Die e+m Holzprodukte Insolvenz beendet 127 Jahre Drechslerei in Neumarkt – und der Shopify-Shop der Manufaktur zeigt seit dem 1. November nur noch einen Abschiedsbrief. Seit 1899 fertigte das Unternehmen Federhalter, später Kugelschreiber und Füller aus Massivholz, zuletzt verkauft über den eigenen Shop, die B2B-Plattform Faire und Fachhändler von Cult Pens bis JetPens. Ein Blick in den Handelsregisterauszug zeigt, wie dünn die Decke schon im Sommer 2025 war: kein Eigenkapital mehr, 350.290 € Gesellschafterdarlehen, der Jahresabschluss erst drei Wochen vor dem Insolvenzantrag hinterlegt. Für Händler, die e+m-Stifte im Sortiment führen oder Werbeartikel dort fertigen ließen, zählen jetzt zwei Termine: Forderungen bis 4. Dezember, Gläubigerversammlung am 7. Januar 2027. Und die Frage, wer sich die Marke „e+m“ aus der Masse holt.

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350.290 € vom Gesellschafter – und trotzdem null Eigenkapital

Insolvent ist nicht die alte e + m Holzprodukte GmbH & Co. KG, sondern die e+m Holzprodukte GmbH (Amtsgericht Nürnberg, HRB 38154). Die Gesellschaft hieß bis Juli 2025 Bellan GmbH und saß in Berg bei Neumarkt. Am 1. Juli 2025 wurde sie umfirmiert und an die Regensburger Straße 95 verlegt – am selben Tag schied die Bellan Verwaltungs GmbH als Komplementärin aus der KG aus, wie Northdata dokumentiert. Der Betrieb wanderte damit in die GmbH.

Der Jahresabschluss dieser GmbH zum 30. Juni 2025 liegt wortfilter.de vor. Das Eigenkapital: 0,00 €, nach 21.885,70 € im Vorjahr. Stattdessen steht ein nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag von 140.721,28 € in der Bilanz – die Gesellschaft war zum Stichtag bilanziell überschuldet. Die Verbindlichkeiten summieren sich auf 595.631,41 €, davon 350.290,17 € gegenüber Gesellschaftern. Matthias Bellan hat sein Unternehmen also zu mehr als der Hälfte mit eigenem Geld finanziert. Das Anlagevermögen sank binnen eines Jahres von 607.022,68 € auf 412.957,53 €, das Umlaufvermögen lag bei 56.307,52 €.

Bemerkenswert ist der Zeitplan: Festgestellt wurde der Abschluss am 5. Juni 2026, hinterlegt im Unternehmensregister am 21. Juli 2026. 23 Tage später, am 13. August 2026, ging der Insolvenzantrag beim Amtsgericht Nürnberg ein. Das Gericht eröffnete das Verfahren am 30. Oktober 2026 wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung (Az. IN 1297/26).

Nachfolgepreis 2022, Insolvenzantrag 2026: Bellans fünf Jahre

Konrad Ehmann gründete 1899 in Nürnberg eine Drechslerei für Federhalter, laut The Nuremberg Times zeitweise eine der größten Federhalterfabriken Deutschlands. Sein Urenkel Wolfram Mümmler belebte die Firma 1983 neu und brachte in den 80ern die ersten Kugelschreiber aus heimischem Holz auf den Markt. Das „e+m“ steht für Ehmann und Mümmler. Vier Generationen blieb das Unternehmen in der Familie.

2021 kam der erste Eigentümer von außen: Matthias Bellan, zuvor bei Garant Türen & Zargen, übernahm Führung und Eigentum. Seine Bellan GmbH war bereits im Oktober 2020 gegründet worden, im April 2021 erhielt er Prokura in der KG, im Juli 2021 löste seine Bellan Verwaltungs GmbH die bisherige Komplementärin ab. Das Unternehmernetzwerk UNZD zeichnete ihn 2022 mit dem Nachfolgepreis für Bayern aus und nannte ihn ein Vorbild für Übernahmen außerhalb der Familie. Fünf Jahre nach dem Einstieg ist der Betrieb zu.

Bellan begründet das Aus auf der Website mit der „anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Situation“ und „herausfordernden äußeren Rahmenbedingungen“. Konkreter wird er nicht. Mitarbeiterzahl und Schuldenstand sind nicht öffentlich; Branchenverzeichnisse führten e+m zuletzt mit ein bis zehn Beschäftigten.

Shopify, Faire, Cult Pens: Wo e+m wirklich verkauft hat

wortfilter.de hat die Vertriebskanäle der Manufaktur abgeklopft. Der eigene Shop unter em-holzprodukte.de (früher shop.em-holzprodukte.de, leitet heute weiter) lief auf Shopify – erkennbar an den Pfaden /collections/ und /cdn/shop/ sowie am Shopify-Wallet-Tag. Angebunden waren PayPal, Klarna, Apple Pay, Google Pay, iDEAL, Wero, Bancontact, BLIK, EPS und Shop Pay. Ein eigenes Verkäuferkonto auf Amazon, eBay oder Etsy haben wir nicht gefunden; dort tauchen e+m-Stifte nur bei Drittanbietern auf.

KanalBefund
Eigener Shop (Shopify)em-holzprodukte.de, seit 1. November nur noch Abschiedsseite; Login, Kategorien und AGB noch erreichbar
Faire (B2B-Großhandel)Eigenes Markenprofil mit 5,0 Sternen aus zwölf Händlerbewertungen, Mindestbestellwert 162 $, Produkte wie „Sagittarius“ und „Brixx’s Cuts“
Amazon, eBay, EtsyKein eigener Auftritt gefunden; nur vereinzelte Drittanbieter-Listings
Fachhandel internationalCult Pens (UK), JetPens, Fahrney’s und Gessato (USA), Fendrihan (Kanada), Pulp Addiction (Australien), Nomado Store
Fachhandel DACHModulor (Berlin), Papier & Stift, Gravurshop signuu, Museumsshop der Fondation Beyeler (Kugelschreiber „Barrique“ für 195 CHF)
Zweites StandbeinNachhaltige Werbeartikel, Lohndrechslerei, Einkaufswagenchip „Green Coin“ (PSI Sustainability Award 2018)

Die Zahlen auf Faire zeigen, wie die Manufaktur den stationären Handel bediente: Papeterien, Concept Stores und Museumsshops orderten dort kleine Mengen ab 162 Dollar. Viele dieser Händler haben jetzt Restbestände einer Marke, die es nicht mehr gibt – und keine Nachlieferung mehr.

Letzter Versandtag 29. Oktober: Was Händler jetzt noch bekommen

Bestellungen und Anfragen nahm e+m bis Dienstag, 27. Oktober 2026, 16 Uhr an. Danach wurde geprüft, welche Aufträge sich noch umsetzen lassen. Der letzte Versandtag war Donnerstag, der 29. Oktober, und das nur innerhalb Europas. Lieferungen mit gesonderter Exportabwicklung wurden nicht mehr ausgeführt. Bellan schreibt selbst, dass nicht alle Anfragen und Bestellungen erfüllt werden konnten.

Wer noch Geld von e+m bekommt – offene Gutschriften, Retouren, nicht gelieferte Werbeartikel –, muss die Forderung bis zum 4. Dezember 2026 beim Insolvenzverwalter anmelden. Verwalter ist Rechtsanwalt Florian Schott von der Nürnberger Kanzlei SDK Schott Dobmeier Kießlich, der das Unternehmen schon seit dem 19. August als vorläufiger Verwalter begleitete. Zahlungen an e+m gehen seit der Eröffnung nur noch an ihn, nicht mehr an die Firma.

Am 7. Januar 2027 um 11 Uhr tagt die Gläubigerversammlung im Amtsgericht Nürnberg, Flaschenhofstraße 35. Auf der Tagesordnung steht der Verkauf des Unternehmens im Ganzen aus freier Hand nach § 160 InsO – also Anlage- und Umlaufvermögen in einem Paket. Ist die Versammlung nicht beschlussfähig, gilt die Zustimmung als erteilt. Die Werbeartikel Nachrichten berichteten als Erste über die Betriebseinstellung.

Wortmarke „e+m“: Das einzige Asset, um das sich jetzt jemand reißen könnte

Maschinen einer Drechslerei und Holzvorräte bringen im Verkauf wenig. Interessant ist der Name. Im Februar 2026, ein halbes Jahr vor dem Antrag, verzeichnet Northdata eine Wortmarke „e+m“ in der Registerhistorie des Unternehmens. Dazu kommen Gebrauchsmuster für einen Minenadapter und Geschmacksmuster für Einkaufswageneinsätze. Für einen Schreibwaren-Importeur oder einen Werbeartikel-Großhändler ist eine seit 1899 geführte deutsche Manufakturmarke mit internationalem Händlernetz mehr wert als die Produktion dahinter.

Ob die Marke aus der Masse verkauft wird und unter welchem Dach e+m-Stifte dann wieder auftauchen, entscheidet sich frühestens am 7. Januar. Wer als Onlinehändler jetzt Restbestände günstig einkauft, sollte wissen: Gewährleistung und Nachschub gibt es von e+m nicht mehr. Die Bestellung geht an den Insolvenzverwalter, und der verkauft, was da ist. Eine 127 Jahre alte Manufaktur hat ihren Shopify-Shop zur Traueranzeige gemacht – und der nächste Besitzer der Marke bekommt die Geschichte zum Insolvenzpreis.

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