Die Amazon Quartalszahlen Q3 2026 zeigen, wie stark der Konzern inzwischen von seinen Onlinehändlern lebt: 46,5 Milliarden Dollar nahm Amazon im dritten Quartal allein mit Provisionen, FBA-Gebühren und anderen Seller-Services ein. Dazu kommen 19,6 Milliarden Dollar Werbeerlöse, die zum großen Teil ebenfalls von Händlern stammen. Gleichzeitig wächst Amazons eigenes Handelsgeschäft nur noch um 2 Prozent. Für dich als Onlinehändler stecken im Earnings Release vom 29. Oktober 2026 drei Kennzahlen, die mehr über deine Marge verraten als jede Konzernbilanz: Versandkosten, verkaufte Einheiten und der Anteil der Händler am Gesamtvolumen. Deutschland kommt in dem Bericht übrigens kein einziges Mal vor.

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Deutschland? Fehlanzeige – nur „International“ taucht auf

Amazon weist in seinen Quartalsberichten keine Länderzahlen aus. Deutschland, der zweitgrößte Amazon-Markt nach den USA, steckt im Segment „International“ – zusammen mit Großbritannien, Japan, Frankreich, Italien, Spanien und allen anderen Nicht-US-Märkten. Das Wort „Germany“ fehlt im gesamten Dokument.

Das Segment International setzte im dritten Quartal 43,1 Milliarden Dollar um, ein Plus von 5 Prozent. Ohne Wechselkurseffekte wären es 8 Prozent gewesen. Das operative Ergebnis stieg von 1,2 auf 1,58 Milliarden Dollar, die operative Marge liegt bei 3,7 Prozent. Zum Vergleich: In Nordamerika erreicht Amazon im Handelsgeschäft 7,7 Prozent Marge, bei AWS 38,7 Prozent. Das Auslandsgeschäft bleibt damit die Sparte mit der dünnsten Marge – und die, in der Amazon die Gebührenschraube am ehesten anzieht.

Händlergebühren: 46,5 Milliarden Dollar in einem Quartal

Die Position „Third-party seller services“ ist die Kennzahl, auf die Onlinehändler schauen sollten. Amazon fasst darunter Verkaufsprovisionen, FBA-Gebühren (Fulfillment by Amazon, also Lagerung und Versand durch Amazon) und sonstige Seller-Services zusammen. Im dritten Quartal 2026 lag dieser Posten bei 46,49 Milliarden Dollar, nach 42,49 Milliarden im Vorjahresquartal. Das ist ein Plus von 9 Prozent, wechselkursbereinigt 10 Prozent.

Über die letzten vier Quartale summieren sich die Händlergebühren auf rund 187,7 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Amazons eigener Handel („Online stores“, also Ware, die Amazon selbst einkauft und verkauft) kam im dritten Quartal auf 68,5 Milliarden Dollar und wuchs nur um 2 Prozent. Die Gebühren der Händler wachsen also fünfmal so schnell wie das Eigengeschäft. Mehr als jeder fünfte Umsatzdollar des Konzerns (23 Prozent) stammt inzwischen direkt aus Händlergebühren.

So hat sich der Posten über die letzten sechs Quartale entwickelt (Wachstum jeweils zum Vorjahresquartal, ohne Wechselkurseffekte):

QuartalSeller-Services (Mrd. $)WachstumWerbung (Mrd. $)Wachstum
Q2 202540,310 %15,722 %
Q3 202542,511 %17,722 %
Q4 202552,810 %21,322 %
Q1 202641,612 %17,222 %
Q2 202646,816 %19,826 %
Q3 202646,510 %19,612 %
Quelle: Amazon Q3 2026 Earnings Release, Supplemental Financial Information

Der Sprung in Q2 und der Dämpfer in Q3 haben einen einfachen Grund: Der Prime Day fand 2026 in den meisten großen Ländern im zweiten Quartal statt, 2025 komplett im dritten. Amazon beziffert den Effekt auf rund 400 Basispunkte Konzernwachstum. Rechnet man den Verschiebungseffekt heraus, wachsen die Händlergebühren stabil im Korridor von 10 bis 12 Prozent – und damit weiter deutlich schneller als die Zahl der verkauften Einheiten.

Werbung: Wachstum halbiert sich von 22 auf 12 Prozent

Die Werbeerlöse („Advertising services“: Sponsored Products, Sponsored Brands, Display- und Videowerbung) erreichten 19,64 Milliarden Dollar, plus 11 Prozent, wechselkursbereinigt plus 12 Prozent. Vier Quartale lang hatte Amazon hier konstant 22 Prozent Wachstum gemeldet, im zweiten Quartal 2026 sogar 26 Prozent. Der Einbruch auf 12 Prozent ist laut Amazon ebenfalls eine Folge der Prime-Day-Verschiebung und „einiger anderer Timing-Faktoren“.

Für das vierte Quartal stellt Amazon wieder ein Werbewachstum „im hohen Zehnerbereich“ in Aussicht, also 17 bis 19 Prozent. Für dich heißt das: Der Preisdruck bei Sponsored Products wird im Weihnachtsgeschäft nicht nachlassen. Händlergebühren und Werbung zusammen bringen Amazon im Quartal 66,1 Milliarden Dollar – ein Drittel des Konzernumsatzes von 201,9 Milliarden Dollar.

Versandkosten steigen 11 Prozent – Einheiten nur 12 Prozent

Drei Kennzahlen im Anhang des Berichts erklären, warum Amazon die FBA-Gebühren so regelmäßig anpasst. Die weltweiten Versandkosten („WW shipping costs“) lagen im dritten Quartal bei 28,3 Milliarden Dollar, plus 11 Prozent. Die Zahl der bezahlten Einheiten („WW paid units“) stieg um 12 Prozent. Versandkosten und Paketvolumen wachsen damit fast im Gleichschritt – Amazon erreicht trotz Automatisierung und eigenem Zustellnetz keine spürbaren Skaleneffekte je Paket.

KennzahlQ2 25Q3 25Q4 25Q1 26Q2 26Q3 26
Versandkosten weltweit (Mrd. $)23,425,431,525,727,928,3
Versandkosten – Wachstum6 %8 %10 %14 %19 %11 %
Bezahlte Einheiten – Wachstum12 %11 %12 %15 %17 %12 %
Händleranteil an Einheiten62 %62 %61 %60 %61 %61 %
Quelle: Amazon Q3 2026 Earnings Release; Einheiten ohne Whole Foods

Die Reihe zeigt eine Trendwende: In Q2 und Q3 2025 wuchsen die Versandkosten mit 6 und 8 Prozent noch langsamer als die Einheiten (12 und 11 Prozent). Seit Q4 2025 kippt das Verhältnis. In Q1 2026 stiegen die Versandkosten mit 14 Prozent fast so stark wie die Einheiten mit 15 Prozent, in Q2 2026 lagen sie mit 19 Prozent erstmals darüber. Amazon führt das Volumenwachstum auf Lebensmittel und Alltagsartikel zurück, die rund dreimal schneller wachsen als der Rest des Sortiments und etwa die Hälfte aller verkauften Einheiten ausmachen – kleine, günstige, schwere Pakete mit hohen Zustellkosten je Stück.

61 Prozent: Händler liefern drei von fünf Paketen

Der Händleranteil an den bezahlten Einheiten („WW seller unit mix“) liegt bei 61 Prozent. Drei von fünf Artikeln, die Amazon-Kunden kaufen, stammen damit von Drittanbietern. Vor einem Jahr waren es 62 Prozent, im ersten Quartal 2026 kurzzeitig 60 Prozent. Die Quote hat sich seit Jahren auf diesem Niveau eingependelt. Amazons Eigenhandel wächst gleichzeitig kaum noch – das Volumen kommt aus dem Marktplatz.

Rechnet man die Zahlen zusammen, ergibt sich das Geschäftsmodell: Händler liefern 61 Prozent der Einheiten, zahlen 46,5 Milliarden Dollar Gebühren und finanzieren über Werbung weitere knapp 20 Milliarden Dollar. Amazon selbst meldet mit 13,9 Prozent die höchste operative Marge seiner Geschichte, 28,1 Milliarden Dollar operativer Gewinn im Quartal. Das Handelsgeschäft in Nordamerika steigerte sein operatives Ergebnis von 4,8 auf 8,7 Milliarden Dollar.

Seller Assistant: Amazons KI übernimmt Preise und Nachschub

Im Textteil des Berichts erwähnt Amazon die Händler nur in einem Absatz. Neu sind „Seller Assistant Workflows“, die Routineaufgaben wie Nachbestellung und Preisgestaltung rund um die Uhr automatisch erledigen. Dazu kommt ein Plugin, das den Seller Assistant in Amazon Quick und in Anthropics Claude integriert, sowie die Möglichkeit, Angebote, Bestellungen und Profitabilität über mehrere Verkaufskanäle direkt aus Seller Central zu steuern.

Parallel baut Amazon die Kundenseite aus: Alexa for Shopping, der KI-Einkaufsassistent, wurde in den letzten zwölf Monaten von über 400 Millionen Kunden genutzt, die Interaktionen stiegen um 570 Prozent. Amazon Now, der Schnelllieferdienst, läuft in über 450 Städten, das Bestellvolumen hat sich verzehnfacht. Wer als Händler nicht im Prime-Programm und nicht in der KI-Empfehlung auftaucht, verliert Sichtbarkeit auf beiden Seiten.

Was du aus den Zahlen für Q4 ableiten musst

Amazon erwartet für das vierte Quartal 240 bis 247 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 12 bis 16 Prozent, und einen operativen Gewinn zwischen 28,5 und 33,5 Milliarden Dollar. Die Investitionen in Rechenzentren liegen 2026 bei rund 220 Milliarden Dollar – der Free Cashflow ist über zwölf Monate mit 42,4 Milliarden Dollar negativ. Das Geld dafür kommt aus dem operativen Geschäft, und dort aus Gebühren, Werbung und AWS.

Konkret heißt das für dich: Prüfe deine FBA-Gebühren je Artikel gegen die aktuelle Gebührentabelle, denn Versandkosten, die bei Amazon um 11 Prozent steigen, landen mit Verzögerung bei dir. Kalkuliere Werbekosten für Q4 mit mindestens 17 Prozent mehr Wettbewerb um dieselben Platzierungen ein. Und beobachte Seller Assistant: Wer Preise und Nachschub an Amazons KI abgibt, gibt auch die Marge aus der Hand. Amazon verdient an jedem Paket, das du verschickst – mit 61 Prozent Anteil bist du der Konzernbilanz wichtiger als Amazons eigener Handel.

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