Die eCom Scroll GmbH aus Erfurt ist am Ende – und das Vermögen reicht nicht einmal für ein Insolvenzverfahren. Das Amtsgericht Erfurt hat den Eigenantrag des Amazon-Händlers am 5. November 2026 mangels Masse abgewiesen (Az. 171 IN 160/26). Die eCom Scroll Insolvenz trifft einen typischen FBA-Händler: Eigenmarke, Haushaltsware, 25.000 Euro Stammkapital, gegründet 2021. Für Lieferanten und andere Gläubiger gibt es damit keinen Insolvenzverwalter und keine Forderungstabelle. Was über das Unternehmen, den Geschäftsführer und die Hintergründe bekannt ist – und was die Abweisung mangels Masse für Onlinehändler bedeutet.
Inhaltsverzeichnis
- Beschluss vom 5. November: Kein Verfahren, kein Verwalter, keine Quote
- Wäscheklammern für 10 Euro: Das Geschäft von eCom Scroll
- Von Wuppertal nach Erfurt: Fünf Jahre Firmenhistorie
- Geschäftsführer ohne Anteile: Wer hinter der GmbH steht
- Abweisung mangels Masse: Warum Gläubiger jetzt leer ausgehen
- Zwei Wochen Frist: Was jetzt noch passieren kann
- Was die Pleite über kleine FBA-Händler zeigt
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Beschluss vom 5. November: Kein Verfahren, kein Verwalter, keine Quote
Die amtliche Bekanntmachung ist kurz. Das Insolvenzgericht beim Amtsgericht Erfurt hat am 5. November 2026 beschlossen: „Der Antrag der Schuldnerin auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens über das eigene Vermögen wird mangels Masse abgewiesen.“ Schuldnerin ist die eCom Scroll GmbH, Arnstädter Straße 50, 99096 Erfurt, eingetragen beim Amtsgericht Jena unter HRB 521233, vertreten durch den Geschäftsführer Julius Nadeem Gill. Das Aktenzeichen lautet 171 IN 160/26.
Es handelt sich um einen Eigenantrag. Die Geschäftsführung hat den Antrag selbst gestellt. Das Gericht hat kein Verfahren eröffnet. Eine Abweisung mangels Masse nach § 26 InsO bedeutet, dass das vorhandene Vermögen voraussichtlich nicht einmal die Kosten des Verfahrens deckt – also Gerichtskosten und die Vergütung eines Insolvenzverwalters. Zu den Ursachen, zur Höhe der Verbindlichkeiten oder zur Zahl der Gläubiger enthält die Bekanntmachung keine Angaben.
Wäscheklammern für 10 Euro: Das Geschäft von eCom Scroll
Der im Handelsregister eingetragene Unternehmensgegenstand lautet „Onlinehandel mit Waren verschiedener Art, insbesondere mit Heim- und Küchenprodukten“. eCom Scroll war ein Amazon-Händler mit Eigenmarke. Unter dem Namen MARTVAR – die Wort-Bildmarke wurde im August 2021 veröffentlicht – verkaufte die GmbH Holzwäscheklammern aus Kiefernholz, in Packungen zu 120 und 300 Stück für rund 10 bis 11 Euro. Die Listings liefen über Amazon.de und Amazon.it, der Versand über Amazon Fulfillment (FBA, Amazon lagert und verschickt die Ware).
Weitere Spuren des Geschäftsbetriebs sind dünn. Ein Pinterest-Profil beschreibt das Unternehmen auf Englisch als 2021 in Deutschland gegründet, mit dem Ziel, „ein breites Sortiment an Produkten“ anzubieten. Die Website ecomscroll.com ist dort verlinkt. Ein eigener Online-Shop mit nennenswerter Reichweite ist nicht erkennbar. Das Geschäftsmodell entspricht damit dem, was in der Amazon-Szene als Private-Label-FBA bekannt ist: Standardware aus Asien einkaufen, unter eigener Marke listen, Logistik an Amazon auslagern.
Von Wuppertal nach Erfurt: Fünf Jahre Firmenhistorie
Die Registerdaten zeichnen den Weg nach. Der Gesellschaftsvertrag datiert vom 2. Juli 2021, die Eintragung beim Amtsgericht Wuppertal (HRB 31923) folgte am 22. Juli 2021. Erste Geschäftsanschrift war die Friedrich-Engels-Allee 349 in Wuppertal-Barmen. Das Stammkapital beträgt 25.000 Euro, das gesetzliche Minimum für eine GmbH. Im September 2022 ließ sich die Gesellschaft zusätzlich im französischen Unternehmensregister Sirene erfassen – ein üblicher Schritt für Händler, die über Amazon in Frankreich verkaufen und dort steuerlich registriert sein müssen. Die französische Akte weist für 2024 keine Beschäftigten aus.
Im Herbst 2023 zog die GmbH nach Thüringen. Laut Registerbekanntmachung vom 6. Oktober 2023 wurde der Sitz nach Erfurt verlegt, neue Anschrift Arnstädter Straße 50. Seitdem führt das Amtsgericht Jena das Unternehmen unter HRB 521233, das Wuppertaler Registerblatt wurde geschlossen. Jahresabschlüsse sind auf Northdata nicht hinterlegt, Umsatz- und Ertragszahlen liegen nicht vor. Die Wirtschaftsauskunftei Dun & Bradstreet ordnet das Unternehmen in die Größenklasse mit 1 bis 24 Mitarbeitern ein.
Geschäftsführer ohne Anteile: Wer hinter der GmbH steht
Geschäftsführer ist seit der Gründung Julius Nadeem Gill aus Wuppertal. Er vertritt die Gesellschaft allein. Gesellschafter ist er nach den beim Register hinterlegten Gesellschafterlisten nicht: Die Anteile halten zwei Personen zu je 50 Prozent, Syed Naqvi und Roma Gill. Die letzte Gesellschafterliste wurde im Oktober 2023 eingereicht, zeitgleich mit dem Umzug nach Erfurt.
eCom Scroll war nicht Gills einzige Firma. Im August 2021, drei Wochen nach der GmbH, gründete er an derselben Wuppertaler Adresse die Nethan Gill UG (haftungsbeschränkt) mit 500 Euro Stammkapital. Unternehmensgegenstand: Import von Trockenfrüchten, Reis, Hülsenfrüchten und Silagen nach Deutschland. Diese UG befindet sich seit Januar 2023 in Liquidation, Gill ist ihr Liquidator. Beide Gesellschaften sind damit innerhalb von fünf Jahren nach Gründung abgewickelt oder vermögenslos.
Abweisung mangels Masse: Warum Gläubiger jetzt leer ausgehen
Für Gläubiger ist die Abweisung mangels Masse die ungünstigste Variante einer Insolvenz. Bei einem eröffneten Verfahren sichert ein Insolvenzverwalter das Vermögen, prüft Anfechtungen (Rückforderung von Zahlungen aus der Zeit vor dem Antrag) und verteilt am Ende eine Quote. All das entfällt. Wer Forderungen gegen eCom Scroll hat – Lieferanten, Dienstleister, Amazon selbst mit Gebühren oder Rückbelastungen, Kunden mit Gewährleistungsansprüchen –, muss sie außerhalb eines Verfahrens durchsetzen: mahnen, klagen, vollstrecken. Gegen eine Gesellschaft, bei der das Gericht gerade festgestellt hat, dass nicht einmal die Verfahrenskosten gedeckt sind.
Rechtlich löst der rechtskräftige Beschluss die GmbH auf (§ 60 Abs. 1 Nr. 5 GmbHG). Die Gesellschaft wird dann ins Schuldnerverzeichnis eingetragen (§ 26 Abs. 2 InsO) und kann später wegen Vermögenslosigkeit von Amts wegen aus dem Handelsregister gelöscht werden. Eine Liquidation durch die Gesellschafter ist formal möglich, in der Praxis bei Vermögenslosigkeit aber gegenstandslos. Für Käufer, die MARTVAR-Produkte über Amazon bezogen haben, ändert sich wenig: Bei FBA-Bestellungen greift die A-bis-z-Garantie von Amazon, Rücksendungen laufen über Amazon, nicht über den Händler.
Zwei Wochen Frist: Was jetzt noch passieren kann
Gegen den Beschluss ist die sofortige Beschwerde möglich, binnen einer Notfrist von zwei Wochen ab öffentlicher Bekanntmachung nach § 9 InsO. Die Bekanntmachung erfolgte am 5. November 2026, die Frist läuft damit bis etwa zum 19. November. Beschwerdeberechtigt ist in erster Linie die Schuldnerin selbst. Praktisch relevant wird eine Beschwerde nur, wenn jemand einen Kostenvorschuss leistet: Zahlt ein Gläubiger oder ein Gesellschafter die voraussichtlichen Verfahrenskosten ein (§ 26 Abs. 1 Satz 2 InsO), muss das Gericht das Verfahren trotzdem eröffnen. Das lohnt sich für Gläubiger nur, wenn sie Anfechtungsansprüche oder Haftungsansprüche gegen die Geschäftsführung vermuten, die ein Verwalter verfolgen könnte.
Ein weiterer Punkt betrifft die Geschäftsführung persönlich. Nach § 15a InsO muss der Geschäftsführer einer zahlungsunfähigen GmbH ohne schuldhaftes Zögern, spätestens drei Wochen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit, Insolvenzantrag stellen. Zahlungen nach diesem Zeitpunkt können nach § 15b InsO eine persönliche Haftung auslösen. Ob und wann die Zahlungsunfähigkeit bei eCom Scroll eintrat, ist aus den öffentlichen Unterlagen nicht ersichtlich. Da kein Verwalter bestellt wurde, prüft diese Fragen vorerst niemand.
Was die Pleite über kleine FBA-Händler zeigt
eCom Scroll steht für eine Händlergeneration, die von 2017 bis 2021 im Amazon-Boom gegründet wurde. GmbH mit Mindestkapital, ein bis zwei Eigenmarkenprodukte im Niedrigpreissegment, Einkauf in Asien, Logistik komplett bei Amazon. Solche Händler tragen das volle Risiko aus Lagerbestand, Werbekosten und Amazon-Gebühren, haben aber kaum Puffer. Steigen die FBA-Gebühren, drückt die chinesische Konkurrenz auf den Preis oder bleibt Ware im Lager liegen, ist das Stammkapital schnell aufgebraucht. Die Abweisung mangels Masse ist dann die logische Konsequenz: Es gibt nichts mehr zu holen.
Für Onlinehändler, die mit solchen Firmen Geschäfte machen – als Lieferant, Dienstleister oder Wholesale-Partner –, bleibt die Lehre: Registerdaten prüfen, Zahlungsziele kurz halten, Vorkasse bei kleinen Kapitalgesellschaften ohne veröffentlichte Jahresabschlüsse. Für eCom Scroll finden sich in den gängigen Registerdatenbanken keine Jahresabschlüsse.



