Der Frankfurter Rechtsanwalt Mirco Lehr ist verstorben. Laut Traueranzeige in der Frankfurter Neuen Presse vom 17. Oktober 2026 starb er am 20. September 2026 im Alter von 37 Jahren. Lehr führte als Geschäftsführer die cyfire Rechtsanwaltsgesellschaft mbH am Thurn-und-Taxis-Platz in Frankfurt, die seit 2021 Onlinehändler, Gastronomen und Privatpersonen wegen Markenverletzungen, Fotonutzung und Werbe-E-Mails abmahnte. Der Händlerbund führt die Kanzlei auf seiner Liste der Abmahnkanzleien. Dieser Beitrag fasst Werdegang, Abmahntätigkeit, Mandanten und Bewertungen zusammen.
Inhaltsverzeichnis
- Zulassung 2018, erste Abmahnungen 2021: Der Werdegang
- Marken, Fotos, Werbe-E-Mails: Drei Abmahnfelder in fünf Jahren
- Auf der Abmahnliste des Händlerbunds – ohne ein einziges Urteil
- Mandanten und Fälle: Von „Outlaw“ bis Marions Kochbuch
- Bewertungen: 4,9 Sterne auf advocado, Ein-Stern-Serie auf Trustpilot
- Was aus den laufenden Abmahnungen wird
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Zulassung 2018, erste Abmahnungen 2021: Der Werdegang
Mirco Lehr wurde am 9. Januar 1989 geboren. Er studierte von 2008 bis 2012 Rechtswissenschaften in Würzburg, legte dort 2012 das erste und 2017 am Landgericht Würzburg das zweite Staatsexamen ab. Von 2017 bis 2020 arbeitete er als Prokurist einer Treuhandgesellschaft. Im Januar 2018 folgte die Zulassung bei der Rechtsanwaltskammer Frankfurt am Main, im selben Jahr die Zertifizierung als Datenschutzbeauftragter beim TÜV Nord. So steht es in seinem Profil auf dem Anwaltsportal advocado .
Die cyfire Rechtsanwaltsgesellschaft trat 2021 zunächst als UG (haftungsbeschränkt) auf und firmierte später als GmbH. Daneben führte Lehr die „Rechtsanwaltskanzlei Mirco Lehr“ mit einer zweiten Adresse in Hamburg. Im Handelsregister des Amtsgerichts Hamburg ist er zudem als Prokurist der FORDERUNG.COM GmbH (HRB 165330) eingetragen und im Rechtsdienstleistungsregister als deren qualifizierte Person benannt. Auf Anwaltsportalen bewarb Lehr Erstberatungen zu Schufa-Einträgen, Anlagebetrug, Insolvenz und Fluggastrechten. Die Abmahntätigkeit lief über die cyfire und kam in seiner Selbstdarstellung nicht vor.
Marken, Fotos, Werbe-E-Mails: Drei Abmahnfelder in fünf Jahren
Die ersten dokumentierten Abmahnungen stammen aus dem Jahr 2021. Lehr mahnte im Auftrag von Yüksel Düzgün Onlinehändler ab, die Kleidung mit dem Aufdruck „Outlaw“ anboten. Die Unionsmarke ist unter der Nummer 010994929 für die Klassen 18, 24 und 25 eingetragen. Gefordert wurden Unterlassung, Auskunft, pauschaler Schadensersatz und Anwaltskosten aus einem Gegenstandswert von 50.000 Euro. Ab 2022 folgte die KH Mediengruppe GmbH aus Rödermark als Lizenznehmerin derselben Marke sowie der Marke „AMK“; hier wurden 2.002,41 Euro Anwaltskosten plus 1.387 Euro als Vergleichsangebot verlangt.
Den Kern der Tätigkeit bildeten Foto-Abmahnungen. Der Lizenzschaden wurde in allen dokumentierten Fällen nach der MFM-Honorartabelle (Honorarempfehlungen der Mittelstandsgemeinschaft Foto-Marketing) berechnet, dazu kam ein Zuschlag von 100 Prozent für fehlende Urhebernennung. Die Anwaltskosten lagen zwischen 710 und 1.212 Euro je Bild. Verteidigerkanzleien wie Hechler und Kramarz halten die Streitwerte für zu hoch angesetzt und nennen 200 Euro je Bild und gedeckelte Anwaltskosten um 900 Euro als realistische Gerichtswerte.
Das jüngste Feld waren Datenschutz-Abmahnungen wegen einer einzelnen Werbe-E-Mail. Die Kanzlei Weiß & Partner dokumentierte im September 2025 den Ablauf: Zuerst schreibt die FORDERUNG.COM GmbH den Versender an und fordert 689,94 Euro, darunter 530 Euro Schmerzensgeld. Ein zweites Schreiben verweist auf EuGH- und BGH-Urteile zum „Kontrollverlust“, setzt sieben Tage Frist und enthält eine vorformulierte Beschwerde an die Datenschutzaufsicht. Dann übernimmt cyfire, verlangt eine strafbewehrte Unterlassungserklärung, über 900 Euro und verweist auf § 14 StGB. Lehr war Prokurist der Inkasso-GmbH und zugleich Geschäftsführer der Anwalts-GmbH, die deren Fälle weiterverfolgte. Der Bundesgerichtshof hat am 28. Januar 2025 (VI ZR 109/23) entschieden, dass eine unerwünschte Werbe-E-Mail allein ohne nachgewiesenen immateriellen Schaden keinen Anspruch nach Art. 82 DSGVO begründet.
Auf der Abmahnliste des Händlerbunds – ohne ein einziges Urteil
Der Händlerbund führt cyfire in seiner Übersicht der Abmahnkanzleien und nennt als neueste Variante Abmahnungen wegen fehlendem Double-Opt-in, Öffnungs- und Klick-Tracking im Newsletter ohne gesonderte Einwilligung sowie unvollständiger Auskünfte nach Art. 15 DSGVO. Die Münsteraner Rechtsanwälte haben cyfire und die Sumfinidade Unipessoal LDA in ihre Gegnerliste aufgenommen. Mindestens sieben Verteidigerkanzleien berichten über „zahlreiche“ Abmahnungen und „Abmahnwellen“.
Eine veröffentlichte Gerichtsentscheidung, in der cyfire einen Lizenzschaden, DSGVO-Schadensersatz oder Abmahnkosten eingeklagt hätte, ist nicht auffindbar. Die Kanzlei Hechler schreibt, in den DSGVO-Fällen sei bislang keine Klage eingereicht und keiner ihrer Mandanten verklagt worden. Als Klägervertreter ist Lehr nur in einem Fluggastrechte-Fall dokumentiert: Das Amtsgericht Frankfurt verurteilte Ryanair am 9. Februar 2021 (30 C 14/20-32) zur Ausgleichszahlung trotz Pilotenstreiks.
Mandanten und Fälle: Von „Outlaw“ bis Marions Kochbuch
| Mandant | Feld | Vorwurf | Forderung (Beispiel) | Zeitraum |
|---|---|---|---|---|
| Yüksel Düzgün | Marke „Outlaw“ | Kleidung mit Aufdruck „Outlaw“ | Kosten aus 50.000 € Gegenstandswert plus Schadensersatz | ab 2021 |
| KH Mediengruppe GmbH, Rödermark | Marken „Outlaw“ und „AMK“ | Bekleidung mit identischem Zeichen | 2.002,41 € Anwaltskosten plus 1.387 € Vergleich | 2022, 2024 |
| Folkert Knieper / Knieper Verwaltungs GmbH (Marions Kochbuch) | Food-Fotos | Rezeptbilder in Shops, Speisekarten, Google-Maps-Einträgen | 3.432 € Lizenzschaden plus 1.054,10 € Kosten; bis 6.308,79 € | 2021 bis 2026 |
| Sumfinidade Unipessoal LDA, Madeira | Fotos, Videos | Bildnutzung im Netz | Unterlassung, Auskunft, Lizenzschaden, Kosten | ab 2024 |
| Stefan Schnebelt, Offenburg | Foto | Ein Bild auf Facebook | 952 € Lizenz plus 952 € Zuschlag plus Zinsen = 2.005,44 € | 2025 |
| Alexander Voss | Foto | Bild auf LinkedIn | 813,04 € Schadensersatz plus 1.212,61 € Kosten | 2025 |
| 2L-EXPERIENCE, Paris | Foto | Bild auf Website | Unterlassung, Schadensersatz, Kosten | 2026 |
| Pahud de Mortanges, Cheong, Steve Bloom Images, Minden Pictures | Fotos | Bildnutzung | bis 4.506,33 € je Fall | 2025/2026 |
| Privatpersonen über FORDERUNG.COM GmbH | DSGVO | Eine Werbe-E-Mail | 380 € Pauschale, eskalierend auf über 900 € | 2025/2026 |
Folkert Knieper lässt seit fast zwei Jahrzehnten abmahnen; der BGH bestätigte 2009 in „marions-kochbuch.de“ (I ZR 166/07) seine Rechte gegen Chefkoch. Seit 2021 gehörte cyfire neben Dr. Lohsin & Partner, Pöpken Santjer Bischoff und Albrecht Legal zu den beauftragten Kanzleien. Die Welle läuft laut fachanwalt.de Stand April 2026 weiter.
Bewertungen: 4,9 Sterne auf advocado, Ein-Stern-Serie auf Trustpilot
Das Bild der Mandanten ist gespalten. Auf advocado stand Lehr bei 4,9 von 5 Sternen aus rund 580 Bewertungen mit 97 Prozent Weiterempfehlung. Die Rückmeldungen beziehen sich überwiegend auf kostenlose Ersteinschätzungen; mehrere Nutzer merken an, dass sich statt Lehr ein „Herr Komosz“ gemeldet habe. Über advocado wurden nach Portalangaben mehr als 6.000 Mandanten beraten.
Auf Trustpilot , golocal und rechtecheck überwiegen Ein-Stern-Bewertungen. Ein Ex-Mandant berichtet von einer seit Februar verweigerten Herausgabe der Handakte und einer Rüge im laufenden Verfahren. Ein anderer schildert ein 20-minütiges Zuspätkommen zur Verhandlung und einen Vergleich mit 40 Prozent Verlust. Ein Betrugsopfer bezeichnet die beauftragte Blockchain-Analyse laut Kriminalpolizei als unbrauchbar. Diese Bewertungen sind anonym und ungeprüft.
Was aus den laufenden Abmahnungen wird
Die cyfire Rechtsanwaltsgesellschaft mbH besteht als juristische Person fort. Wer die Geschäftsführung und die laufenden Mandate übernimmt, ist nicht bekannt. Die Kanzlei Hechler hat ihre Seite zu den DSGVO-Abmahnungen zuletzt am 26. September 2026 aktualisiert, also nach dem Todesdatum. Abmahnungen, die noch unter Lehrs Namen versandt wurden, verlieren durch seinen Tod nicht ihre Wirkung; die Ansprüche stehen den Mandanten zu, nicht dem Anwalt. Wer aktuell ein Schreiben der cyfire erhält, sollte prüfen, wer es unterzeichnet hat und ob eine Vollmacht beiliegt.
Die Traueranzeige nennt keinen Beruf. Name, Geburtsjahr, Region und eine Kondolenz einer Kollegin aus der Anwaltschaft sprechen für die Identität. Eine öffentliche Mitteilung der cyfire Rechtsanwaltsgesellschaft zum Todesfall liegt nicht vor.




