Der momox Taschensorter in Leipzig verarbeitet bis zu 250.000 Second-Hand-Artikel am Tag – und jeder davon ist ein Einzelstück. Das meldet der Re-Commerce-Anbieter in einer Pressemitteilung vom 8. Oktober 2026 . Insgesamt 29.000 Taschen puffern die Ware, bis eine Bestellung vollständig ist. momox ist nach eigenen Angaben der weltweit größte Gebrauchtwarenhändler auf Amazon und die Nummer drei auf eBay. Wer dort Bücher, Medien oder Mode anbietet, konkurriert deshalb ab sofort mit dieser Anlage.
Inhaltsverzeichnis
- momox Taschensorter: 29.000 Taschen ersetzen die Handsortierung
- 20 Millionen Unikate – kein Artikel ist austauschbar
- Hängen statt liegen: So arbeitet der momox Taschensorter
- 6.000 Bestellungen pro Stunde – der Tag passt in zwölf Stunden
- Knapp zehn Euro pro Artikel: Die Rechnung hinter dem momox Taschensorter
- Über 1.300 im Dezember, mehr als 1.200 im Oktober
- Zwei Stufen, ein Puffer: Das Prinzip passt auch ins kleine Lager
- Die Marge im Re-Commerce entsteht im Lager
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
momox Taschensorter: 29.000 Taschen ersetzen die Handsortierung
momox hat am Standort Leipzig die Sortierung weitgehend automatisiert. Das Unternehmen spricht von einem der größten Automatisierungsprojekte seiner Geschichte. Kern der Anlage ist der momox Taschensorter mit 29.000 Taschen. Hinzu kommen ein Warenausgangssorter, neue einheitliche Packplätze und zusätzliche Lagerfläche.
,Zunächst entnehmen Beschäftigte die Artikel aus dem Lager und geben sie einzeln in die Anlage. Danach übernimmt die Technik: Sie sortiert und puffert jede Tasche, bis alle Teile einer Bestellung beisammen sind. Im Schnitt dauert das rund eine Stunde. Anschließend fährt die vollständige Bestellung zu einem Packplatz.

Die Anlage schafft nach Unternehmensangaben bis zu 250.000 Artikel pro Tag. Rechnerisch läuft damit jede Tasche bei Volllast 8,6-mal täglich um. momox baute die Technik im laufenden Betrieb ein und band sie schrittweise in die bestehenden Prozesse ein. Bereits in der Umsatzmeldung vom April 2026 hatte das Unternehmen erwähnt, dass es 2025 Sortierprozesse im Lager automatisiert hat. Das Projekt reicht demnach bis ins Vorjahr zurück.
20 Millionen Unikate – kein Artikel ist austauschbar
Im Leipziger Lager liegen laut momox derzeit rund 20 Millionen Artikel. Jeder davon ist allerdings ein Einzelstück. Darin liegt der Unterschied zum Handel mit Neuware. Dort führt ein Händler eine Artikelnummer (SKU) mit vielen identischen Exemplaren. Der Kommissionierer greift deshalb das Exemplar, das am nächsten liegt.
Bei gebrauchter Ware funktioniert das jedoch nicht. Denn zwei Ausgaben desselben Buchs unterscheiden sich im Zustand und im Preis. Der Kunde kauft ein bestimmtes Exemplar, und dieses Exemplar muss das Lager finden. Bestellt jemand drei Bücher, liegen sie womöglich an drei weit entfernten Plätzen. Bei mehr als 100.000 Quadratmetern Fläche entstehen dadurch lange Wege.
Die Logistik löst das Problem üblicherweise in zwei Stufen (zweistufige Kommissionierung). In der ersten Stufe sammeln Beschäftigte die Artikel vieler Bestellungen gemeinsam ein, geordnet nach Lagerzone. In der zweiten Stufe ordnet ein Mensch oder eine Maschine jeden Artikel seiner Bestellung zu. Diese zweite Stufe übernimmt jetzt der momox Taschensorter. Laut Pressemeldung entfallen dadurch mehrere manuelle Schritte, Transportwege und körperlich belastende Tätigkeiten.

Hängen statt liegen: So arbeitet der momox Taschensorter
Ein Taschensorter gehört zur Hängefördertechnik. Forscher der TU Graz und des Herstellers Beumer beschreiben das Prinzip in einer Arbeit von 2024. Demnach liegen Stückgüter einzeln in Taschen, die gelenkig an Laufwagen (Carriern) hängen. Eine Rollenkette zieht die Carrier anschließend über Führungsprofile durch die Halle. Weichen schleusen schließlich einzelne Taschen an festgelegten Stellen aus oder ein.
Die Technik vereint mehrere Funktionen in einem System. Der Hersteller SSI Schäfer nennt für sein Modell fünf: Transportieren, Stauen, Verteilen, Puffern und Sortieren, wie Industrial Production berichtet. Für Bestellungen mit mehreren Artikeln zählt vor allem der dynamische Puffer. Die Taschen warten auf Staustrecken, bis der letzte Artikel einer Bestellung eintrifft. Erst dann ruft die Steuerung alle Taschen ab und führt sie zusammen.

Typische Anlagen bewegen laut dem Antriebshersteller NORD Drivesystems 5.000 bis 8.000 Taschen pro Stunde. SSI Schäfer gibt für sein System bis zu 10.000 Ladungsträger pro Stunde und Güter bis drei Kilogramm an. Dieses Profil passt zu leichter, kleinteiliger Ware wie Büchern, CDs, Games und Kleidung. Zudem nutzt die Hängebahn den Raum unter der Hallendecke, der sonst leer bleibt.
Die Alternativen heißen Kippschalen- und Quergurtsorter. Sie verteilen Artikel in der Regel auf feste Zielstellen, etwa Rutschen oder Fächer. Jede offene Bestellung belegt dort also eine eigene Zielstelle. Ein Taschensorter kommt ohne diese Fächer aus, weil die Tasche selbst als Puffer dient. Deshalb hängt die Zahl gleichzeitig offener Bestellungen an der Zahl der Taschen.

Welcher Hersteller den momox Taschensorter geliefert hat, teilt das Unternehmen nicht mit. Ebenfalls offen bleibt die Investitionssumme.
6.000 Bestellungen pro Stunde – der Tag passt in zwölf Stunden
Der momox Taschensorter endet am Packplatz, danach übernimmt ein zweiter Sorter. Er ordnet die fertigen Sendungen automatisch dem passenden Versandweg zu. Dafür stehen 20 Sortierziele bereit, also 20 Endstellen für Paketdienste und Versandarten. Die Anlage sortiert laut momox mehr als 6.000 Bestellungen pro Stunde.
Im Schnitt durchlaufen 50.000 bis 70.000 Bestellungen pro Tag das Lager. Bei 6.000 Bestellungen pro Stunde braucht der Warenausgang dafür rechnerisch gut acht bis knapp zwölf Stunden. Die Anlage hat somit Reserven für Spitzen wie die Black Week.

Ein Vergleich zeigt die Reserve auch beim Taschensorter. 2025 verkaufte momox nach eigenen Angaben mehr als 40 Millionen Artikel. Das entspricht rund 110.000 Artikeln pro Kalendertag. Die Tageskapazität des momox Taschensorters liegt mit 250.000 Artikeln somit gut doppelt so hoch. Außerdem enthält eine Bestellung rechnerisch etwa zwei Artikel.
Knapp zehn Euro pro Artikel: Die Rechnung hinter dem momox Taschensorter
Der Grund für den momox Taschensorter steht in den Geschäftszahlen. momox setzte 2025 rund 393,5 Millionen Euro um und verkaufte mehr als 40 Millionen Artikel. Somit liegt der Umsatz bei höchstens 9,84 Euro pro Artikel. Aus diesem Betrag bezahlt das Unternehmen Ankauf, Prüfung, Lagerung, Kommissionierung, Verpackung, Versand und Marktplatzgebühren. Jeder zusätzliche Handgriff fällt deshalb stärker ins Gewicht als bei teurer Neuware.
momox selbst bezeichnete Re-Commerce im Dezember 2025 als Geschäftsmodell mit geringer Marge. Zum selben Ergebnis kommt eine Studie von ibi research und bevh vom Juni 2025. Demnach belasten hohe manuelle Kosten für Bewertung, Aufbereitung und Retouren die Branche, vor allem bei günstigen Artikeln. Die Autoren halten Automatisierung deshalb für nötig. Gleichzeitig wächst der Markt: Der Onlinehandel mit Gebrauchtware legte 2024 laut Studie um 7,2 Prozent auf 9,9 Milliarden Euro zu. Neuware wuchs online dagegen nur um 3,8 Prozent.
Außerdem steigen die Lohnkosten. Der gesetzliche Mindestlohn liegt seit Januar 2026 bei 13,90 Euro und steigt 2027 auf 14,60 Euro. momox nannte im Dezember 2025 einen Stundenlohn von 14,50 Euro für die Leipziger Servicegesellschaft, wie FashionUnited unter Berufung auf dpa berichtete. Der Mindestlohn 2027 liegt somit über diesem Wert. Ob momox die Löhne seither angehoben hat, ist allerdings nicht bekannt.
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|---|---|
| Taschen im Sorter | 29.000 | momox |
| Tageskapazität Taschensorter | bis zu 250.000 Artikel | momox |
| Zeit bis zur vollständigen Bestellung | rund eine Stunde | momox |
| Warenausgangssorter | über 6.000 Bestellungen pro Stunde, 20 Sortierziele | momox |
| Bestellungen pro Tag | 50.000 bis 70.000 | momox |
| Bestand in Leipzig | rund 20 Millionen Einzelstücke | momox |
| Fläche | mehr als 100.000 Quadratmeter | momox |
| Beschäftigte in Leipzig | mehr als 1.200 | momox |
| Umsatz 2025 | 393,5 Millionen Euro | momox |
| Umläufe je Tasche bei Volllast | 8,6 pro Tag | eigene Rechnung |
| Umsatz je Artikel 2025 | höchstens 9,84 Euro | eigene Rechnung |
Über 1.300 im Dezember, mehr als 1.200 im Oktober
Die Pressemeldung nennt für Leipzig mehr als 1.200 Beschäftigte. Im Dezember 2025 sprach momox noch von über 1.300, die Gewerkschaft Verdi laut Leipziger Zeitung von rund 1.400. Die Angaben sind allerdings Untergrenzen und stammen aus verschiedenen Monaten. Zudem fiel die Dezember-Zahl in die Hochsaison. Ein Stellenabbau lässt sich daraus deshalb nicht ableiten. momox äußert sich jedoch auch nicht dazu, wie der Taschensorter auf die Zahl der Arbeitsplätze wirkt.
COO Tim Kellermann hebt in der Meldung hervor, dass viele manuelle Arbeitsschritte entfallen. CEO Claudia Frese ordnet das Projekt als Wachstumsinvestition ein: „Re-Commerce im großen Maßstab braucht eine Logistik, die mitwachsen kann.“ Ende 2025 hatte Verdi die Belegschaft mehrfach zu Warnstreiks aufgerufen. Die Gewerkschaft fordert, dass momox die Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels anerkennt. momox wies die Forderung zurück und verwies auf die geringe Marge.
Zwei Stufen, ein Puffer: Das Prinzip passt auch ins kleine Lager
Der momox Taschensorter mit 29.000 Taschen ist ein Projekt für Konzerne. Das Prinzip dahinter funktioniert jedoch in jeder Größe. Du sammelst zunächst die Artikel mehrerer Bestellungen in einem Rundgang ein. Danach verteilst du sie am Packtisch auf Fächer, ein Fach pro Bestellung. Die Branche nennt ein solches Regal Put-Wall. Dadurch sinken die Wege pro Bestellung, sobald viele Aufträge mehrere Positionen enthalten.
Das Thema betrifft außerdem alle, die B-Ware, Retouren oder Gebrauchtes verkaufen. Sobald der Zustand den Preis bestimmt, ist jeder Artikel ein Einzelstück. Du brauchst deshalb einen Lagerplatz pro Exemplar und eine eindeutige Kennung. Hersteller wie Dematic bewerben Taschensorter deshalb auch als Retourenpuffer. Zurückgesandte Ware bleibt dabei in der Tasche, bis jemand sie erneut bestellt.
Auf Amazon und eBay verändert die Anlage die Ausgangslage. Denn eine Bestellung mit mehreren Artikeln steht nach rund einer Stunde am Packplatz. Das schafft Spielraum für spätere Bestellschlüsse und gebündelte Pakete. Ob momox ihn nutzt, sagt die Meldung allerdings nicht. Im Frühjahr hatte das Unternehmen bereits den Fashion-Shop auf Shopify umgestellt .
Die Marge im Re-Commerce entsteht im Lager
Der momox Taschensorter zeigt, wo Re-Commerce seine Wirtschaftlichkeit findet. Der Preis pro Artikel lässt sich kaum anheben, denn der Abstand zur Neuware ist das Verkaufsargument. Der Ankaufspreis lässt sich ebenfalls kaum senken, denn sonst bleibt die Ware aus. Übrig bleiben somit die Prozesskosten zwischen Wareneingang und Paketübergabe. Dort setzt momox an: mit Technik, die Wege und Handgriffe pro Artikel reduziert.
Offen bleiben drei Punkte: die Investitionssumme, der Hersteller und die Folgen für die Belegschaft. Solange momox dazu schweigt, lässt sich die Amortisation von außen daher nicht berechnen. Fest steht dagegen die Größenordnung des Problems. Wer Ware für unter zehn Euro verkauft, verdient sein Geld im Lager – oder gar nicht.




