Die Getty Images Insolvenz trifft das Unternehmen, das viele Onlinehändler aus einem Grund kennen: der Abmahnung. Ein Produktbild irgendwo im Netz kopiert, in den Shop gestellt – und kurz darauf lag der Brief von Getty Images im Postfach. In den meisten Fällen war das berechtigt, auch der Autor hat in den letzten Jahrzehnten mehrfach gezahlt. Mit KI erzeugst du Bilder in Sekunden, der Markt für Stockfotos schrumpft. Am 12. Oktober 2026 hat Getty Images ein Chapter-11-Verfahren angekündigt – mit 2,1 Milliarden Dollar Schulden auf dem Buckel.
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2,1 Milliarden Dollar Schulden, 20 Millionen Börsenwert
Getty Images hat am Montag eine Restrukturierungsvereinbarung mit allen großen Gläubigergruppen vorgelegt, wie aus der Mitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC hervorgeht . In den kommenden Wochen startet ein sogenanntes „prepackaged“ Chapter-11-Verfahren (ein US-Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, bei dem der Sanierungsplan vorab mit den Gläubigern abgestimmt ist). Das Verfahren betrifft nur bestimmte US-Gesellschaften des Konzerns und soll bis Jahresende abgeschlossen sein.
Die Zahlen dahinter sind drastisch. Zum 30. Juni stand Getty Images mit rund 2,1 Milliarden Dollar in der Kreide. Der Börsenwert lag am Freitag vor der Ankündigung bei gerade noch 20,7 Millionen Dollar, berichtet Reuters . Die Aktie war unter einen Dollar gefallen, die New York Stock Exchange hat den Handel Ende September ausgesetzt und das Delisting eingeleitet. Eine fällige Zinszahlung im September ließ das Unternehmen bereits verstreichen.
Getty-Familie und Koch kaufen die Firma für 533 Millionen zurück
Der Sanierungsplan sieht so aus: Die Getty-Familie und Koch Equity Development (der Investmentarm des US-Industriekonzerns Koch) schießen bis zu 533 Millionen Dollar frisches Eigenkapital ein. Danach gehört ihnen das Unternehmen zu 100 Prozent, Getty Images verschwindet von der Börse. Die Inhaber der unbesicherten Anleihen verzichten auf 270 Millionen Dollar. Die besicherten Gläubiger senken die Zinsen und verlängern die Laufzeiten. Für das laufende Verfahren stellt Koch zusätzlich bis zu 143 Millionen Dollar bereit.
Die heutigen Aktionäre gehen leer aus. In der SEC-Mitteilung heißt es ausdrücklich, dass die Inhaber der Stammaktien im Rahmen des Plans nichts erhalten. Für Lieferanten, Fotografen, Kunden und Mitarbeiter soll sich dagegen nichts ändern. Der Betrieb läuft weiter, Rechnungen werden regulär bezahlt. Getty Images arbeitet nach eigenen Angaben mit über 600.000 Content-Erstellern und mehr als 360 Content-Partnern zusammen.
KI frisst das Kerngeschäft – und die Schulden tun den Rest
Getty Images selbst nennt KI in der Mitteilung nicht als Ursache. Die Zahlen sprechen trotzdem eine klare Sprache. Im zweiten Quartal 2026 sank der Umsatz um 2,5 Prozent auf 229,1 Millionen Dollar. Wer heute ein Symbolbild für einen Blogbeitrag, eine Kategorieseite oder eine Anzeige braucht, tippt einen Prompt in ChatGPT, Midjourney oder Adobe Firefly. Das dauert Sekunden und kostet nichts oder ein paar Cent. Dazu kommt: KI-Antworten in der Google-Suche fangen Klicks ab, die früher auf Stockfoto-Seiten landeten.
Gleichzeitig hat sich Getty Images finanziell übernommen. Die Zinslast lag zuletzt bei rund 200 Millionen Dollar im Jahr. Die geplante Fusion mit dem Konkurrenten Shutterstock scheiterte, kostete aber laut Unternehmensangaben 108 Millionen Dollar. An frühere Optionsscheininhaber musste Getty nach einem Gerichtsurteil 110,9 Millionen Dollar zahlen. Und der Rechtsstreit gegen Stability AI (den Entwickler von Stable Diffusion) in den USA und Großbritannien verschlang weitere 17 Millionen Dollar, berichtet PetaPixel unter Berufung auf eine Gläubigerpräsentation. Ausgerechnet der Kampf gegen die KI hat die Kasse also zusätzlich geleert.
Abmahnungen hören nicht auf – im Gegenteil
Wer jetzt hofft, dass die Abmahnwelle abebbt, irrt. Das Chapter-11-Verfahren ändert nichts an den Bildrechten. Getty Images bleibt Inhaber oder Lizenznehmer von Millionen Fotos, das Lizenzgeschäft läuft weiter. Ein sanierter Konzern mit neuen Eigentümern wird jeden Dollar aus seinem Archiv herausholen. Die Rechtsdurchsetzung gegen unlizenzierte Nutzung gehört dazu. Wer also ein Getty-Bild ohne Lizenz im Shop hat, sollte es heute entfernen und nicht auf die Insolvenz spekulieren.
Die Alternative liegt auf der Hand: Produkt- und Symbolbilder selbst mit KI erstellen. Dabei gilt: Rein KI-generierte Bilder genießen in Deutschland keinen Urheberrechtsschutz, weil kein Mensch sie geschaffen hat. Du darfst sie nutzen, andere aber auch. Entscheidend sind die Nutzungsbedingungen des jeweiligen KI-Anbieters, vor allem bei der kommerziellen Verwendung. Markenlogos, bekannte Personen oder geschützte Produktdesigns im KI-Bild bleiben tabu. Getty Images selbst bietet inzwischen einen eigenen KI-Generator an, trainiert auf lizenzierten Bildern und mit Haftungsfreistellung für Kunden. Das Unternehmen will damit den Markt bedienen, der ihm gerade das Geschäft kaputt macht.
Das erste prominente KI-Opfer – und sicher nicht das letzte
Getty Images ist das erste bekannte Unternehmen, dessen Kerngeschäft sichtbar durch generative KI ausgehöhlt wurde, bevor die Schulden es in die Insolvenz drückten. Über 30 Jahre lang hat die Firma vom Verkauf und von der Verteidigung von Bildrechten gelebt. Der Großteil des Geschäfts (Stockfotos für Werbung, Shops und Websites) lässt sich heute per Prompt ersetzen. Übrig bleibt das, was KI nicht liefern kann: echte Fotos von echten Ereignissen – Sport, Nachrichten, Prominente. Darauf will sich Getty nach dem Neustart konzentrieren.
Für Onlinehändler ist das eine Lehrstunde. Wer sein Geschäft auf einem Vorteil aufbaut, den eine neue Technologie über Nacht entwertet, braucht einen Plan B. Getty Images hatte keinen und musste sich von der eigenen Gründerfamilie und einem Milliardärs-Clan retten lassen. Der Abmahner von gestern ist das Sanierungsopfer von heute – und die Abmahnung von morgen kommt trotzdem.




