99rooms ist insolvent. Das Amtsgericht Charlottenburg hat am 23. September 2026 auf Eigenantrag der Digitec Living Brands GmbH, die hinter dem Berliner Möbelshop steht, Sicherungsmaßnahmen angeordnet und einen vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. 99rooms gehört zur börsennotierten The Platform Group (TPG) von Dr. Dominik Benner, der die Beteiligung noch im Oktober 2025 als Rekordjahr-Kandidaten präsentierte. Damit ist das die erste bekannte Insolvenz einer TPG-Tochter. Die WirtschaftsWoche berichtete am Montagabend zuerst.
Inhaltsverzeichnis
- Rekordjahr angekündigt, elf Monate später Eigenantrag beim Amtsgericht
- Wartungsmodus und ein Impressum aus Lorem ipsum
- Sofa bestellt, auf dem Boden geschlafen: Was Otto- und XXXLutz-Kunden erlebten
- Hinhaltetaktik seit 2023
- Was Kunden, Händler und Lieferanten von 99rooms jetzt tun müssen
- Lott, Chronext, ViveLaCar: Die Liste wird länger
- Meinung: The Problem Platform Group
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Rekordjahr angekündigt, elf Monate später Eigenantrag beim Amtsgericht
Den ersten Bericht lieferten Melanie Bergermann und Henryk Hielscher in der WirtschaftsWoche am 19. Oktober 2026 unter dem Titel „Dominik Benners Plattform der Probleme“. Die beiden Journalisten schreiben von einer früheren Vorzeigefirma der Gruppe, die insolvent ist, und von Töchtern, bei denen sich Beschwerden über die Zahlungsmoral häufen. Die Insolvenz selbst ist im Register öffentlich: Unter dem Aktenzeichen 3601 IN 6120/26 hat das Amtsgericht Charlottenburg am 23. September 2026 um 13:00 Uhr Sicherungsmaßnahmen nach §§ 21, 22 InsO angeordnet. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Dr. Florian Kleinschmit, Rahel-Hirsch-Straße 10, 10557 Berlin, bestellt.
Die Digitec Living Brands GmbH stellte den Antrag „über das eigene Vermögen“, also selbst. Verfügungen über das Firmenvermögen sind nur noch mit Zustimmung des vorläufigen Verwalters wirksam, Bankkonten und Außenstände gehen auf ihn über, und Schuldnern der Gesellschaft (sogenannte Drittschuldner) ist es verboten, noch an 99rooms zu zahlen. Der Verwalter prüft zugleich als Sachverständiger, ob ein Eröffnungsgrund vorliegt und welche Aussichten eine Fortführung hat. Die Gesellschaft wurde am 19. Dezember 2019 mit 25.000 Euro Stammkapital in Berlin gegründet, laut Northdata ist die The Platform Group GmbH & Co. KG als Gesellschafterin eingetragen, Geschäftsführer ist Gründer Christopher Lauth. Zu Digitec gehören neben 99rooms auch die Marken Stylefy, 99kitchens und die B2B-Plattform FastFurn Collection sowie eine polnische Tochter in Gdynia.
Noch am 9. Oktober 2025 hatte Benner die Beteiligung auf LinkedIn vorgestellt: über 15.000 Produkte, mehr als 200 deutsche Möbelhäuser als B2B-Abnehmer mit täglicher Nachbestellung, Headquarter in Danzig, Mitarbeiter in Polen und der Ukraine. Wörtlich: „Die Firma wird dieses Jahr einen Rekord bei Umsatz und Ergebnis verzeichnen.“ TPG-Verwaltungsrätin Nathalie Richert kommentierte, 99rooms stehe „exemplarisch für die Vision der The Platform Group“. Keine zwölf Monate später liegt der Eigenantrag beim Insolvenzgericht. Auf der TPG-Website wirbt die Gruppe bis heute mit 99rooms als Spezialist für Wohnen und Einrichten, Sitz im „trendbewussten Berlin“, inklusive Link zum Shop.
Wartungsmodus und ein Impressum aus Lorem ipsum
Wer dem Link folgt, landet auf 99rooms.de/maintenance . Dort steht nur: „Wartungsmodus. Wir aktualisieren derzeit die Inhalte dieser Seite. Bitte schauen Sie später wieder vorbei.“ Kein Wort von Insolvenz, kein Hinweis für Kunden mit offenen Bestellungen, keine Kontaktadresse des vorläufigen Insolvenzverwalters. Das verlinkte Impressum der Wartungsseite besteht aus Blindtext: „Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr“. Eine Website, die unter einer deutschen Domain Kunden anspricht, ohne Anbieterkennzeichnung nach § 5 DDG (Digitale-Dienste-Gesetz, früher § 5 TMG), ist abmahnfähig. Für ein Unternehmen, das gerade einen Insolvenzantrag gestellt hat, dürfte das die geringste Sorge sein.
Parallel läuft der Marktplatz-Vertrieb weiter, zumindest formal. Bei Otto ist 99rooms weiterhin als Verkäufer gelistet, mit AGB-Stand 1. September 2026, Speditionsversand für 39,90 Euro und Zahlungsabwicklung über OTTO Payments. Auch die Instagram-Präsenz @99rooms.de steht noch. Die Bewertungslage hängt derweil davon ab, wo man schaut: Bei Trusted Shops kommt 99rooms auf 4,70 von 5 Sternen bei 204 Bewertungen, viele davon als „importierte Bewertungen“ gekennzeichnet. Bei Trustpilot sind es 2,1 von 5 bei 143 Bewertungen, 52 Prozent davon mit einem Stern. 86 dieser Bewertungen stammen aus den letzten zwölf Monaten.
Sofa bestellt, auf dem Boden geschlafen: Was Otto- und XXXLutz-Kunden erlebten
Die Trustpilot-Bewertungen zeichnen den Absturz ab Sommer 2026 nach. Eine Kundin bestellte im Juni über Otto ein Ecksofa mit Lieferzeit von etwa einem Monat, entsorgte ihr altes Sofa und wartete drei Monate. Sie leistete bereits zwei Ratenzahlungen, bekam immer neue Liefertermine, zuletzt keine Antwort mehr, und schläft nach eigener Angabe seit 20 Tagen auf dem Boden. Ein anderer Kunde kaufte im Mai ein Sofa über XXXLutz, hörte monatelang nichts, wurde nach eigener Darstellung telefonisch blockiert und erhielt Ende September die Nachricht, dass 99rooms geschlossen habe. Ein dritter Kunde berichtet aus dem Kundenservice wechselnde Begründungen: erst ein Wasserschaden im Lager, dann Urlaubszeit, dann eine gekündigte Spedition. Drei Mal nahm er Urlaub für Liefertermine, die nicht stattfanden.
Am 1. Oktober schreibt eine Kundin schlicht: „Achtung, es läuft ein Insolvenzeröffnungsverfahren vom 23.09.2026 vom AG Charlottenburg!“ Ihre Couch hatte da acht Wochen Verspätung. Wer über PayPal gezahlt hat, meldet in mehreren Bewertungen erfolgreichen Käuferschutz. Wer über Otto bestellt und über OTTO Payments gezahlt hat, berichtet teils von Stornierungen ohne Rückzahlung und von Otto-Mitarbeitern, die auf den Verkäufer verweisen. Der Marktplatz-Hinweis auf otto.de ist eindeutig: Der Vertrag kommt mit dem jeweiligen Verkäufer zustande, Otto ist nur Plattform. Für Kunden heißt das im Insolvenzfall: Sie sind Insolvenzgläubiger der Digitec Living Brands GmbH, nicht Kunden von Otto.
Hinhaltetaktik seit 2023
Neu ist das Verhalten nicht. Schon im Oktober 2023 dokumentierte Verbraucherschutz.de unter dem Titel „Hinhaltetaktik statt Rückerstattung“ einen Fall der Schwestermarken 99kitchens.de und Stylefy.de, beide Digitec Living Brands. Eine Kundin hatte einen Kühlschrank für 1.004,90 Euro über Klarna bestellt, im Juli storniert und über Monate keine Erstattung erhalten. Die Buchhaltung habe das Geld „veranlasst“, hieß es mehrfach; Klarna sah nie einen Eingang, die Kundin kassierte Mahnungen. Geschäftsführer Christopher Lauth reagierte auf die Anfragen der Verbraucherschützer nicht. Stylefy.de steht bei Trustpilot heute bei 1,5 von 5 Sternen aus 228 Bewertungen.
Auch Lieferanten warteten auf Geld. Das polnische Inkassounternehmen Hadyński führte die Digitec Living Brands GmbH mit ihrer deutschen USt-ID DE328457594 gleich zweimal auf seiner öffentlichen Forderungsbörse: einmal mit 4.634,44 Euro aus zwei Rechnungen vom Mai und Juni 2022 , einmal mit 16.307,38 Euro aus fünf Rechnungen von Mai bis August 2025 , darunter eine einzelne über 10.144,34 Euro. Ein polnischer Gläubiger, der ein deutsches Unternehmen öffentlich an den Inkasso-Pranger stellt, hat vorher in der Regel alle anderen Wege ausgeschöpft.
Was Kunden, Händler und Lieferanten von 99rooms jetzt tun müssen
Wer noch eine offene Bestellung bei 99rooms hat, sollte nicht mehr auf eine Lieferung warten, sondern die Zahlung zurückholen. Bei PayPal läuft der Käuferschutz über 180 Tage ab Zahlung, bei Kreditkarte das Chargeback (Rückbuchung über die kartenausgebende Bank) in der Regel 120 Tage. Wer über Otto und OTTO Payments gezahlt hat, sollte den Fall schriftlich bei Otto eröffnen und auf den Insolvenzantrag des Verkäufers verweisen. Wer per Vorkasse überwiesen hat, meldet seine Forderung nach Eröffnung des Verfahrens beim Insolvenzverwalter an. Dafür gibt es eine Frist, die das Gericht im Eröffnungsbeschluss setzt; die Anmeldung erfolgt schriftlich mit Bestellbestätigung, Zahlungsnachweis und Korrespondenz. Rechne realistisch: Die Insolvenzquote (der Anteil, den Gläubiger am Ende erhalten) liegt bei solchen Handelsinsolvenzen oft im einstelligen Prozentbereich.
Die über 200 Möbelhäuser, die laut Benner über 99rooms beziehen, stehen vor einem anderen Problem: Ihre Endkunden haben Sofas und Betten bestellt, die der Lieferant nicht mehr liefert. Der Händler bleibt gegenüber seinem Kunden in der Pflicht, der Regress gegen Digitec ist eine Insolvenzforderung. Wer Anzahlungen an 99rooms oder FastFurn Collection geleistet hat, sollte die Belege jetzt zusammenstellen. Und wer umgekehrt noch Geld an Digitec schuldet, darf seit dem 23. September nicht mehr an die Gesellschaft zahlen, sondern nur noch an den vorläufigen Insolvenzverwalter. Eine Zahlung auf das alte Konto befreit nicht von der Schuld.
Lott, Chronext, ViveLaCar: Die Liste wird länger
99rooms ist nicht der erste Fall, über den Wortfilter bei TPG berichtet. Im Mai 2025 fragte Wortfilter, ob The Platform Group klamm sei , nachdem das Manager Magazin über eine unbezahlte Rechnung über 150.000 Euro und Vollstreckungsbescheide gegen die Tochter ViveLaCar (heute x-Mobility) berichtet hatte. Im August 2026 folgte die Recherche zur Autoteile-Tochter Lott: über 200.000 eBay-Listings auf „nicht mehr vorrätig“ , ein leerer Onlineshop, geplatzte Kleinstlastschriften bei Lieferanten, die Wortfilter anhand von Bankauszügen belegen konnte, ein gesperrter Einkaufsaccount bei tyre24 und die Kündigung durch die Aktivbank . Ebenfalls im August berichtete Wortfilter über die Luxusuhren-Plattform Chronext , bei der ein Anwalt 25 Mandanten mit offenen Beträgen zwischen 2.000 und 80.000 Euro vertritt.
Dazu kommen die Berichte der großen Wirtschaftsmedien: Das Manager Magazin schrieb im Juni 2026 über Kreditkündigungen mehrerer Banken im zweistelligen Millionenbereich, einen Justizbeamten wegen angeblicher Steuerschulden und eine Strafanzeige wegen des Verdachts der Urkundenfälschung bei einer Mithaftungserklärung. Die WirtschaftsWoche titelte „Herr Benner und die Kunst des Weglassens“, der Schuhkurier meldete seit 2023 wiederholt verspätete Auszahlungen an Händler bei Schuhe24. TPG dementierte jeweils, verwies auf über 48 Bankverbindungen und aktives Working-Capital-Management. Auf eine Wortfilter-Anfrage im April 2026, ob innerhalb der Gruppe Insolvenzverfahren geprüft würden, antworteten Benners Anwälte, man prüfe „mangels Anlasses keinerlei Insolvenzverfahren“, die Mutmaßung sei „schlicht grundlos“ und „schadensersatzträchtig“, verbunden mit dem Hinweis auf § 824 BGB und § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit § 186 f. StGB. Fünf Monate später stellte eine TPG-Tochter den Eigenantrag.
Meinung: The Problem Platform Group
Benner sollte seine Bude umbenennen: The Problem Platform Group. Fasst man die Berichte aller Medien der letzten ein bis zwei Jahre zusammen, Manager Magazin, WirtschaftsWoche, Schuhkurier, Doppelgänger-Podcast, Wortfilter, dann darf man schon der Meinung sein, dass TPG eine Menge Probleme hat. Nicht ein einzelner Vorfall, sondern die Summe: Vollstreckungsbescheide, gekündigte Kredite, unbezahlte Lieferanten, Händler, die auf Auszahlungen warten, Kunden, die auf Uhren Autoteile und Sofas warten, und jetzt die erste Insolvenz. Jedes Mal gab es ein Dementi, jedes Mal eine Erklärung, jedes Mal eine anwaltliche Drohung. Der Autor ist der Meinung, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein wird, bis das Wolkenschloss ganz schnell zu einem tiefen dunklen Abgrund wird.




