Betrug im E-Commerce trifft fast jeden Shop: 93 Prozent der deutschen Onlinehändler waren bereits mit Betrug oder Betrugsversuchen konfrontiert. Das ergibt eine Umfrage, die der Händlerverband bevh gemeinsam mit dem Informationsdienstleister CRIF am 21. September veröffentlicht hat . Knapp die Hälfte der befragten Shops meldet für die vergangenen zwölf Monate mehr Betrugsfälle als im Vorjahr. Am häufigsten arbeiten die Täter mit falschen oder manipulierten Identitäten. Gestohlene Zahlungsdaten landen dagegen am Ende der abgefragten Betrugsformen.

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76 Shops, 93 Prozent: Was die Zahl aussagt – und was nicht

Die Datenbasis ist schmal. An der Umfrage nahmen 76 Onlinehändler aus Deutschland teil, befragt wurde vom 1. Juni bis zum 14. August 2026. Die Pressemitteilung macht keine Angaben zu Größe, Branche oder Auswahl der Teilnehmer. Repräsentativ für den deutschen Onlinehandel ist die Stichprobe damit nicht.

bevh-Vizehauptgeschäftsführer Martin Große-Albenhausen ordnet ein, dass der Anteil der Betrugsfälle am gesamten Zahlungsverkehr im Promillebereich liegt. Beide Aussagen widersprechen sich nicht. Fast jeder Shop ist betroffen, aber nur ein kleiner Teil der Bestellungen.

75 Prozent Identitätsbetrug: Die Kreditkarte ist das kleinere Problem

Mehrfachnennungen waren möglich. Mit 75 Prozent steht Identitätsbetrug an erster Stelle. 67 Prozent der Händler berichten von manipulierten Namens- und Adressdaten, 55 Prozent von vollständig erfundenen Identitäten. 60 Prozent kennen Fälle, in denen Kunden den Erhalt der Ware bestreiten. 57 Prozent waren von Eingehungsbetrug betroffen (der Käufer bestellt, obwohl er schon bei der Bestellung nicht zahlen kann oder will).

56 Prozent nennen Account Takeover (Täter übernehmen das Kundenkonto einer anderen Person und bestellen darüber). Bei Retouren melden 47 Prozent Return Fraud (leere Pakete gehen zurück) und 42 Prozent Switch Fraud (zurück kommt ein anderer Artikel als der bestellte). Gestohlene Zahlungsdaten wie Kreditkarten nennen 40 Prozent der Händler.

Das Muster passt zu Zahlarten, bei denen die Ware vor dem Geld verschickt wird, vor allem zum Kauf auf Rechnung. Hier reichen ein erfundener Name oder eine abgewandelte Lieferadresse. Bei Kartenzahlungen verlangt die Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 seit 2021 eine starke Kundenauthentifizierung (Bestätigung per App oder Code). Das dürfte ein Grund für den niedrigeren Wert sein. Die Umfrage prüft diesen Zusammenhang allerdings nicht.

Jeder siebte Shop verliert über 100.000 Euro im Jahr

25 Prozent der Händler beziffern ihre jährlichen Betrugsverluste auf unter 5.000 Euro. 45 Prozent liegen zwischen 10.001 und 100.000 Euro. 15 Prozent verlieren mehr als 100.000 Euro pro Jahr. Für die Spanne von 5.001 bis 10.000 Euro nennt die Pressemitteilung keinen Wert.

Aussagekräftiger sind die Einzelschäden. 32 Prozent der Händler meldeten bei einer einzigen Bestellung einen Verlust von mehr als 2.500 Euro, weitere 18 Prozent zwischen 1.001 und 2.500 Euro. Damit hatte die Hälfte der Befragten mindestens einen Einzelfall über 1.000 Euro. Das deckt sich mit der Einordnung des bevh: Die Zahl der Fälle bleibt gering, der Schaden pro Fall wächst. Eine Einschränkung bleibt. Die Umfrage setzt die Verluste nicht ins Verhältnis zum Umsatz. 100.000 Euro wiegen für einen Shop mit einer Million Euro Umsatz anders als für einen Versender mit 500 Millionen.

Beim Trend melden 48 Prozent einen Anstieg, davon 35 Prozent einen starken und 13 Prozent einen sehr starken. 37 Prozent sehen eine stabile Lage auf hohem Niveau, 15 Prozent einen Rückgang. Es handelt sich um Selbsteinschätzungen, nicht um gezählte Fälle.

Paket nie angekommen? Im B2C-Geschäft trägt der Händler das Risiko

Der Einwand „nicht erhalten“ trifft 60 Prozent der Shops, und rechtlich ist die Ausgangslage für Onlinehändler ungünstig. Beim Verkauf an Verbraucher geht die Gefahr erst mit der Übergabe der Ware auf den Käufer über. § 475 Abs. 2 BGB schließt die Versendungskauf-Regel des § 447 BGB für diese Fälle aus. Bestreitet der Kunde den Erhalt, muss der Händler die Zustellung beweisen. Ein Scan „zugestellt“ in der Sendungsverfolgung bewerten Gerichte unterschiedlich. Bei hohen Warenwerten verschiebt eine Zustellung gegen Unterschrift die Beweislage zugunsten des Händlers.

75 Prozent der befragten Unternehmen setzen bereits Verfahren zur Betrugserkennung ein, weitere 9 Prozent planen das. Von den Shops mit Prävention kombinieren 93 Prozent manuelle und automatisierte Prüfungen. Als größte Aufgaben nennen jeweils 69 Prozent, passende Maßnahmen je nach Risiko und Kunde festzulegen und neue Betrugsmuster zu erkennen. 53 Prozent wollen den manuellen Prüfaufwand senken.

Aus den Betrugsformen der Umfrage lassen sich konkrete Prüfpunkte ableiten. Gegen Identitäts- und Eingehungsbetrug helfen Adress- und Identitätsprüfungen vor dem Rechnungskauf oder ein Zahlungsdienstleister, der das Ausfallrisiko übernimmt. Gegen Account Takeover schützt eine Zwei-Faktor-Anmeldung im Kundenkonto. Gegen Return und Switch Fraud helfen ein gewogener Retoureneingang und eine Fotodokumentation beim Öffnen des Pakets. Jede zusätzliche Prüfung kostet allerdings Conversion (Anteil der Besucher, die tatsächlich kaufen). Diese Abwägung nennen auch die Studienautoren als zentrale Aufgabe.

Agentic Commerce: Wenn der Käufer eine Software ist, zählt die Identität doppelt

CRIF-Geschäftsführer Frank Schlein erwartet, dass künstliche Intelligenz und synthetische Identitäten (Personenprofile aus echten und erfundenen Daten) den Betrug weiter verschärfen. Neue Risiken sieht er im Agentic Commerce. Dabei führen KI-Agenten Käufe eigenständig im Auftrag von Verbrauchern aus. Auf der anderen Seite der Bestellung steht dann eine Software, die für einen Menschen handelt. Die Frage, wer tatsächlich bestellt, wird damit schwerer zu beantworten.

Der bevh setzt auf mehr Daten. Mehr Daten sollen vertrauenswürdige und betrügerische Transaktionen besser trennen und neue Muster früher sichtbar machen. Diese Antwort steht in einem Spannungsfeld zur Datenminimierung nach Art. 5 DSGVO und zu den Erwartungen der Kunden an einen schnellen Checkout. Wie Händler dieses Spannungsfeld auflösen, beantwortet die Umfrage nicht. Klar zeigt sie, wo der Betrug im E-Commerce ansetzt: dort, wo der Shop seinem Kunden glauben muss – beim Namen, bei der Adresse und bei der Behauptung, das Paket sei nie angekommen.

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