Xentral ist eines der bekannteren ERP-Systeme für Onlinehändler im deutschsprachigen Raum. Aus der Gerüchteküche war Dramatisches zu hören: Gründer Benedikt Sauter soll operativ abgesägt worden sein, und die Nachfinanzierung soll stocken. Sauter bestreitet das auf Nachfrage, räumt aber ein, dass Domenico Cipolla den CEO-Job inzwischen alleine macht. Was bekannt ist, was dementiert wird und was die Zahlen hergeben, liest du hier.
Inhaltsverzeichnis
- Flurfunk am Mittag: „Bene ist operativ abgesägt worden“
- Vom Hardware-Shop zum „SAP für kleine Unternehmen“
- 95 Millionen Dollar: Wer bei Xentral am Tisch sitzt
- Sauter per WhatsApp: „Wir brauchen keine Finanzierung“
- Die Zahlen: 9,4 Millionen Verlust, 32 Millionen Cash, seit 2021 keine neue Runde
- Einordnung: Wenn der Gründer die Brücke verlässt
- Warum VCs im ERP-Geschäft gerade nichts verloren haben
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Flurfunk am Mittag: „Bene ist operativ abgesägt worden“
Um 13:59 Uhr landete heute eine Nachricht aus der Szene auf meinem Handy. Inhalt, sinngemäß: Benedikt Sauter sei bei Xentral operativ abgesägt worden, es gebe Probleme bei der Nachfinanzierung, und die bestehenden VCs (Venture-Capital-Geber, also die Risikokapital-Investoren) wollten wohl nicht mehr. Der Absender betonte selbst: unbestätigt, Flurfunk. Als Quelle will er nicht genannt werden.
Und wie immer gilt: Jedes Gerücht hat seinen wahren Kern. Also hat Wortfilter nachgefragt – bei dem, der es wissen muss. Vorher aber die Frage: Wer und was ist Xentral überhaupt?
Vom Hardware-Shop zum „SAP für kleine Unternehmen“
Xentral kommt aus Augsburg. Benedikt und Claudia Sauter betrieben dort ab 2008 die embedded projects GmbH, einen Onlineshop für Mikrocontroller. Weil Sauter für seinen Shop keine bezahlbare Warenwirtschaft fand, schrieb er sie selbst. Das Tool hieß erst waWision, verkaufte sich bald besser als die Hardware, und 2017 stellte das Ehepaar das Hardware-Geschäft ein. Daraus wurde die Xentral ERP Software GmbH .
Heute positioniert sich Xentral als cloudbasiertes „KI-ERP für den Handel“: Auftragsabwicklung, Lager, Einkauf, Buchhaltung, angebunden an Shops, Marktplätze und Versanddienstleister. Nach eigenen Angaben nutzen mehr als 2.000 Unternehmen die Software, rund 150 Mitarbeitende arbeiten an 17 Standorten. Die Pakete starten laut Preisseite bei 349 Euro netto im Monat, die KI-Funktionen sind bis Ende 2026 inklusive und werden ab 2027 nach Credits abgerechnet.
95 Millionen Dollar: Wer bei Xentral am Tisch sitzt
Das erste externe Geld kam 2018 von Frank Thelen und seinem Fonds Freigeist Capital. Im Januar 2021 folgte die Series A über 20 Millionen US-Dollar, angeführt von Sequoia Capital – damals die erste Investition des Silicon-Valley-Fonds in Europa – mit Beteiligung des Berliner Visionaries Club. Nur sieben Monate später, im August 2021, kam die Series B über 75 Millionen US-Dollar , angeführt von Tiger Global und Meritech Capital. Sequoia, Visionaries Club und Freigeist zogen mit. Das Handelsblatt nannte Xentral damals das „SAP für kleine Unternehmen“.
Insgesamt flossen damit rund 95 Millionen US-Dollar in das Unternehmen, die Bewertung lag laut Branchenberichten bei rund 600 bis 670 Millionen Euro. Im Beirat sitzen unter anderem Luciana Lixandru (Sequoia), Robert Lacher (Visionaries Club) und Frank Thelen. Als weitere Geldgeber führt Crunchbase HubSpot Ventures, Lightspeed Venture Partners, s16vc und Leblon Capital. Gesellschafter sind damit neben dem Gründerehepaar vor allem die genannten VC-Fonds.
Ende 2023 kam Domenico Cipolla als Co-CEO an Bord: Ex-CEO von Home24, davor Partner bei Freigeist Capital – also beim Fonds von Frank Thelen, der bei Xentral im Beirat sitzt. Offizielle Begründung damals: Cipolla soll die Skalierung steuern, Sauter sich auf Produkt und Kunden konzentrieren. Auf der Website firmiert Sauter bis heute als „Founder & Co-CEO“, im Impressum stehen beide als Geschäftsführer.
Sauter per WhatsApp: „Wir brauchen keine Finanzierung“
Mit dem Gerücht konfrontiert, antwortete Benedikt Sauter per WhatsApp wörtlich:
„bin noch dabei nur CEO macht Domenico alleine – ich stecke tief in AI. Wir haben noch genug Geld wir brauchen keine Finanzierung. Im Gegenteil wir sind Cash Flow positiv.“
Benedikt Sauter, Gründer Xentral, 4. November 2026
Drei Aussagen stecken darin. Erstens: Sauter ist nicht weg, aber nicht mehr CEO – Cipolla führt alleine. Zweitens: Es gibt genug Geld, eine Finanzierungsrunde sei nicht nötig. Drittens: Xentral sei Cashflow-positiv. Die erste Aussage bestätigt den Kern des Gerüchts. Die beiden anderen widersprechen ihm.
Die Zahlen: 9,4 Millionen Verlust, 32 Millionen Cash, seit 2021 keine neue Runde
Lässt sich das prüfen? Ja, zumindest bis Ende 2024. Der Jahresabschluss 2024 der Xentral ERP Software GmbH (Amtsgericht Augsburg, HRB 23930) liegt Wortfilter vor. Der Umsatz stieg um 22 Prozent von 11,9 auf 14,5 Millionen Euro. Der Jahresfehlbetrag lag bei 9,4 Millionen Euro (2023: 10,1 Millionen, 2022: 17,5 Millionen). Die operativen Aufwendungen beliefen sich auf 25,7 Millionen Euro, davon 15,0 Millionen Personalkosten für durchschnittlich 144 Beschäftigte. Heißt: Xentral gibt für jeden Euro Umsatz rund 1,77 Euro aus. Der aufgelaufene Verlust seit Gründung summiert sich auf gut 48 Millionen Euro, die Kapitalrücklage – also das eingezahlte Investorengeld – auf 81,2 Millionen Euro.
Entscheidend für die Frage nach der Nachfinanzierung ist die Kasse. Zum 31. Dezember 2024 lagen 32,1 Millionen Euro auf den Konten, ein Jahr zuvor waren es 39,6 Millionen. Abfluss also: 7,5 Millionen Euro in zwölf Monaten. Bankkredite gibt es keine, die Eigenkapitalquote liegt bei 91 Prozent. Der Lagebericht, unterschrieben von Sauter und Cipolla, spricht von einem „starken Potenzial für profitables Wachstum und stabile Liquidität“ in 2025 – und davon, dass Investitionen „aus eigener Kraft“ finanziert werden. Rechnet man den Abfluss von 2024 fort, reicht das Geld noch rund vier Jahre. Wer so viel Cash hat, muss tatsächlich keine Runde aufnehmen. Sauters Aussage „Wir haben noch genug Geld“ ist damit wahrscheinlich gedeckt.
Nur: „Cash Flow positiv“ ist nach diesen Zahlen eine Aussage über 2025 oder 2026, nicht über das letzte testierte Jahr. 2024 war der Cashflow mit minus 7,5 Millionen Euro klar negativ. Damit Xentral bis heute die Wende geschafft hat, müssten binnen anderthalb Jahren entweder der Umsatz um rund 50 Prozent gestiegen oder die Kosten massiv gesunken sein – oder beides. Vorauszahlungen aus Jahresverträgen helfen dabei, zeigen sich aber auch als passive Rechnungsabgrenzung in der Bilanz: Die stieg 2024 von 0,7 auf 1,2 Millionen Euro. Und: Die letzte Finanzierungsrunde liegt über fünf Jahre zurück. Für ein Unternehmen, das 2021 mit 600 Millionen Euro bewertet wurde, ist das eine lange Zeit ohne frisches Geld. Entweder braucht Xentral es wirklich nicht – oder es bekommt keins zu den alten Konditionen. Beides passt zu Sauters Satz. Nur die Interpretation ist eine andere.
Ein kleiner Seitenhieb zur Sorgfalt: Im veröffentlichten Lagebericht steht mitten im Satz zu den Entwicklungskosten ein stehengebliebener Prüfer-Kommentar – inklusive Namen der Prüferin, einer Bearbeiter-ID und der Bitte, „die Aufstellung der Kosten für Forschung und Entwicklung zur Verfügung“ zu stellen. Davor prangt eine Steigerung der F&E-Ausgaben um „1171975813 %“. So ging der Abschluss ins Unternehmensregister, unterschrieben von beiden Geschäftsführern. Wer seinen Kunden ein ERP verkauft, das Zahlen sauber zusammenführt, sollte den eigenen Jahresabschluss vor der Veröffentlichung einmal lesen.
Kasten: Was Cashflow bedeutet – und was nicht
Der Cashflow ist der Saldo aus allen Ein- und Auszahlungen eines Zeitraums, also: Wie viel Geld kommt tatsächlich auf dem Konto an, wie viel geht runter.
Positiver Cashflow: Es fließt mehr Geld rein als raus. Das Konto wächst. Bei einem SaaS-Anbieter wie Xentral passiert das zum Beispiel, wenn Kunden Jahresverträge im Voraus bezahlen – das Geld ist da, auch wenn die Leistung noch nicht erbracht ist.
Negativer Cashflow: Es fließt mehr Geld raus als rein. Das Unternehmen zehrt von Reserven oder braucht frisches Kapital. Typisch für Startups in der Wachstumsphase.
Der Haken: Ein positiver Cashflow sagt noch lange nichts darüber, ob gutes Geld verdient wird. Vorauszahlungen, gestrichene Investitionen, verschobene Rechnungen oder Entlassungen treiben den Cashflow nach oben, ohne dass das Unternehmen profitabel wäre. Ob Xentral Gewinn macht, zeigt erst der Jahresabschluss – und der wies für 2024 einen Verlust von 9,4 Millionen Euro und einen Mittelabfluss von 7,5 Millionen Euro aus.
Einordnung: Wenn der Gründer die Brücke verlässt
Wenn ein Gründer die Brücke verlässt, dann ist das nie ein gutes Zeichen. Und ich neige dazu, dem Gerücht mehr Glauben zu schenken als dem Dementi des Ex-CEOs. Denn auch wenn er sich jetzt um ein anderes Thema kümmert – was für ein Wunder, dass es gerade das Buzz-Feature KI ist –, dann kann er trotzdem seine Position behalten. Er hat ja einen Co-CEO. Dass er den Titel abgibt, ist eine Entscheidung. Und die trifft bei einem VC-finanzierten Unternehmen selten der Gründer allein.
Dann die Nachfinanzierung. Ein kritisches Thema für das Unternehmen. Sauter bestreitet, dass es ein Problem gibt. Wir können nur hoffen, dass das auch stimmt – für die über 2.000 Unternehmen, die ihre Warenwirtschaft an Xentral hängen haben.
Warum VCs im ERP-Geschäft gerade nichts verloren haben
Aus meiner Sicht tun VCs gut daran, sich aus dem ERP- und Wawi-Geschäft zu verabschieden. Onlinehändler wachsen nicht wie im Frühling die Blätter am Baum. Im Gegenteil: Auch der Onlinehandel ist von der allgemeinen Pleitewelle nicht verschont. Im zweiten Quartal 2026 meldeten laut IWH knapp 5.000 Unternehmen Insolvenz an, so viele wie seit 2005 nicht, und der Handel gehört zu den am stärksten betroffenen Branchen. Das bedeutet: weniger Kunden und ein harter Umverteilungskampf.
Wie wir wissen, wechseln Händler ungern ihr ERP-System. JTL hat uns das alle schön mit seiner Preiserhöhung demonstriert, bei der der Anbieter voll auf den Lock-in-Effekt gesetzt hat – also darauf, dass ein Wechsel so teuer und aufwendig ist, dass Händler lieber zahlen als gehen.
Und da wäre dann noch Odoo, der Hidden Champion. Kaum bekannt, aber viel genutzt. Das Odoo-ERP ist die unangefochtene Nummer 1: gut, günstig, quelloffen. Die Belgier kamen 2024 auf 426 Millionen Euro Umsatz, wurden im September 2026 mit 10 Milliarden Euro bewertet und beschäftigen rund 7.000 Menschen. Gegen diese Maschine tritt ein Augsburger Anbieter mit 150 Leuten und knapp 12 Millionen Euro Umsatz an.
Dazu kommt noch das KI-Thema. Nicht wenige technikaffine Händler bauen sich mal eben ein Basic-ERP selbst. In wenigen Tagen sind erste Ergebnisse da, und es ist meistens kostengünstiger als jede ERP-Umstellung mit Agentur und allem Tamtam. Als Investor würde ich gerade keinen einzigen Cent in diese Branche stecken.




