Ein JTL-Wawi Nachfolger als Open-Source-Software, entwickelt von einer Crowd mit KI-Werkzeugen und direkt auf dem bestehenden MS-SQL-Datenbestand der JTL-Wawi lauffähig: Das ist der Plan, den Thomas Krim mit einem neuen Forum verfolgt. Er hat Wortfilter gebeten, die Initiative bekannt zu machen, um möglichst viele JTL-Nutzer zu erreichen. Das Forum ist seit wenigen Tagen online und zählt derzeit drei Mitglieder; das Diskussionspapier liegt Wortfilter vor. Dieser Beitrag beschreibt das Vorhaben, den Stand der Plattform und die Rahmenbedingungen, an denen sich die Erfolgsaussichten messen lassen.
Inhaltsverzeichnis
- Ein Forum, drei Mitglieder, ein Diskussionspapier hinter Login
- Weiterarbeiten auf der alten Datenbank – das ist der Kern der Idee
- 240 Fachbereiche, zwei Dutzend genutzt – das Fundament der Initiative
- Warum die Initiative ausgerechnet jetzt kommt
- Hunderte Tabellen, dutzende Schnittstellen – was eine Wawi leisten muss
- Odoo brauchte 20 Jahre – Open-Source-ERP im Vergleich
- Kann das klappen? Was die Angaben hergeben
Fasse den Artikel im Bullet-Stil zusammen.
Ein Forum, drei Mitglieder, ein Diskussionspapier hinter Login
Die Plattform heißt „FNW – Forum Neue Wawi“ und ist unter fnw.zeitvergeht.de erreichbar. Sie läuft auf der Forensoftware phpBB und trägt den Untertitel „Austausch für JTL-Wawi-Nutzer und die Entwicklung einer neuen Wawi“. Ohne Anmeldung ist kein Forenbereich sichtbar. Wer das Diskussionspapier im Unterforum „Grundsatzdiskussion Neue Wawi“ lesen will, muss sich registrieren. Auch Impressum und Datenschutzerklärung sind als Forenthema angelegt und ohne Login nicht abrufbar.
Die Statistik auf der Startseite nennt Stand 25. Oktober 2026 zwei Beiträge, zwei Themen und drei Mitglieder. Der Besucherrekord liegt bei fünf gleichzeitig anwesenden Nutzern am 22. Oktober 2026. Die Hauptdomain zeitvergeht.de zeigt eine Platzhalterseite des Hosting-Panels, erstellt am 23. Oktober 2026. Das Eröffnungsthema „Lasst uns eine Open-Source-Wawi bauen!“ wurde am 23. Oktober 2026 um 15:03 Uhr vom Nutzer „Somath“ veröffentlicht, der sich am selben Tag registriert hatte. Angaben zu einem Unternehmen, einer Rechtsform oder einer bestehenden Entwicklergruppe enthält weder die Anfrage noch das Papier.
Weiterarbeiten auf der alten Datenbank – das ist der Kern der Idee
Das Papier beschreibt eine quelloffene Warenwirtschaft (Open Source: der Programmcode ist einsehbar und darf unter einer freien Lizenz genutzt und verändert werden), die direkt auf der vorhandenen MS-SQL-Datenbank der JTL-Wawi arbeitet – „unverändert, ohne Umzug, ohne Stichtag“ – oder alternativ den Datenbestand vollständig übernimmt. Die JTL-Wawi ist eine Windows-Anwendung, deren Daten in einer Microsoft-SQL-Server-Datenbank liegen; Artikel, Kunden, Aufträge, Rechnungen und Lagerbestände stehen dort in Tabellen, auf die Händler mit eigenen Zugangsdaten direkt zugreifen können. Das erste Ziel lautet, die JTL-Wawi „zunächst vollständig nachzubilden – mit allen Funktionen, die heute im Einsatz sind“. Jede Rechnung, jeder Lieferschein und jeder Buchhaltungsexport soll „genau so herauskommen wie bisher“ und an vorhandenen Belegen überprüfbar sein. Erst danach sollen neue Funktionen folgen.
Der Weg ist zweistufig geplant. Stufe eins: Parallelbetrieb, bei dem neue Wawi und JTL-Wawi auf derselben Datenbank laufen; die neue Software hält sich an die Datenregeln der JTL-Wawi und nutzt, wo sinnvoll, deren offizielle Schnittstelle. Stufe zwei: Die JTL-Wawi wird abgeschaltet, die Datenbank weitergenutzt oder migriert, mit einem Abgleich, der Rechnungen, Bestände und Monatsumsätze nachweist. Weil der JTL-Shop seit April 2026 Bestandteil der JTL-Editionen ist, braucht ein Händler nach der Kündigung auch einen neuen Shop. Als Kandidaten nennt das Papier Shopware 6, PrestaShop und Sylius, wahlweise als eigener Fork. Die Marktplatzanbindung (heute eazyAuction) soll die neue Wawi später direkt über die offiziellen Schnittstellen von eBay, Amazon und weiteren Plattformen übernehmen, „Kanal für Kanal, mit festem Stichtag“.
Die Entwicklung soll per „Vibecoding im Schwarm“ laufen. Vibecoding bezeichnet eine Arbeitsweise, bei der Programmcode überwiegend von KI-Modellen erzeugt wird und Menschen Anforderungen in natürlicher Sprache formulieren, Ergebnisse testen und nachjustieren; der Begriff geht auf den KI-Forscher Andrej Karpathy zurück, der ihn Anfang 2025 prägte. Das Papier beschreibt vier Schritte: Händler und Fachleute beschreiben eine Funktion in Klartext, Entwickler setzen sie mit KI-Assistenten um, ein zweiter Mensch prüft gegen vorhandene Rechnungen und Exporte, Pilotbetriebe testen auf eigenen Daten. Als Regeln gelten: kein fremder Code, keine echten Kundendaten im Projekt, Steuer- und Buchhaltungsfunktionen nur mit Freigabe einer fachkundigen Person. Zur rechtlichen Seite heißt es, die Nachbildung erfolge „vollständig neu und eigenständig“, ohne Programmcode, Texte, Grafiken, Vorlagen, Handbücher, Marken oder 1:1 übernommene Bildschirmmasken von JTL; rechtliche Fragen sollen mit fachkundiger Beratung geklärt werden, bevor die erste Zeile Code öffentlich wird.
Technisch schlägt der Initiator C# mit .NET vor, als Architektur ein Hybridmodell aus Server mit offener Schnittstelle, Weboberfläche für alle Arbeitsplätze und schlankem Desktop-Client für Packplatz und Hardware. Als Werkzeuge nennt das Papier GitHub, VS Code mit Claude Code oder vergleichbaren KI-Assistenten, SQL Server Developer/Express, Docker, das Analysewerkzeug REA sowie ein Anonymisierungsskript für Testdatenbanken. Sprache, Architektur und Lizenz sollen erst nach einer Abstimmung im Forum festgelegt werden; danach soll das GitHub-Projekt angelegt werden. Einen Zeitplan nennt das Papier nicht. Die Finanzierung ist als Frage an die Community formuliert („beschreiben, entwickeln, testen, finanzieren?“). Die angekündigten Detailbeiträge zu Shop, Marktplätzen und zum Vergleich mit Odoo und ERPNext tragen den Vermerk „Link folgt“.
240 Fachbereiche, zwei Dutzend genutzt – das Fundament der Initiative
Das Papier verweist auf Vorarbeiten. Ausgewertet wurde nach eigenen Angaben der Datenbestand eines mittelständischen Versandhändlers mit rund 16.000 Aufträgen im Jahr, eigenem Onlineshop, eBay-Anbindung und Lieferungen in knapp 80 Länder. Gemessen wurde, welche Funktionen tatsächlich genutzt werden. Daraus seien Fachbeschreibungen zu Artikeln, Kunden, Aufträgen und Belegen, Steuern, Versand, Belegausgabe, Automatisierung und Buchhaltungsexport entstanden, die in das Projekt eingebracht werden sollen.
Die zentrale Zahl: Die JTL-Wawi umfasse rund 240 Fachbereiche, von denen in diesem Betrieb gut zwei Dutzend intensiv genutzt wurden; von 136 angelegten Workflows seien 25 aktiv gewesen. Mit diesem Kern soll die Nachbildung beginnen und dann Bereich für Bereich fortgesetzt werden. Die Zahlen stammen aus einem einzelnen Betrieb; ob sie für andere Händler mit Mehrlagerbetrieb, Kasse, Fulfillment oder B2B-Prozessen gelten, lässt sich aus dem Papier nicht ableiten.
Warum die Initiative ausgerechnet jetzt kommt
Die JTL-Wawi ist nach Herstellerangaben bei rund 50.000 Anwendern installiert; mehr als 15.000 davon sind zahlende Kunden. Seit Oktober 2023 ist der britische Finanzinvestor Hg Hauptgesellschafter der JTL-Software GmbH. Im Juli 2024 stellte JTL das Preismodell auf Editionen um; im JTL-Forum sprachen Händler damals von Preissteigerungen um bis zu 400 Prozent. Zum 1. April 2026 folgte eine weitere Erhöhung : Wawi Advanced stieg im Monatstarif von 99 auf 119 Euro, Wawi Pro von 299 auf 369 Euro. Die kostenlose Start-Edition verlor die Connectoren für WooCommerce und PrestaShop.
Auf der Partner Convention im Mai 2026 meldete JTL einen Umsatz von über 80 Millionen Euro, das 2,8-Fache des Werts von 2023. Rechnerisch entfallen damit rund 5.333 Euro pro zahlendem Kunden und Jahr. Ein Nutzer im JTL-Forum beschrieb die Lage als „gefangen und ausgeliefert“. Das Papier greift diese Abhängigkeit auf: Der Hersteller entscheide, „wann umgestellt wird, welche Dienste wegfallen, welche Zusatzleistungen etwas kosten“. Der Wechsel eines Warenwirtschaftssystems gilt als aufwändig, weil Artikelstamm, offene Aufträge, Schnittstellen und Abläufe migriert werden müssen. An dieser Hürde setzt die Idee an, die bestehende Datenbank weiterzuverwenden.
Hunderte Tabellen, dutzende Schnittstellen – was eine Wawi leisten muss
Eine Warenwirtschaft für Onlinehändler besteht aus mehr als Datenbanktabellen. Zum Funktionsumfang der JTL-Wawi gehören Artikel- und Variantenverwaltung, Lager mit Mehrlagerfähigkeit, Auftragsabwicklung, Rechnungs- und Gutschriftenerstellung, Zahlungsabgleich, Versandabwicklung mit Labeldruck für DHL, DPD, GLS, Hermes und weitere Dienstleister, Einkauf und Lieferantenbestellungen sowie Auswertungen. Hinzu kommen Anbindungen an Amazon, eBay, Kaufland, Otto und andere Marktplätze, an Shopsysteme wie JTL-Shop, Shopware, WooCommerce und Shopify sowie an Buchhaltungsprogramme wie DATEV. Das Papier will nach dem Wawi-Kern auch Shop und Marktplatzanbindung ersetzen; damit umfasst das Vorhaben drei Produkte, die JTL heute als Wawi, JTL-Shop und eazyAuction anbietet.
Rechtliche Anforderungen kommen hinzu. Rechnungen müssen den Vorgaben der GoBD (Grundsätze zur ordnungsmäßigen Führung und Aufbewahrung von Büchern, Aufzeichnungen und Unterlagen in elektronischer Form) genügen, unveränderbar archiviert werden und seit 2025 als E-Rechnung im Format XRechnung oder ZUGFeRD verarbeitbar sein. Umsatzsteuerregeln für den EU-Versand (OSS-Verfahren), Verpackungsgesetz-Meldungen und Kassenanforderungen (TSE) sind weitere Punkte, die eine produktiv eingesetzte Wawi abbilden muss. Das Papier benennt GoBD und E-Rechnung als „von Anfang an Pflicht“. Jede dieser Funktionen muss nicht nur einmal programmiert, sondern laufend an Änderungen der Marktplatz-APIs und der Gesetzeslage angepasst werden.
Das Datenbankschema der JTL-Wawi umfasst mehrere hundert Tabellen und ändert sich mit jeder Hauptversion. Eine Software, die darauf aufsetzt, muss das Schema vollständig verstehen, inklusive der Logik in gespeicherten Prozeduren, Triggern und Sichten, die JTL in der Datenbank hinterlegt hat. Das Papier sieht vor, im Parallelbetrieb die Datenregeln der JTL-Wawi einzuhalten und deren offizielle Schnittstelle zu nutzen. Ob und in welchem Umfang die Nutzungsbedingungen von JTL den Betrieb einer fremden Anwendung auf dieser Datenbank erlauben und ob am Schema selbst Schutzrechte bestehen, wären vor einer Veröffentlichung zu klären; das Papier kündigt eine solche Prüfung an, nennt aber noch kein Ergebnis.
Odoo brauchte 20 Jahre – Open-Source-ERP im Vergleich
Quelloffene Warenwirtschafts- und ERP-Systeme existieren seit Jahren. Odoo startete 2005 als TinyERP, wird von einem belgischen Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitenden getragen und finanziert die Community-Edition über eine kostenpflichtige Enterprise-Version. ERPNext aus Indien entsteht seit 2008 und wird von der Frappe-Gruppe sowie einer Stiftung getragen. Dolibarr und Tryton sind weitere Beispiele. Allen gemeinsam ist: Sie haben einen festen Kern aus bezahlten Entwicklern, eine Rechtsform oder Stiftung als Träger, ein öffentliches Code-Repository und eine festgelegte Lizenz.
Das Papier begründet, warum es nicht auf diese Systeme setzt: Sie seien „gut für einen kompletten Neuanfang“, verlangten aber „eine vollständige Datenmigration, einen Stichtag und eine neue Bedienung für alle Mitarbeiter“. Die Initiative will stattdessen einen Umstieg ohne Stichtag, ohne Migration und ohne neue Bedienung ermöglichen. Für den deutschen Onlinehandel hat sich bislang keines der freien Systeme als Standard durchgesetzt; Odoo wird über Agenturen als JTL-Alternative positioniert. Ein reines Community-Projekt ohne Trägerstruktur, das ein kommerzielles System vollständig ersetzt, gibt es im Bereich Warenwirtschaft bislang nicht. Das ist der Maßstab, an dem sich die Initiative messen lassen muss.
Kann das klappen? Was die Angaben hergeben
Dafür spricht der Bedarf: Zwei Preisrunden in zwei Jahren, eine Umsatzverdreifachung bei nahezu konstanter Kundenzahl und öffentliche Unmutsäußerungen im JTL-Forum zeigen, dass ein Teil der 15.000 zahlenden Kunden nach Alternativen sucht. Dafür spricht der technische Ansatz: Wer die bestehende Datenbank weiterverwendet, umgeht die größte Wechselhürde, und der Parallelbetrieb senkt das Risiko für Testbetriebe. Dafür spricht auch, dass das Papier die kritischen Punkte benennt, die bei ähnlichen Vorhaben oft fehlen: Clean-Room-Nachbildung ohne JTL-Code, Prüfung durch zweite Personen, Freigabe von Steuerfunktionen nur durch Fachkundige, GoBD und E-Rechnung als Pflicht, eine Nutzungsanalyse als Startpunkt statt einer Nachbildung aller 240 Fachbereiche. KI-gestützte Programmierung senkt zudem die Kosten für Standardcode erheblich; einzelne Händler berichten in den Kommentaren bei Wortfilter von Systemwechseln in Tagen statt Monaten.
Dagegen sprechen die Startbedingungen. Es gibt kein öffentliches Repository, keine Lizenz, keine Rechtsform, keinen Finanzierungsplan und keinen Zeitrahmen; Sprache, Architektur und Lizenz sollen erst nach einer Abstimmung feststehen. Die Registrierungspflicht, auch für das Diskussionspapier, begrenzt die Reichweite. Der Umfang ist mit Wawi, Shop und Marktplatzanbindung dreimal so groß wie eine reine Warenwirtschaft. Viele Funktionen benötigen laufende Pflege: Marktplatz-APIs ändern sich mehrmals im Jahr, Versanddienstleister stellen Schnittstellen um, Steuerregeln werden angepasst. Ein Händler, der Buchhaltung und Versand auf eine Software stützt, braucht Verlässlichkeit bei Updates, Support und Haftung. Open-Source-Projekte, die das leisten, haben dafür bezahlte Kernteams aufgebaut. Die Nutzungsanalyse beruht auf einem einzigen Betrieb; sein Funktionskern muss nicht der Kern anderer Händler sein.
Hinzu kommt die Abhängigkeit vom Hersteller: Eine Software, die im Parallelbetrieb auf dem JTL-Datenbankschema aufsetzt, muss jede Schemaänderung von JTL nachziehen. JTL kann zudem Nutzungsbedingungen anpassen. Offen ist, wer haftet, wenn ein KI-generierter Rechnungslauf fehlerhafte Umsatzsteuer ausweist. Nach den vorliegenden Angaben steht das Vorhaben am Anfang einer Grundsatzdiskussion, mit einem Konzeptpapier, das die Risiken benennt, aber noch keine Struktur dahinter hat. Ob daraus ein nutzbares Produkt wird, hängt davon ab, ob sich in den kommenden Monaten Entwickler mit Wawi-Erfahrung, eine Trägerstruktur und eine Finanzierung finden. Messbar wird das an drei Dingen: an einem öffentlichen Repository, an einem ersten lauffähigen Teilmodul auf einer echten JTL-Datenbank und an der Zahl der aktiv Mitarbeitenden. Stand heute liegt keiner dieser drei Punkte vor.
Wer sich beteiligen oder das Diskussionspapier lesen will, findet das Forum unter fnw.zeitvergeht.de . Das Papier stellt fünf Fragen an die Leser: ob sie eine quelloffene Nachbildung im Parallelbetrieb einsetzen würden, welche drei Funktionen unverzichtbar sind, ob Desktop, Browser oder beides, ob C#/.NET passt und wie sie sich einbringen würden. Wortfilter wird den Verlauf der Initiative weiter beobachten und berichten, sobald sich der Stand ändert.




