Die Straße von Hormus hat am Mittwoch ein Containerschiff verschluckt: Die unter Singapur-Flagge fahrende GFS Pride ist nach einem Treffer durch ein nicht identifiziertes Projektil gesunken, mit mehr als 2.500 Containern an Bord. Das Schwesterschiff GFS Giselle wurde in derselben Angriffswelle beschädigt. Auf Videos kreisen kleine Boote um die treibenden Boxen, und Händler bieten vor Ort iPhones und Parfüm an. Wie stark trifft die Sperrung der wichtigsten Wasserstraße am Golf den Handel – und kommt die geplünderte Ware demnächst auf eBay und Amazon? Die Antworten fallen deutlicher aus, als es die Bilder vermuten lassen.
Inhaltsverzeichnis
- 21 Mann gerettet, 2.500 Container weg – was mit der GFS Pride passierte
- „Do you want iPhones?“ – Plünderer verkaufen die Ladung direkt am Wrack
- Minus 90 Prozent: Der größte Hafen der Region liegt quasi still
- Fährt deine Ware durch Hormus? Nein – und trotzdem zahlst du mit
- Teherans neue Taktik: „Nirgendwo sicher, auch nicht außerhalb der Meerenge“
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21 Mann gerettet, 2.500 Container weg – was mit der GFS Pride passierte
Die britische Marinebehörde UKMTO meldete den Angriff am Dienstag, am Mittwoch bestätigte Singapurs Schifffahrtsbehörde den Untergang. Alle 21 Besatzungsmitglieder wurden evakuiert, verletzt wurde niemand, wie The National berichtet . Die GFS Pride hat eine Kapazität von 2.824 Standardcontainern (TEU). Ein Ladungsmanifest wurde nicht veröffentlicht. Irans Revolutionsgarden (IRGC) sprechen von mehr als 2.500 Containern an Bord, darunter angebliche Schmuggelware.
Die IRGC behaupten, das Schiff sei auf einer „nicht autorisierten“ Route auf eine Seemine gelaufen. Die Sicherheitsfirma Marisks fand dafür keine unabhängigen Belege und ordnet die Darstellung als Teil einer psychologischen Kampagne ein. Die von den USA abgesicherte Südroute entlang der Küste Omans gilt nach aktuellem Stand nicht als vermint. Die GFS Giselle erreichte nach dem Beschuss aus eigener Kraft einen Ankerplatz. Beide Schiffe gehören zur Flotte von Global Feeder Shipping (GFS) aus den Emiraten, deren GFS Galaxy bereits im Juli in der Meerenge getroffen worden war – damals starb ein indischer Seemann.
„Do you want iPhones?“ – Plünderer verkaufen die Ladung direkt am Wrack
Auf X kursiert ein Video , das das brennende, schwer krängende Schiff unter schwarzem Rauch zeigt, umgeben von treibenden Containern und deren Inhalt. Weitere Clips zeigen kleine Boote, die zum Wrack fahren und Ladung aufsammeln. Ein Posting beschreibt Verkäufer, die vor Ort rufen: „Do you want iPhones? Do you want perfumes?“ Ein anderes merkt an, Irans einseitig verhängte Transitgebühr zu zahlen, sei billiger, als die komplette Ladung zu verlieren. Pakistans Schifffahrtsbehörde warnt Seeleute inzwischen vor treibenden Containern in der Region.
Die Aufnahmen sind nicht verifiziert. Weder Ort noch Zeitpunkt der Clips sind belegt, und ob sie überhaupt die GFS Pride zeigen, bleibt offen. Fest steht nur: Wenn Smartphones und Parfüm aus geborgenen Containern in den Umlauf gelangen, tauchen sie über Graumarkt-Importeure früher oder später auf Marktplätzen auf. Apple kann iPhones per Seriennummer sperren, bei Parfüm gibt es diese Möglichkeit nicht. Wer in den kommenden Wochen auffällig günstige iPhone-Posten aus dem Mittleren Osten angeboten bekommt, sollte die Herkunft doppelt prüfen – gestohlene Ware bleibt gestohlene Ware, auch nach drei Zwischenhändlern.
Minus 90 Prozent: Der größte Hafen der Region liegt quasi still
Die Straße von Hormus ist seit Kriegsbeginn Ende Februar 2026 faktisch dicht. Der IMF PortWatch zählte am 11. Oktober zwei Transits – vor der Krise waren es rund 85 pro Tag, wie der Live-Tracker straits.live dokumentiert. Die Folgen zeigen sich in Dubai: Jebel Ali, der größte Containerhafen des Nahen Ostens, schlug im zweiten Quartal 2026 nur noch 374.000 TEU um, ein Minus von 90,1 Prozent zum Vorjahr. Im ersten Halbjahr lag der Umschlag bei 3,1 Millionen TEU, ein Rückgang um 59,5 Prozent, wie World Cargo News aus den DP-World-Zahlen zitiert . Der Hafen selbst ist unbeschädigt und voll betriebsbereit. Es kommt nur nichts an.
Die Reedereien haben reagiert. Maersk hat Buchungen nach Irak, Kuwait, Katar, Bahrain, in die saudischen Golfhäfen und zu den meisten Häfen der Emirate ausgesetzt. Stattdessen löscht die Reederei in Fujairah und Khor Fakkan außerhalb der Meerenge und fährt die Container per Lkw nach Jebel Ali. Für jedes Schiff, das die Straße von Hormus dennoch passiert, berechnet Maersk 1.000 US-Dollar pro Container zusätzlich zu einem Notfall-Frachttarif. Hapag-Lloyd hat alle Transits gestoppt. Die Spotraten Shanghai–Jebel Ali haben sich laut Freightos seit Kriegsbeginn vervierfacht: von unter 2.000 auf über 8.000 US-Dollar pro Container.
Fährt deine Ware durch Hormus? Nein – und trotzdem zahlst du mit
Die wichtigste Frage für deutsche Onlinehändler lässt sich klar beantworten: Handelsware für den europäischen Markt fährt nicht durch die Straße von Hormus. Der Persische Golf ist eine Sackgasse, die bei Kuwait, Irak und Iran endet. Die Hauptroute Asien–Europa läuft über das Rote Meer und den Suezkanal oder, wegen der Huthi-Angriffe, um das Kap der Guten Hoffnung. Keine dieser Routen berührt die Meerenge. Freightos beziffert den Anteil der Straße von Hormus am globalen Containervolumen auf nur 2 bis 3 Prozent, verglichen mit rund 20 Prozent, die normalerweise durch das Rote Meer laufen. Beim Öl sieht es anders aus: Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls kam vor dem Krieg durch diese Passage.
Durch Hormus fährt, was in die Golfstaaten hinein- oder aus ihnen herausgeht. Für Europa sind das vor allem Flüssiggas aus Katar – 12 bis 14 Prozent der europäischen LNG-Importe – sowie Kunststoffgranulate, Aluminium und Düngemittel aus Saudi-Arabien und den Emiraten. Dazu kommt die Rolle von Jebel Ali als Umschlagplatz: Dort werden Container von großen Schiffen auf kleinere Feeder umgeladen, die nach Ostafrika, Indien und in die Golfstaaten weiterfahren. Die UN-Handelsorganisation UNCTAD warnt, dass Störungen an diesem Knoten durch die Liniennetze der Reedereien bis in andere Häfen durchschlagen. Hinzu kommt ein Nebeneffekt, der Händler direkt betrifft: Leercontainer stapeln sich im Golf und fehlen auf anderen Routen.
Teherans neue Taktik: „Nirgendwo sicher, auch nicht außerhalb der Meerenge“
Der Fall GFS Pride markiert eine Eskalation. Reuters zitiert zwei ranghohe iranische Beamte, wonach Teheran seine Taktik gegen die Schifffahrt ändert, um den Ölpreis hochzuhalten und die US-Zwischenwahlen am 3. November zu beeinflussen. Einer warnte, Schiffe seien „nirgendwo sicher, auch nicht außerhalb der Straße von Hormus“. Ein anderer kündigte die vollständige Schließung der Wasserstraße an. Damit rückt auch die bislang nutzbare Südroute entlang Omans ins Visier, über die der verbliebene Restverkehr läuft.
Für den deutschen Onlinehandel heißt das: Die Lieferkette aus China bleibt vorerst unberührt, die Nebenkosten nicht. Höhere Ölpreise schlagen direkt auf Bunkerzuschläge (BAF), Kraftstoffzuschläge im Paketversand und Kunststoffpreise für Verpackungen durch. Wer in die Golfstaaten liefert oder von dort bezieht, rechnet seit Monaten mit Umwegen über Fujairah, Wartezeiten und vervierfachten Raten. Und wer demnächst ein verdächtig günstiges iPhone-Kontingent angeboten bekommt, weiß jetzt, wo es herkommen könnte: vom Grund der Straße von Hormus.




