Die Trekvoss Insolvenz trifft einen Onlinehändler, der auf dem Papier wuchs und trotzdem die Liquidität verlor: 2,46 Millionen Euro Umsatz 2024, 2,21 Millionen Euro 2025 – und im Spätsommer 2026 der Insolvenzantrag beim Amtsgericht München. Die Trekvoss GmbH aus Hohenbrunn bei München verkauft Dachzelte, Campingausrüstung und Offroad-Zubehör über einen Shopify-Shop, einen eBay-Account und einen Showroom. Das Gericht hat Rechtsanwalt Marc-André Kuhne von der Münchner Kanzlei dkr kuhne dr. raith zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Der Geschäftsbetrieb läuft weiter, ein Investorenprozess ist gestartet. Als Krisenursache nennt der Verwalter umsatzabhängige Finanzierungen, deren Rückzahlung direkt bei den Zahlungsanbietern einbehalten wurde – ein Modell, das viele Onlinehändler nutzen.
Inhaltsverzeichnis
- 2,46 Mio. € Umsatz – und trotzdem kein Geld in der Kasse
- Wer hinter Trekvoss steht – und wer im Juli ausstieg
- Shopify, eBay, Showroom: Wo Trekvoss verkauft – und wo nicht mehr
- Was ein vorläufiger Insolvenzverwalter darf – und was nicht
- Offene Bestellungen, Lieferanten, Mitarbeiter: Wer jetzt was riskiert
- Umsatzbasierte Finanzierung – die Falle für wachsende Onlinehändler
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2,46 Mio. € Umsatz – und trotzdem kein Geld in der Kasse
Die Eckdaten stammen aus einer Pressemitteilung der Kanzlei, die INDat und Unternehmeredition am 16. Oktober 2026 veröffentlicht haben. Danach erzielte Trekvoss 2024 Umsatzerlöse von rund 2,46 Millionen Euro, 2025 waren es rund 2,21 Millionen Euro. Das Verfahren läuft beim Amtsgericht München unter dem Aktenzeichen 1500 IN 3264/26; die Bekanntmachung der Sicherungsmaßnahmen datiert laut einer Übersicht der Insolvenzbekanntmachungen auf den 1. September 2026.
Als Ursache nennt die Kanzlei drei Punkte. Erstens die Finanzierungsstruktur: „Umsatzabhängige Finanzierungen führten über prozentuale Einbehalte bei Zahlungsanbietern zu Liquiditätsabflüssen.“ Gemeint sind Kredite, deren Tilgung nicht als feste Monatsrate läuft, sondern als Prozentsatz jedes Zahlungseingangs direkt vom Zahlungsdienstleister einbehalten wird (Revenue-based Financing). Zweitens Preisdruck im Segment. Drittens die Kündigung des Mietvertrags im August 2026, die eine Neuaufstellung nötig machte. Mitarbeiterzahlen nennt die Mitteilung nicht; das LinkedIn-Profil des Unternehmens gibt 2 bis 10 Beschäftigte an.
Wer hinter Trekvoss steht – und wer im Juli ausstieg
Die Trekvoss GmbH ist im Handelsregister des Amtsgerichts München unter HRB 286662 eingetragen, Stammkapital 25.000 Euro, Geschäftsanschrift Rudolf-Diesel-Straße 17-19, 85521 Hohenbrunn. Die GmbH wurde laut Kanzlei im Juli 2023 gegründet und ging aus einer GbR der beiden Gründer hervor; der ursprüngliche Sitz lag in Schliersee. Als Unternehmensgegenstand ist der „Betrieb eines Online-Shops für Kfz-Anbauteile und Zubehör“ eingetragen, so die Registerdaten bei North Data .
Geschäftsführer waren seit der Eintragung am 10. August 2023 Laurenz Claus Eisenreich und Bastian Voßwinkel. Am 16. Juli 2026 wurde im Register bekanntgemacht, dass Voßwinkel nicht mehr Geschäftsführer ist – rund sechs Wochen vor der Bekanntmachung der vorläufigen Insolvenzverwaltung. Alleiniger Geschäftsführer ist seitdem Laurenz Eisenreich, der sich auf LinkedIn als Co-Founder bezeichnet. Voßwinkel führt daneben seit 2013 das Autohaus Vosswinkel. Das bei Trusted Shops hinterlegte Impressum nennt noch beide Namen als Vertreter.
Shopify, eBay, Showroom: Wo Trekvoss verkauft – und wo nicht mehr
Der Hauptkanal ist der eigene Shop unter trekvoss.com , der auf Shopify läuft. Das Sortiment umfasst Klapp-, Hybrid- und Hartschalen-Dachzelte der Marken qeedo und Vickywood, Markisen, Campingküchen, Solarlösungen, Seilwinden von WARN, Kühlboxen von YETI, Dachträger von Rhino Rack und Front Runner sowie LED-Beleuchtung von Strands und LTPRTZ. Dazu kommt modellspezifisches Zubehör für Suzuki, Jeep, Land Rover, Ford, Volkswagen und Toyota. Laut Kanzlei wird „der überwiegende Teil der Umsätze“ über diesen Shop erzielt. Bei Trusted Shops steht der Händler mit 285 Bewertungen bei der Note 4,44.
Auf eBay tritt das Unternehmen unter dem Konto trekvoss auf: 405 Bewertungen, 100 Prozent positiv, 1.867 verkaufte Artikel, 171 Follower. Aktive Angebote gab es dort am 17. Oktober 2026 allerdings keine mehr – das Konto zeigt null Ergebnisse. Ob der eBay-Vertrieb bewusst gestoppt wurde oder nur ausgelistet ist, lässt sich von außen nicht sagen. Auf Amazon ist kein Verkäuferkonto der Trekvoss GmbH feststellbar. Der Showroom in Hohenbrunn, erst im Mai 2025 eröffnet, bleibt nach Angaben des Verwalters geöffnet; dort werden auch Montagen und Dachzelt-Vermietungen angeboten.
Was ein vorläufiger Insolvenzverwalter darf – und was nicht
Das Verfahren steht im Eröffnungsstadium. Das Amtsgericht hat nach § 21 InsO Sicherungsmaßnahmen angeordnet und einen vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Eröffnet ist das Insolvenzverfahren damit noch nicht; das Gericht prüft erst, ob ein Insolvenzgrund (Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung) vorliegt und ob die Masse die Verfahrenskosten deckt. In der Regel handelt es sich in dieser Phase um einen sogenannten „schwachen“ vorläufigen Verwalter: Die Geschäftsführung bleibt im Amt, Verfügungen über das Vermögen brauchen aber die Zustimmung des Verwalters (§ 21 Abs. 2 Nr. 2 InsO). Dazu passt die Formulierung der Kanzlei, dass „gemeinsam mit dem ganzen Team und der Geschäftsführung“ alle Abläufe gesichert seien.
Der angekündigte Investorenprozess zielt auf eine übertragende Sanierung: Ein Käufer übernimmt Warenlager, Marke, Shop, Kundendaten und gegebenenfalls Mitarbeiter per Asset Deal, die Verbindlichkeiten bleiben in der alten GmbH. Rechtlich wirksam wird ein solcher Verkauf meist erst nach Eröffnung des Verfahrens, weil dann der Verwalter mit Zustimmung des Gläubigerausschusses oder der Gläubigerversammlung (§ 160 InsO) über das Vermögen verfügen kann. Die Kanzlei nennt als Spezialgebiet ausdrücklich übertragende Sanierungen, Insolvenzplanverfahren und Eigenverwaltungen.
Offene Bestellungen, Lieferanten, Mitarbeiter: Wer jetzt was riskiert
Für Kunden mit offenen Bestellungen gilt: Bestellungen werden laut Verwalter „aus bestehenden Beständen sowie im Streckengeschäft“ ausgeführt, also auch direkt vom Lieferanten an den Endkunden. Wer vor dem Insolvenzantrag per Vorkasse bezahlt hat und keine Ware erhält, ist einfacher Insolvenzgläubiger und muss die Forderung nach Eröffnung zur Tabelle anmelden. Bei Zahlung per Kreditkarte oder PayPal kommt ein Chargeback beziehungsweise Käuferschutz in Betracht. Dachzelte liegen preislich zwischen 1.290 und 2.999 Euro – entsprechend hoch ist das Einzelrisiko.
Lieferanten und Markenpartner wie qeedo, Vickywood, YETI oder WARN müssen prüfen, ob gelieferte Ware unter Eigentumsvorbehalt steht. Dann besteht nach Eröffnung ein Aussonderungsrecht (§ 47 InsO), beim verlängerten Eigentumsvorbehalt ein Absonderungsrecht an den Forderungen (§ 51 InsO). Die Mitarbeiter haben Anspruch auf Insolvenzgeld für bis zu drei Monate vor Eröffnung (§ 165 SGB III); dass die Pressemitteilung keine Vorfinanzierung erwähnt, deutet auf eine kleine Belegschaft hin. Und der Shopify-Shop selbst: Shopify stellt bei Zahlungsrückständen den Zugang ein. Ob die Plattformgebühren und etwaige Shopify-Finanzierungen bedient werden, ist öffentlich nicht bekannt.
Umsatzbasierte Finanzierung – die Falle für wachsende Onlinehändler
Umsatzabhängige Finanzierungen werden von Shop-Plattformen, Zahlungsdienstleistern und Fintechs mit wenigen Klicks vergeben, ohne Bankprüfung, oft innerhalb von Tagen. Die Rückzahlung läuft automatisch: Ein fester Prozentsatz jedes Zahlungseingangs geht an den Finanzierer, bevor das Geld auf dem Händlerkonto landet. Solange der Umsatz steigt, ist das bequem. Sinkt der Umsatz – bei Trekvoss um rund zehn Prozent von 2024 auf 2025 – bleibt der Prozentsatz gleich, die absolute Belastung sinkt zwar, aber die Laufzeit verlängert sich und der Fixkostenblock (Miete, Personal, Showroom) bleibt. Dazu kommt bei hochpreisiger Ware das Vorfinanzieren des Lagers.
Für Onlinehändler, die mit solchen Produkten arbeiten, lohnt ein Blick auf drei Zahlen: den effektiven Jahreszins der Finanzierung (bei Revenue-based Financing oft zweistellig, als „Faktor“ statt als Zins ausgewiesen), den Anteil des Einbehalts am Zahlungseingang und den Deckungsbeitrag nach Abzug dieses Einbehalts. Wer bei einem Dachzelt für 2.999 Euro nach Einkauf, Fracht, Plattformgebühr und Einbehalt kaum Marge übrig hat, finanziert sein Wachstum aus der Substanz. Bei Trekvoss endete das mit dem Insolvenzantrag – ob der Investorenprozess das Unternehmen rettet, entscheidet sich in den kommenden Wochen.




