Insolvenzware kaufen ist in diesem Herbst so einfach wie seit Praktiker nicht mehr: Hellweg und BayWa Bau & Garten räumen 114 Märkte bis Ende November leer, Hammer hat bereits alle 87 Filialen geschlossen. Für Onlinehändler bedeutet das: Werkzeug, Farben, Gartengeräte, Bodenbeläge und Tapeten werden gerade in Palettenmengen aus dem Markt gedrückt. Wer nur die 30 bis 60 Prozent Rabatt im Räumungsverkauf sieht, verschenkt die eigentliche Chance. Der Hebel liegt bei den Verwaltern, Sachwaltern und Verwertungsgesellschaften, die Restbestände, Zentrallager und Ladeneinrichtung in Losgrößen abgeben. Wir nennen Namen, Aktenzeichen und E-Mail-Adressen und rechnen durch, was Insolvenzware kosten darf.
Inhaltsverzeichnis
- 114 Märkte, 4.200 Jobs – und keiner wollte das Ganze
- Hammer: 87 Filialen dicht, der Fuhrpark kommt unter den Hammer
- Diese fünf Leute entscheiden, wer die Ware bekommt
- Fester Verwertungspartner? Bei Hammer ja, bei Hellweg ein Fragezeichen
- So kommst du grundsätzlich an Insolvenzware
- 70 Prozent unter Einkaufspreis – oder 100 Prozent Schrott
- Rechne rückwärts: Vom Verkaufspreis zum Gebot
- Der Trick: Kauf nicht billig, kauf alles
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114 Märkte, 4.200 Jobs – und keiner wollte das Ganze
Die HELLWEG Die Profi-Bau- & Gartenmärkte GmbH & Co. KG und die Schwester BayWa Bau- & Gartenmärkte GmbH & Co. KG haben Mitte Juni 2026 beim Amtsgericht Essen Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt, wie der Baumarktmanager berichtet . Eigenverwaltung heißt: Die Geschäftsführung bleibt im Amt, ein gerichtlich bestellter Sachwalter kontrolliert sie im Interesse der Gläubiger. Am 26. August 2026 hat das Gericht die Verfahren eröffnet, Aktenzeichen 162 IN 115/26 (Hellweg) und 162 IN 116/26 (BayWa Bau & Garten), jeweils wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung.
Ein Investor für die komplette Gruppe fand sich nicht. Stattdessen teilen die Wettbewerber das Netz unter sich auf: Obi nimmt bis zu zwölf Standorte, Bauhaus acht, Hornbach sechs, dazu kommen Hagebau-Gesellschafter, berichtet stores+shops . Rund 39 der 114 Märkte sollen im Frühjahr 2027 unter neuer Flagge wieder öffnen. Alle anderen schließen bis Ende November 2026. Die Zentrale in Dortmund-Oespel und der BayWa-Sitz in Garching werden komplett abgewickelt, rund 340 Verwaltungsstellen fallen weg.
Seit dem 7. September läuft der Räumungsverkauf in allen 114 Märkten, auch in denen, die später an Obi, Bauhaus oder Hornbach gehen. Die Übernehmer kaufen Flächen und Personal, nicht das Hellweg-Sortiment. Die Rabatte starteten bei rund 30 Prozent und liegen bei Saisonware inzwischen bei bis zu 60 Prozent. Parallel wickelt Hellweg das Geschäft mit den Lieferanten ab, wie die Lebensmittel Zeitung schreibt . Dabei geht es auch um die Rücknahme von Altware durch die Hersteller. Das ist für dich die wichtigste Information in diesem Absatz: Ware unter Eigentumsvorbehalt geht an den Lieferanten zurück, nicht in die Masse. Was übrig bleibt, ist bezahlte Ware ohne Sicherungsrechte – und die wird verwertet.
Hammer: 87 Filialen dicht, der Fuhrpark kommt unter den Hammer
Bei Hammer ist das Spiel schon weiter. Die Hammer Raumstylisten GmbH, die im Oktober 2025 die Fachmärkte aus der Insolvenz der Brüder Schlau Gruppe übernommen hatte, stellte am 27. Januar 2026 beim Amtsgericht Bielefeld selbst Insolvenzantrag. Das Verfahren läuft unter dem Aktenzeichen 43 IN 69/26 und wurde am 1. April 2026 eröffnet. Bereits am 16. März begann in 46 Filialen der Räumungsverkauf, ab 1. April in den übrigen 41, wie der Insolvenzverwalter in seiner Pressemitteilung schreibt . Ende Mai 2026 schlossen die letzten 21 Märkte. Rund 1.100 Beschäftigte wurden gekündigt.
Die Masse ist dünn: Schon Anfang April zeigte der Verwalter Masseunzulänglichkeit an (§ 208 InsO – die Mittel reichen nicht einmal für die Verfahrenskosten und Masseverbindlichkeiten). Der M&A-Berater Dr. Wieselhuber & Partner hatte über 300 Interessenten angesprochen, niemand wollte das Hammer-Konzept fortführen. Was jetzt noch verwertet wird, ist Betriebsausstattung: Die Industrie-Verwertungs-Gesellschaft IVG aus Kirchlengern versteigert am 28. Oktober 2026 online 34 Fahrzeuge aus dem Hammer-Fuhrpark, berichtet ms-aktuell . Daneben laufen Verfahren gegen die HAMMER Fachmärkte für Heim-Ausstattung GmbH & Co. KG (43 IN 563/25) und die HAMMER System Management GmbH (43 IN 570/25), ebenfalls in Bielefeld, listet die Verbraucherzentrale Niedersachsen auf .
Diese fünf Leute entscheiden, wer die Ware bekommt
Wer Insolvenzware kaufen will, schreibt nicht an die Filiale, sondern an die Personen, die über die Masse verfügen. Bei Hellweg ist das in der Eigenverwaltung die Geschäftsführung mit den beiden Sanierungsgeschäftsführern, der Sachwalter muss zustimmen. Bei Hammer ist es der Insolvenzverwalter direkt. Hier die Kontakte, alle aus den öffentlichen Kanzleiprofilen:
| Verfahren | Rolle | Person / Kanzlei | Kontakt |
|---|---|---|---|
| Hellweg + BayWa Bau & Garten (AG Essen, 162 IN 115/26, 162 IN 116/26) | Sachwalter | RA Stefan Denkhaus, BRL Boege Rohde Luebbehuesen , Hamburg/Essen | [email protected], +49 40 35006-184 |
| Hellweg + BayWa Bau & Garten | Co-Sanierungsgeschäftsführer | Prof. Dr. Gerrit Hölzle, GÖRG , Bremen | über GÖRG Bremen, Obernstraße 2-12, 28195 Bremen |
| Hellweg + BayWa Bau & Garten | Co-Sanierungsgeschäftsführer | Dr. Karl-Friedrich Curtze, GÖRG | über GÖRG |
| Hammer Raumstylisten GmbH (AG Bielefeld, 43 IN 69/26) | Insolvenzverwalter | RA Stefan Meyer, PLUTA Rechtsanwalts GmbH , Niederwall 43, 33602 Bielefeld | [email protected], +49 5741 337-300; Niederlassung: [email protected], +49 521 5605603-0 |
| Hammer (Fuhrpark, Betriebsausstattung) | Verwerter / Auktionator | IVG Industrie-Verwertungs-Gesellschaft mbH & Co. KG, Kirchlengern | ivg.auction , +49 5223 65 32 00 |
Im PLUTA-Team für Hammer sitzen außerdem RA Christoph Chrobok, RAin Nadja Neuber und RA Philippe d’Avoine. Presseanfragen an PLUTA laufen über [email protected]. Bei BRL ist die Zentrale unter +49 40 35006-0 und [email protected] erreichbar.
Fester Verwertungspartner? Bei Hammer ja, bei Hellweg ein Fragezeichen
Bei Hammer ist die Lage eindeutig: PLUTA arbeitet für die Betriebsausstattung mit der IVG aus Kirchlengern, die seit 1976 für Insolvenzverwalter, Leasinggesellschaften und Banken bewertet und versteigert. Die IVG führt reine Onlineauktionen durch, mit Besichtigungstermin, Aufgeld und Selbstabholung. Wer Regale, Kassensysteme, Musterwände oder Fahrzeuge aus den Hammer-Märkten will, registriert sich dort. Die Ware selbst ist seit Mai 2026 über den Räumungsverkauf weg.
Bei Hellweg gibt es keinen öffentlich bestätigten externen Partner für den Abverkauf. Hellweg und BayWa Bau & Garten wickeln den Räumungsverkauf nach eigenen Angaben selbst ab. Der englischsprachige Wikipedia-Eintrag von Gordon Brothers führt die HELLWEG Die Profi-Bau- & Gartenmärkte GmbH & Co. KG seit 2026 als Mandat des US-Liquidators, der in Deutschland schon den Non-Food-Abverkauf von Real gesteuert hat. Der Eintrag nennt keine Quelle, weder Hellweg noch Gordon Brothers haben das bisher öffentlich bestätigt. Für dich ist das trotzdem relevant: Gordon Brothers garantiert seinen Auftraggebern einen Mindesterlös und steuert die Rabattstufen zentral. Wenn ein solcher Dienstleister drinsitzt, verhandelst du nicht mit dem Marktleiter, sondern mit dem Liquidator über Restbestände nach dem Abverkauf.
Die spannendste Adresse bei Hellweg ist ohnehin nicht die Filiale, sondern das Zentrallager am Oberallener Weg in Hamm-Rhynern, das die Gruppe seit 2015 betreibt. Was dort nach Ende November liegt und nicht an Lieferanten zurückgeht, muss der Sachwalter verwerten. Deine Anfrage an BRL sollte deshalb nicht „Habt ihr Ware?“ lauten, sondern: „Wir kaufen den gesamten Restbestand der Warengruppe X aus dem Zentrallager Hamm gegen Vorkasse und holen selbst ab.“ Dazu gleich mehr.
So kommst du grundsätzlich an Insolvenzware
Insolvenzware kaufen funktioniert über vier Kanäle. Erstens direkt beim Insolvenzverwalter oder Sachwalter: Du schreibst eine E-Mail mit konkretem Gebot für eine konkrete Warengruppe, Mengenangabe, Abholtermin und Zahlungsweise. Verwalter haben keine Zeit für „Was habt ihr denn so?“. Zweitens über Verwertungsgesellschaften wie IVG, Dechow, Troostwijk, NetBid oder Surplex, die im Auftrag des Verwalters Onlineauktionen fahren. Drittens über Restposten- und B2B-Börsen wie Restposten.de oder Merkandi, auf denen Zwischenhändler bereits gekaufte Insolvenzpaletten weiterverkaufen – teurer, aber ohne Verwalterkontakt. Viertens über den Räumungsverkauf selbst, wenn du gewerblich in Mengen kaufst und mit dem Marktleiter einen Palettenpreis aushandelst. Das geht bei Hellweg bis Ende November noch.
Der Ablauf ist immer gleich: Besichtigung (Pflicht, auch online per Fotoliste), schriftliches Gebot, Zuschlag, Vorkasse, Abholung. Insolvenzverwalter verkaufen unter Ausschluss jeder Gewährleistung – „gekauft wie gesehen“. Das ist im B2B-Geschäft wirksam. Du bekommst eine ordentliche Rechnung mit ausgewiesener Umsatzsteuer, weil Verkäufe aus der Insolvenzmasse regulär steuerbar sind. Die Vorsteuer kannst du ziehen. Bei Auktionen kommt ein Aufgeld von meist 15 bis 20 Prozent plus Umsatzsteuer auf den Zuschlag. Rechne das von Anfang an ein.
Drei rechtliche Fallen: Erstens Eigentumsvorbehalt – frag schriftlich nach, ob die Ware bezahlt und frei von Rechten Dritter ist (§ 47 InsO, Aussonderung). Ein Lieferant mit verlängertem Eigentumsvorbehalt kann sonst bei dir vor der Tür stehen. Zweitens Markenware: Händler darf sie weiterverkaufen, weil das Markenrecht erschöpft ist (§ 24 MarkenG), aber selektive Vertriebssysteme können dir Marktplätze sperren. Drittens Sicherungsgut: Was an eine Bank sicherungsübereignet ist, verwertet der Verwalter nach § 166 InsO, die Bank muss zustimmen. Das dauert.
70 Prozent unter Einkaufspreis – oder 100 Prozent Schrott
Die Chance: Du kaufst Markenware zu 20 bis 40 Prozent des regulären Händler-EK. Bei Baumarktware heißt das Bosch-, Makita-, Gardena- oder Alpina-Artikel mit EAN, die auf Amazon und eBay sofort listbar sind. Kein Mindestbestellwert, keine Lieferantenprüfung, keine Jahresvereinbarung. Dazu kommt der Zeitvorteil: Die Ware liegt bereits in Deutschland, keine Zollabfertigung, keine acht Wochen Seefracht.
Das Risiko: Du siehst eine Palettenliste, keine Einzelartikel. Zehn Prozent sind beschädigt, zehn Prozent sind Auslaufmodelle ohne Nachfrage, fünf Prozent fehlen schlicht. Rücktritt gibt es nicht. Saisonware aus einem Baumarkt im November ist Gartenware – und die verkauft sich erst wieder im März. Das bindet Kapital und Lagerfläche vier Monate lang. Und: Insolvenzware kommt ohne Herstellergarantie-Abwicklung über den Händler, du bist beim Kunden allein Gewährleistungsschuldner. Zwei Jahre, nach § 437 BGB, ohne Rückgriff auf einen Lieferanten, den es nicht mehr gibt.
Rechne rückwärts: Vom Verkaufspreis zum Gebot
Die Preiskalkulation für Insolvenzware läuft nicht vom Einkaufspreis nach oben, sondern vom erzielbaren Netto-Verkaufspreis nach unten. Beispiel: Ein Akkuschrauber, der auf Amazon realistisch für 119 Euro brutto weggeht, bringt dir netto 100 Euro. Davon gehen ab: 15 Prozent Marktplatzgebühr, 6 Euro Versand und Verpackung, 5 Prozent Retouren und Gewährleistung, 3 Prozent Lager und Handling. Bleiben 71 Euro. Davon willst du 30 Prozent Marge auf den Netto-VK, also 30 Euro. Dein maximaler Warenwert pro Stück: 41 Euro. Jetzt die Insolvenz-Abschläge: 10 Prozent Ausschuss, 15 Prozent Aufgeld bei Auktion, Abholung und Transport anteilig 3 Euro. Dein Gebot pro Stück darf 31 Euro nicht übersteigen. Das sind 26 Prozent des Brutto-VK. Mehr als 30 Prozent vom Brutto-Marktpreis bietet bei Baumarktware kein Profi, und bei Saisonware im falschen Monat sind es 15 bis 20 Prozent.
| Position | Rechnung | Betrag |
|---|---|---|
| Brutto-Verkaufspreis Marktplatz | 119,00 € | |
| Netto-Verkaufspreis | 119 / 1,19 | 100,00 € |
| Marktplatzgebühr | 15 % | -15,00 € |
| Versand + Verpackung | pauschal | -6,00 € |
| Retouren + Gewährleistung | 5 % | -5,00 € |
| Lager + Handling | 3 % | -3,00 € |
| Zielmarge | 30 % vom Netto-VK | -30,00 € |
| Maximaler Warenwert je Stück | 41,00 € | |
| Ausschuss | 10 % | -4,10 € |
| Aufgeld Auktion | 15 % auf Zuschlag | -4,80 € |
| Abholung + Transport | anteilig | -3,00 € |
| Maximales Gebot je Stück | 26 % vom Brutto-VK | 31,00 € |
Bei Losen mit gemischten Artikeln rechnest du jede Warengruppe einzeln und gewichtest nach Stückzahl. Was du nicht listen kannst, zählt mit null. Nicht mit „Da findet sich schon was“.
Der Trick: Kauf nicht billig, kauf alles
Der wichtigste Tipp aus zwölf Jahren Handel: Wenn es irgendwie geht, nimm von einem Warentyp den gesamten Bestand. Nicht drei Paletten Gardena-Schlauchwagen, sondern alle 800 Stück, die im Zentrallager liegen. Der Grund ist simpel: Kaufst du 200 Stück, kaufen vier andere Händler die übrigen 600 – und alle fünf listen in derselben Woche denselben Artikel auf Amazon. Der Preis fällt auf das Niveau des Verzweifeltsten. Deine 30 Prozent Marge sind nach zehn Tagen weg. Kaufst du alles, bestimmst du den Preis allein, verkaufst über sechs Monate statt sechs Wochen und bekommst vom Verwalter obendrein den besseren Stückpreis, weil er eine Warengruppe komplett vom Tisch hat.
Verwalter lieben Komplettabnehmer. Ein Gebot „gesamter Bestand Warengruppe Bewässerung, Zentrallager Hamm, Vorkasse, Abholung binnen fünf Werktagen“ schlägt jedes Teilgebot, selbst wenn es pro Stück zehn Prozent unter dem Teilgebot liegt. Das gilt bei Hellweg für BRL genauso wie bei jeder anderen Insolvenz, über die du in den nächsten Monaten lesen wirst. Insolvenzware kaufen ist keine Schnäppchenjagd, sondern ein Kampf um Marktkontrolle. Wer alles nimmt, hat keine Konkurrenz. Wer sich ein Stück abschneidet, kauft sich seine eigenen Wettbewerber.




