrreich, weil der Wareneinkauf praktisch nichts kostet: Die Hotels zahlen für die Räumung. Im Oktober verkaufte das Team das komplette Inventar des ehemaligen Mövenpick Hotels Frankfurt mit 288 Zimmern direkt vor Ort. Dieses Porträt zeigt, wie das Modell funktioniert, welche Technik dahintersteckt – und warum Käufer aktuell auf drei Klon-Shops achten müssen.

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Mit acht Jahren Zettel an Laternen: Wo Astrid Eilers herkommt

Die Geschichte beginnt vor der Bundesgartenschau in Berlin-Britz. Die Zwillinge Astrid und Iris Kleiner verkaufen als Achtjährige Äpfel, die sonst verfault wären. Danach hängen sie Zettel an Laternen, Überschrift: „zum Wegwerfen zu schade“. Auf der Gründerinnen-Seite beschreibt Eilers, dass sie damals auch in große Mülltonnen kletterte, um verkaufbare Ware zu finden. Das Motto trägt das Unternehmen bis heute.

2002 gründen die Schwestern Twins Company und übernehmen Wohnungsauflösungen. Das Lager ist eine Garage, das erste Auto ein Transporter, das zweite ein Lkw. 2007 folgt die erste gewerbliche Hotelräumung, kurz danach Abholungen bei Karstadt. 2009 lassen die beiden eine OHG eintragen (Amtsgericht Charlottenburg, HRA 42291 B). 2010 steigt Iris aus, Astrid Eilers führt die Firma allein als eingetragene Kauffrau weiter. Seit 2022 unterstützen sie die Prokuristinnen Sabine Gnielinski und Linda Topal, die bei Verkaufsaktionen wie im Berliner abba Hotel auch nach außen auftreten.

Astrid Eilers, Gründerin und Inhaberin von Twins Company in Berlin
Astrid Eilers, Gründerin und Inhaberin von Twins Company. Foto: Twins Company

Eilers positioniert sich bewusst als Frau in einer Branche, die sie selbst „Männerbranche“ nennt. Ihre Seite trägt die Überschrift „Ich verkaufe gebrauchte Matratzen!“. Den Wendepunkt beschreibt sie mit einem Anruf: Ein Hotel fragte, ob sie die Möblierung von 400 Zimmern übernehmen könne. Seitdem ist das Unternehmen auf Hotel- und Büroauflösungen spezialisiert.

Hotels zahlen fürs Wegwerfen – Eilers lässt sich das Lager füllen

Das Modell hat zwei Stufen, die auf zwei Firmen verteilt sind. Team Eilers räumt Hotels und Bürogebäude: Besichtigung, Planung, Demontage, Transport, Sortierung in verwertbare Ware und Entsorgung, besenreine Übergabe. Twins Company vermarktet anschließend die verwertbare Ware. Diese Arbeitsteilung bestätigt die Hotelfachpresse: Beim Fünf-Sterne-Haus Taschenbergpalais Kempinski in Dresden übernahm laut hotelvor9 Team Eilers den Abtransport, die Vermarktung lief über Twins Company.

Der ökonomische Kern: Hotels zahlen normalerweise für die Entsorgung ihrer alten Einrichtung. Eilers bietet stattdessen eine Räumung an, die sich aus dem Wiederverkauf finanziert. Gegenüber Tophotel sagte sie, Hoteliers zahlten mitunter sehr viel Geld für die Entsorgung; sie biete meist, abhängig vom Zustand der Einrichtung, zumindest die kostenneutrale Räumung an. Auf der Team-Eilers-Website heißt es, die Mischkalkulation der Angebote berücksichtige das Wiederverwertungspotenzial. Der Händler bekommt die Ware also zum Preis der Logistik – oder wird für die Abholung bezahlt.

Die Dimensionen sind industriell. Team Eilers nennt als Referenzen das Hilton am Tucherpark in München (484 Zimmer und Suiten, 17 Container à 40 m³, 14 Arbeiter pro Tag, Übergabe nach acht Wochen), das Park Inn Berlin (1.012 Zimmer, 20 Lkw, zehn Bauphasen über sechs Monate) und die GASAG-Zentrale in Berlin (500 Arbeitsplätze, sechs Lkw, vier Wochen). Weitere Projekte: Adlon Kempinski, Grand Hotel Heiligendamm, Schlosshotel Fuschl, Westin Grand Frankfurt, Atlantic Hamburg.

Nicht alles, was ankommt, taugt für den Verkauf. Nach Eilers’ Beschreibung kommt verwertbare Ware wie Betten, Matratzen oder Lampen in die Berliner Hallen, der Rest wird vor Ort entsorgt. Was übrig bleibt, geht zu 50 bis 80 Prozent unter Neupreis an Gewerbe- und Privatkunden – Pensionen, Monteurzimmer, Büros, Gastronomen, Privatleute. Für Gewerbekunden gibt es ein B2B-Anmeldeformular und Mengenrabatte ab 200 Euro Bestellwert.

182.000 Kleinanzeigen und ein Shopify-Shop: So verkauft Twins Company

Der Onlineshop twins-company.de läuft auf Shopify. Das zeigen die Collections- und Pages-URL-Struktur sowie das Listing im Shopify-Verzeichnis shop.app. Der Shop ist zweisprachig (Deutsch/Englisch) und nutzt zwei Shopify-Funktionen, die für Second-Hand-Händler entscheidend sind: Stückzahlen pro Artikel („33 Stück“, „21x PTMD Meilo Stehlampe“) und ein Standort-Attribut, das anzeigt, ob die Ware in Berlin oder im gerade geräumten Hotel liegt. Jede Hotelauflösung bekommt eine eigene Collection, etwa „ehemaliges Mövenpick Hotel Frankfurt “ oder „Hilton Hotel am Gendarmenmarkt“. Käufer suchen also nach dem Hotel, nicht nach dem Möbeltyp. Versand läuft deutschlandweit, Gardinen für pauschal 12,90 Euro.

Der reichweitenstärkste Kanal ist aber Kleinanzeigen . Der Pro-Account ist seit September 2009 aktiv, zählt rund 880 laufende Anzeigen, über 182.000 Anzeigen insgesamt und knapp 32.000 Follower. Die Anzeigen werden im Stundentakt eingestellt, meist mit Mengenangabe im Titel („395x Seltmann Weiden Café-au-lait-Schale“). Dazu kommt ein eBay-Shop mit 98,8 Prozent positiven Bewertungen und mehr als 25.500 verkauften Artikeln.

Offline steht seit Mai 2026 der neue Showroom in der Holzhauser Straße 180 in Berlin-Reinickendorf: 3.000 m² Verkaufsfläche plus 2.000 m² Lager, geöffnet Montag bis Samstag, Zahlung bar, per EC- und Kreditkarte. Zuvor saß das Unternehmen im Goerzwerk in Zehlendorf, die Adressänderung wurde im April 2026 ins Handelsregister eingetragen. Jeden ersten Samstag im Monat gibt es den „5-Euro-Samstag“: Restposten und Ware mit Macken zum Einheitspreis, Food-Trucks vor der Tür. Nach eigenen Angaben beschäftigt Twins Company 44 Mitarbeiter.

288 Zimmer, sechs Verkaufstage: Der Frankfurter Direktverkauf

Das Mövenpick Hotel Frankfurt City an der Messe stand seit Februar 2026 leer, nachdem der Betreiber Revo Hospitality Insolvenz angemeldet hatte. Twins Company erfasste das komplette Inventar – 288 Zimmer, Restaurant, Tagungsräume, Fitnessbereich, Keller – und startete am 5. Oktober den Online-Vorverkauf. Ab 13. Oktober konnten Käufer an sechs Tagen direkt im Hotel stöbern und mitnehmen, wie das Journal Frankfurt berichtete. Auf Instagram erklärte das Team: Alles werde direkt im Hotel verkauft, nichts erst nach Berlin transportiert.

Das spart die teuerste Position im Modell, den Transport, und holt Laufkundschaft an einen Ort, an dem es sonst nur Baustellenabsperrung gäbe. Die Preisliste reichte vom elektrisch verstellbaren YouBed-Hotelbett für 399 Euro bis zum Matratzen-Topper für 39 Euro. Dasselbe Prinzip lief zuvor im geschlossenen abba Hotel in Berlin, wo laut Berliner Kurier schon am ersten Verkaufstag sämtliche Nespresso-Maschinen und Minibars weg waren. Den Zuschlag für solche Projekte erhält Eilers nach eigener Darstellung gegen mehrere Mitbewerber – im Taschenbergpalais setzte sie sich gegen mehrere Angebote durch.

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Nach dem Verkauf in Frankfurt zieht das Hotel-Geschäft weiter: Die schwedische Scandic-Gruppe übernimmt das Haus und will es 2027 als drittes Frankfurter Scandic eröffnen. Twins Company wirbt derweil schon mit der nächsten Lieferung – Echtholzmöbel und Designklassiker aus den Niederlanden, Lampen von Artemide bis Vintage.

139.000 Follower: Die Lagerhalle als Content-Studio

Für einen Möbelhändler mit einem Standort ist die Reichweite ungewöhnlich: 139.000 Follower auf Instagram , rund 24.000 auf Facebook , dazu ein TikTok-Kanal , auf dem einzelne Videos über 6.800 Likes und 300 Kommentare erreichen. Die Inhalte sind einfach gebaut: Rundgang durch die Halle, neue Lieferung, Mitarbeiterin schraubt eine Lampe zusammen, Chefin räumt die Lampenwelt um. Jeder Beitrag endet mit Adresse, Öffnungszeiten und Shop-URL. Die Halle ist das Studio, die Ware das Set.

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Auf Facebook erreichen Videos aus dem Showroom mehrere Hundert Reaktionen und über 100 Kommentare – und die Kommentare sind Kaufanfragen („Wenn ick nun mehrere Dinge koofe, wie bekomme ick diese ohne Auto nach Hause?“). Das Team beantwortet sie innerhalb eines Tages. Ankündigungen wie der Frankfurter Verkauf laufen zuerst auf Instagram; die Regionalpresse greift sie von dort auf, wie t-online Frankfurt oder Radio Frankfurt. Die Pressearbeit kostet damit nichts außer einem Instagram-Post.

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Vorsicht: Drei Klon-Shops kopieren Twins Company

Der Erfolg hat Nachahmer der unangenehmen Art. Bei der Recherche zu diesem Beitrag sind drei Domains aufgefallen, die Texte, Markenname und Sortiment von Twins Company kopieren, aber nichts mit dem Berliner Unternehmen zu tun haben.

⚠️ Warnung vor Fake-Shops mit dem Namen „Twins Company“

Diese drei Domains geben sich als Twins Company aus: mytwinscompany.shop, twinscompanyhome.shop und twinscompanyplace.shop. Wir verlinken sie bewusst nicht. Merkmale, die wortfilter.de am 7. November 2026 geprüft hat:

  • identischer Werbetext („Premium-Möbel aus zweiter Hand … direkt in Berlin“, Verweis auf das Hotel Atlantic Hamburg)
  • Preise in US-Dollar, pauschal „-65 %“ (Bankettstuhl 34,14 $ → 11,95 $)
  • kein Impressum, Kontaktseite liefert Fehler 404, generisches Shop-Template („Why Choose Us“, „50+ Countries“)
  • Server blockieren automatisierte Prüfungen (HTTP 403)

Der echte Shop ist ausschließlich twins-company.de (Twins Company e.K., Inhaberin Astrid Eilers, Holzhauser Str. 180, 13509 Berlin, HRA 42291 B). Prüfen und melden kannst du verdächtige Shops beim Fakeshop-Finder der Verbraucherzentrale und bei der Watchlist Internet . Die Masche – echte Händlernamen mit kleinen Abwandlungen – beschreibt Mimikama anhand einer Liste mit über 2.500 Fake-Shop-Adressen.

Twins Company ist von den Kopien selbst betroffen und hat mit den Seiten nichts zu tun.

Was Onlinehändler von Twins Company lernen können

Erstens: Der Einkauf ist das Geschäftsmodell. Wer Ware zum Preis der Logistik bekommt, kann 50 bis 80 Prozent unter Neupreis verkaufen und trotzdem Marge behalten. Zweitens: Die Sortimentslogik folgt der Herkunft. Eine Collection pro Hotel verkauft Geschichte mit – ein Sessel aus dem Adlon ist ein anderes Produkt als ein Sessel. Drittens: Reichweite entsteht am Ort der Ware. Die 139.000 Instagram-Follower kamen über eine Halle voller wechselnder Objekte und über die Menschen, die darin arbeiten.

Als eingetragene Kauffrau muss Eilers keinen Jahresabschluss veröffentlichen; Datenbanken schätzen den Umsatz grob, belastbar ist das nicht. Kritik gibt es bei Bewertungsportalen vor allem am Zustand einzelner Ware und daran, dass vor Ort gekaufte Stücke vom Umtausch ausgeschlossen sind – bei Second-Hand-Ware aus Hotelauflösungen keine Überraschung, aber ein Punkt, den Käufer kennen sollten.

Bleibt die Pointe: Ein Hotel mit 288 Zimmern wird in drei Wochen leer, weil eine Berlinerin, die mit acht Jahren Zettel an Laternen klebte, heute die Entsorgungskosten der Hotellerie in ihren Umsatz verwandelt.

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